Literaturnobelpreis: Wenige schreiben so radikal über Klasse wie Annie Ernaux

Klassenliteratur Die Französin Annie Ernaux erhält den Literaturnobelpreis 2022 für ihr autofiktionales Werk, in dem sie Klassismus, Sexismus und Politik verhandelt. In wenigen Tagen erscheint ihr neuestes Erinnerungswerk „Das andere Mädchen“
Annie Ernaux erhält den Literaturnobelpreis für ihr autofiktionales Werk
Annie Ernaux erhält den Literaturnobelpreis für ihr autofiktionales Werk

Foto: Imago/Agencia EFE

Der Literaturnobelpreis 2022 geht an die Grande Dame der autobiografischen Literatur Annie Ernaux. Sie erhält ihn „für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, die Entfremdungen und die kollektiven Zwänge der persönlichen Erinnerung aufdeckt“, teilte die Schwedische Akademie am 6. Oktober mit. Eine Entscheidung, die auf breite Zustimmung stößt.

Die 1940 geborenen Französin ist erst die 17. Frau, die den Literaturnobelpreis in seiner über einhundertjährigen Geschichte erhält. Sie wurde seit Jahren als eine der heißesten Anwärterinnen auf den Preis gehandelt, galt in diesem Jahr neben dem indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie, dem ukrainischen Autor Andrej Kurkow und ihrem Landsmann Michel Houellebecq als Top-Favoritin.

Ernaux hat seit den 80er Jahren eine Form der schonungslosen und konzentrierten Erinnerungsliteratur geschaffen, die immer auch die politisch-soziologischen Dimensionen ihres Erlebens wie Klassismus, Geschlecht und Sexualität, aber auch gesellschaftspolitische Verhältnisse mitdenkt und mitschreibt. Diese Literatur zu lesen stellt eine ähnliche Erfahrung dar, wie sie zu schreiben mutmaßlich eine ist. Andere französischsprachige Autor:innen wie Didier Eribon oder Édouard Louis haben diese Art der „Literatur von unten“ übernommen, die inzwischen auch in Deutschland in den Werken von Autor:innen wie Christian Baron oder Marlen Hobrack Fuß fasst.

Annie Ernaux' neuer Roman

In der kommenden Woche erscheint ein neues Buch von Ernaux in deutscher Übersetzung von Sonja Finck. Das andere Mädchen ist bereits 2011 in Frankreich erschienen. Darin reflektiert die 72-Jährige ihre Existenz als Nachgeborene einer größeren Schwester, die vor ihrer Geburt an Diphtherie gestorben ist. Davon erfuhr Ernaux zufällig bei einem Gespräch ihrer Mutter mit einer Nachbarin. Über diese Schwester wird sie von ihren Eltern nie wieder ein Wort hören und ihrerseits auch niemals nach der Verstorbenen fragen. Dieses unausgesprochene Schweigegelübde verleiht dem „anderen Mädchen“ Gestalt und prägt die Autorin für ihr Leben.

Das neue Buch, eines der vielen schmalen, aber hoch konzentrierten Werke aus der Feder der Französin, hat die Form eines Briefes, den sie an ihre Schwester schreibt. Ein Brief „von überwältigender Klarheit und zarter Traurigkeit, über Trennendes und Gemeinsames, über Kindheit und Geschichte und über Schicksalsschläge, die eine Familie auf immer verändern“, wie es in der Ankündigung des Buches heißt.

Das Leben und die Literatur der Französin bewegt spätestens seit dem letzten Jahr auch Cineast:innen. Audrey Diwans Verfilmung von Ernaux‘ autobiografischem Roman Das Ereignis gewann im vergangenen Jahr in Venedig den Hauptpreis und startete im Frühjahr in den deutschen Kinos. Im Mai lief beim Internationalen Filmfestival in Cannes zudem eine Dokumentation über Ernaux. Les Années Super 8 hat die französische Autorin gemeinsam mit ihrem Sohn aus privaten Aufnahmen zusammengeschnitten. Die Dokumentation ist aktuell in der Arte Mediathek zu sehen.

Im vergangenen Jahr war der Literaturnobelpreis an den tansanischen Schriftsteller Abdulrazak Gurnah gegangen, dessen neuer Roman Nachleben in der Übersetzung von Eva Bonné gerade erschienen ist.

Das andere Mädchen Annie Ernaux Suhrkamp 2022 85S., 18€

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