Inklusion schweitert noch immer an Schulen

Schulpolitik Geht es nach der Behindertenrechtskonvention der UNO ist Deutschland verpflichtet, Kinder mit Behinderungen nicht auszugrenzen.
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Geht es nach der Behindertenrechtskonvention der UNO ist Deutschland verpflichtet, Kinder mit Behinderungen nicht auszugrenzen. Selbst wenn der Schüler besonderer Förderung bedarf, soll er in einer normalen Schule unterrichtet werden. 11 Jahre nachdem die Konvention in Kraft getreten ist, wird immer mehr deutlich, wie sehr diese Forderung an der Realität vorbeigeht.

Funktioniert Inklusion an deutschen Schulen?

Um herauszufinden, ob die Förderschule wirklich ein Auslaufmodell ist, wurden Lehrende an allgemeinbildenden Schulen nach ihren Erfahrungen befragt. Ganz besonders war der „Verband Bildung und Erziehung (VBE)" daran interessiert, ob überhaupt genügend Sachmittel und Lehrkräfte zu Verfügung gestellt werden. Das Ergebnis ist erschütternd: 4- für die Politik!

Die Schulen würden zwar ständig dazu angehalten, Inklusion zu üben, die Rahmenbedingungen seien dafür aber keinesfalls gegeben. Dazu kommt, dass der Lehrkörper dem inklusiven Lernen seit Jahren skeptisch gegenüber steht und dieses mit nur einer hauchdünnen Mehrheit von 56 % unterstützt. Das Besondere an diesen Zahlen ist, dass selbst im Unterstützer-Camp viele Lehrende ein gemeinsames Lernen aufgrund einer chronischen Unterfinanzierung der Schulen für einen Traum halten.

Welche Kinder brauchen besondere Hilfe?

Die Kultusministerkonferenz hat im Jahr 2018 bekannt gegeben, dass über eine halbe Million der 8 Millionen Schüler in Deutschland von Sozialpädagogen gesondert betreut gehören. 34,6 % leiden unter einer Lernbehinderung, 17,2 % haben soziale oder emotionale Entwicklungsstörungen. Aber auch körperliche Behinderungen und Sprachprobleme kommen häufig vor. Das Problem: Jede Behinderung bedarf einer individuell unterschiedlichen Betreuung. Kinder im Rollstuhl benötigen einen barrierefreien Ausbau, während Schüler mit Entwicklungsstörungen durch Sozialpädagogen gefördert werden wollen.

Warum klappt Inklusion an deutschen Schulen nur selten?

An Schulen in Deutschland fehlt es an allen Ecken und Enden, um die 235.000 Kinder, die keine Sonderschule besuchen, in den normalen Unterricht einzubinden. Zum einen mangelt es an einer behindertengerechten Infrastruktur. Nur 16 % aller Schulen sind barrierefrei ausgebaut. Es sind kaum schallgeschützte Räume vorhanden und eine Raumteilung (für die Arbeit in Kleingruppen) ist oftmals unmöglich.

Zum anderen fühlen sich Lehrende der Aufgabe nicht gewachsen. 59 Prozent der befragten gaben an, keinerlei sonderpädagogische Kenntnisse zu haben. Zur Vorbereitung auf die Inklusion von Behinderten sei ihnen zudem nur wenige Wochen an Zeit zugestanden worden. Darüber hinaus fehle es an Lehrpersonal, um kleinere Klassen zu ermöglichen. Seit 2015 hat sich die durchschnittliche Zahl der Kinder in Inklusionsklassen kaum verringert – sie liegt immer noch bei rund 18,6.

Gesondertes Personal muss zur Unterstützung vorhanden sein - das ist allen Akteuren klar. Trotzdem können an drei von vier Schulen inklusive Lerngruppen nur an einigen Tagen der Woche zusammenkommen. Immerhin wurde die Zahl der Sozialpädagoginnen seit 2015 deutlich aufgestockt. Trotzdem reiche dies nicht aus.

Die Covid-19-Pandemie verschärft die Situation

Von Schulschließungen und Einschränkungen im Regelbetrieb sind laut Umfrage insbesondere förderungsbedürftige Kinder betroffen. 74 Prozent gaben an, Corona hätte Inklusionsbemühungen zurückgeworfen – behinderte Schüler seien regelrecht vergessen worden. Vonseiten des VBE zeigt man sich schmerzlich berührt von den Defiziten des Bildungssystems, welche durch die Gesundheitskrise augenscheinlich wurden.

Wie fällt das Fazit der Lehrenden aus?

Mit überwältigender Mehrheit von 83 % unterstützen Lehrerinnen und Lehrer den Erhalt der Förderschule. Solange die Politik nicht genügend Mittel bereitstelle, kann Inklusion in der Regelschule nicht funktionieren. Vielmehr sollten Gelder an anderer Stelle fließen, beispielsweise ind die Modernisierung. Fast alle Schulen in Deutschland arbeiten mit veralteten Computern. Ein Upgrade der Schul-IT-Systeme, so dass sie auch mit beispielsweise modernen iPhones 12 inkl. schicken Handyhüllen kompatibel sind, ist empfehlenswert. Ein sehr schlechtes Zeugnis für die Verantwortlichen! Die Gewerkschaft der Lehrer fordert darum erneut mehr Unterstützung ein. Kleine Klassen, mehr qualifiziertes Personal, eine gute Aus- und Fortbildung sowie der barrierefreie Ausbau seien notwendig, um den Traum von der Inklusion wahr werden zu lassen.

18:41 11.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Thomas S. Haverkamp

Wieder wohnhaft im verträumten Obertraubling habe ich dieses Jahr mein Studium in Politikwissenschaften abgeschlossen.
Thomas S. Haverkamp

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