Liebe im Kalten Krieg

DOKUMENTARFILM "Julias Wahn" von Hannes Schönemann

Als ich das Treatmant zum geplanten Film las, war ich sicher, dass der Autor als Regisseur mit diesem Projekt scheitern würde. Ein postumer Dokumentarfilm über die gescheiterte Liebe eines Ostdeutschen zu einer Ungarin, die in Dänemark lebte und sich, von Zwangsvorstellungen um vermeintliche Stasi-Intrigen verfolgt, 1990 aus dem Leben stahl, konnte nicht gelingen. Für den Wahnsinn einer Frau und die Scheinwelt der Geheimdienste gibt es keine Bilder. Das Einzige, worauf der Regisseur bei dem cineastischen Luftschloß bauen konnte, waren seine Erinnerungen an Julia, die er 1969 bei einem Jugendtreffen in Rostock kennen und lieben lernte, Telefonmitschnitte, Stasiakten und Zeitungsartikel. Schönemann sammelte Geld in ganz Europa und drehte mit den Kameramännern Thomas Plenert und Lars-Peter Bartel die unvollendete Geschichte seiner amour fou als doku-fiktionale Recherche mit ungewissem Ausgang. Aus Mutmaßungen über Julias Geheimdiensttätigkeit und der Selbsterfahrung von Haft und Abschiebung in den Westen strickte der als Staatsfeind abgeschriebene Absolvent der Babelsberger Filmschule einen 90-Minuten-Streifen, der zum Gewagtesten und Eigenwilligsten gehört, was derzeit über das Thema Ost-West im deutschen Kino zu sehen ist. Gewagt, weil der Regisseur sich selbst zur Disposition stellt, ohne Scheu vor Peinlichkeit seine intimen Beziehungen zu Frauen offenlegt, und, nicht ohne Pathos, offensichtliche Trauerarbeit leistet. Eigenwillig, weil der Film ohne knallige Effekte und journalistische Sensationshascherei das vielgeschundene Thema Ost-West-Liebesaffären als das entzaubert, was es in den meisten Fällen war - die Sehnsucht nach etwas Anderem, Unerreichbarem, der Drang nach Selbsterfüllung und Erlösung aus den Zwängen von Politik und Ökonomie.

Während ich als verhinderter Regiestudent noch hoffte, mit dem Staatsdiplom eine "Neue Welle" zu schlagen, es als DEFA-Lohnschreiber später auch halbherzig und mit bescheidenem Erfolg versuchte, war Hannes Schönemann längst klar, dass er in der DDR nichts werden konnte. Als sozialistisches Heimkind und Nachwuchsregisseur ohne Aussicht, je erwachsen zu werden, manövrierte er sich sukzessive ins kaderpolitische Abseits und tat, was wir; "nützliche Idioten der Kulturpolitik" (Lenin), für selbstverschuldete Blödheit hielten: Er legte sich mit den Staatsorganen an und ging für ein Jahr in den "Schwarzen Kasten", jenen berüchtigten Potsdamer Stasi-Knast. 1986 nach Hamburg entlassen, blieb er dort lange ein Fremder unter Seinesgleichen, verdiente sein Brot mit Wahlkampf-Spots für die SPD, als Filmdozent und Fernsehautor. Nach dem Mauerfall zog es ihn in den Osten zurück, wo er zwischen Auftragsarbeiten für ARTE stur sein thematisches Feld - die merkwürdigen Menschen in Mecklenburg - beackert.

Unter seinen neuen langen Dokumentarfilmen ist Labendig für mich der schönste. Er war 1997 auch international ein Kinoerfolg und offenbarte mir, der ich früher nicht sein Freund war, dass hinter der Stretzer Sturkopp-Attitüde ein echter Philantrop und sensibler Filmemacher steckt. Trotzdem hält sich unter ehemaligen DEFA-Aktivisten und nachmaligen gesamtdeutschen Meinungsmachern die Legende, dass mit Hannes Schönemann kein Staat zu machen sei, weil es ihm, wie Hans-Dieter Mäde, Direktor der DEFA, zu sagen pflegte, an "künstlerischer und politischer Reife" mangele. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass Julias Wahn auf dem Filmfest Potsdam trotz schwacher Konkurrenz keinen Preis bekam und in Leipzig nur außerhalb des Wettbewerbs lief. Der wider alle Erwartung gelungene Film ärgert Leute, die früher dem vormundschaftlichen DDR-Staat treu bis unredlich ergeben waren und heute als Quoten-Ossis in Fördergremien Jurys und Zeitungskolumnen zu Gericht sitzen über die ewig Nonkonformen.

Pastor Gauck persönlich stellte die Hannes-Julia-Akten seinem ehemaligen Zögling in der Jungen Gemeinde Rostock zur Verfügung. Wenn Schönemann nicht die letzte Wahrheit über Julias Tod erzählt, dann, weil Julia sie mit ins Grab nahm. Die Aufdeckung eines mörderischen Stasi-Komplotts lag ihm so fern, wie die Abrechnung mit uns Babelsberger Nachwuchskadern des Jahrgangs 1949, die wir keinen Finger rührten wegen der Verhaftung des Ehepaares Schönemann.

Julias Wahn ist kein gefälliger Film, vielleicht auch kein konsequenter, weil der Regisseur vor der Möglichkeit zu scheitern, ausweicht und dem Kommentar mehr vertraut, als den Bildern. Gut, dass er jetzt im November in die Kinos kommt.

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