Im Schatten der Corona-Pandemie

Hungerpandemie Das Welternährungsprogramm ist Preisträger des Friedensnobelpreises 2020. Bei der digitalen Verleihung in Rom rief Exekutivdirektor David Beasley zum Handeln auf.
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In Zeiten von Corona seien weltweit 270 Millionen Menschen akut durch Unterernährung bedroht. Der Appell war dramatisch: Es drohe eine tödliche „Hungerpandemie“, warnte der Leiter der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (WFP) in seiner Dankesrede. Nicht zu handeln, hätte Auswirkungen, die die Folgen von Covid in den Schatten stellten. Kriegerische Auseinandersetzungen, der Klimawandel und der weit verbreitete Einsatz des Hungers als politische und militärische Waffe sowie die Corona-Pandemie würden die Not exponentiell vergrößern.

Aus Gründen des Gesundheitsschutzes wurden Medaille und Urkunde des Friedensnobelpreises dieses Jahr nicht wie üblich in Oslo, sondern am Hauptsitz der WFP in Rom verliehen. Beasley verwies in seiner Rede auch auf den enormen Wohlstand auf der Welt in Höhe von 400 Billionen US-Dollar. Das globale Vermögen sei allein während der Hochphase der Corona-Pandemie um mehrere Billionen US-Dollar gewachsen. Dagegen genügten bereits fünf Milliarden US-Dollar, um 30 Millionen Menschen vor dem Tod durch Verhungern zu bewahren. Seit Wochen mahnt das Welternährungsprogramm ein stärkeres Engagement im weltweiten Kampf gegen den Hunger an. Besonders dramatisch sei die Lage in Burkina Faso, im Südsudan, Jemen und in Teilen Nigerias.

Finanzierung nicht hinreichend gesichert

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) äußerte sich jüngst in ähnlicher Weise: Die Mittel für internationale Organisationen wie das Welternährungsprogramm müssten durch die Geberländer dringend aufgestockt werden. Der Kampf gegen den Hunger sei die beste Friedenspolitik. Trotz steigender Herausforderungen sank die Fördersumme des Welternährungsprogramms laut offiziellem Bericht vom Dezember 2020. Verfügte das WFP im Jahr 2019 noch über Mittel in Höhe von acht Milliarden US-Dollar, sank die Zahl im laufenden Jahr 2020 auf 7,7 Milliarden US-Dollar. Mit Abstand größter Geldgeber sind die USA mit derzeit rund 3,5 Milliarden US-Dollar. Deutschland liegt an zweiter Stelle mit geleisteten Beiträgen von circa einer Milliarde US-Dollar.

Zahl der Hungernden steigt mittelfristig wieder an

Unterernährung gilt nach wie vor als das weltweit wichtigste Gesundheitsrisiko. Zwar gab es in den vergangenen drei Jahrzehnten große Erfolge im Kampf gegen den Hunger. So gelang es, die Zahl unterernährter Menschen zwischen 1990 und 2015 um über 200 Millionen zu senken. Doch laut einem Report der Vereinten Nationen vom Juli 2020 zeichnet sich innerhalb der letzten fünf Jahre ein Negativtrend ab. Aktuell würden 690 Millionen Menschen weltweit an Hunger leiden. Dass sich die Situation voraussichtlich verschlechtert, ist auch eine Folge der Corona-Pandemie und den mit ihr einhergehenden wirtschaftlichen Verwerfungen. Die Rechnung ist einfach: Geringere Einnahmen bedeuten geringere Einfuhren von Lebensmitteln.

Nobel-Komitee würdigt Bedeutung des Welternährungsprogramms

Berit Reiss-Andersen, Vorsitzende des norwegischen Nobel-Komitees, hatte bei der Bekanntgabe der Entscheidung im Oktober betont, dass das WFP nicht nur im Kampf gegen den Hunger unverzichtbar sei. Es sei ebenso ein Garant für Frieden und Stabilität auf der Welt. Dies zeige sich besonders in der Corona-Krise. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen besteht seit 1961. Sein aktuelles Ziel lautet „Zero Hunger“: die Abschaffung von Unterernährung bis 2030. Im Jahr 2019 wurden 97 Millionen Menschen in 88 Staaten mit Nahrungsmitteln unterstützt. Das WFP wird ausschließlich über freiwillige Beiträge finanziert. Sie stammen größtenteils von Staaten, aber auch Unternehmen und Privatpersonen.

23:49 14.12.2020
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Geschrieben von

Thomas S. Haverkamp

Wieder wohnhaft im verträumten Obertraubling habe ich dieses Jahr mein Studium in Politikwissenschaften abgeschlossen.
Thomas S. Haverkamp

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