Schattengänger und Simulanten

PAKT OHNE SEX Der Debütroman von Sonja Rudorf: »Die zweite Haut« bleibt am Ende blass

Die Geschichte hat mehrere Paten. Aber es schadet ihr nicht, wenn High smith, Goethe und Stoker um die Ecke linsen. Moderne Vampire trinken kein Blut mehr; ihr Lebenselixier ist der emotionale Energiedrink, den sie sich in der Anverwandlung fremder Wesen reinsaugen. »Sie war es gewohnt, bei Männern über den Sex zu gehen, um ihnen, waren sie erst geködert und abhängig von ihr, die für sie wichtigen Gefühle abzutrotzen.« Die hier kaltblütig und zielgenau Identitäten entwendet, um sich den ultimativen Kick für ihr farb loses Leben zu holen, ist Verena aus Frankfurt. Eine junge Frau, ein bisschen blass um die Nase und Kuscheltieren noch zugeneigt, geht auf Menschenjagd. Sie dringt in das Leben junger Frauen und Männer ein, durchstöbert deren soziales Umfeld, stülpt ihre Charaktere auf den Kopf, provoziert und spielt mit Ängsten und Sehnsüchten, um am Ende in der heimlichen Nachahmung fremden Lebens dem eigenen Gefühlshaushalt ein paar überlebenswichtige Impulse verleihen zu können. Selbst völlig bindungsunfähig, ist sie dann bald der neuen Liebschaft überdrüssig und geht wieder auf die Jagd nach Frischfleisch. Im ehrgeizigen Rechtsanwalt Roland erwächst ihr ein ebenbürtiger Gegner. Dieser strategisch denkende, aber auch komplexbeladene Karrierist schließt am Ende mit ihr einen Pakt »ohne Sex«, zwei Schattengänger und Simulanten, die ihre Leere zu überwinden und im Geheimnis des anderen Ich zu kompensieren suchen.

Die zweite Haut ist der Debütroman der 34jährigen Frankfurterin Sonja Rudorf. Die Grundidee ihres Textes ist nicht wirklich neu, aber sie gewinnt ihr durchaus Spannungsmomente ab, auch wenn das Ende recht blass ausfällt. Rudorf erzählt konventionell und doch mit einem Gespür für Anschaulichkeit und Klangfarbe. Man hätte sich mehr Mut gewünscht: zur Verdichtung des Textes und bei der Gestaltung der (Neben-)Figuren, die schablonenhaft wirken. Doch gibt es genügend Ansätze, die die erzählerische Begabung der Autorin erkennen lassen und dem Roman literarische Qualität sichern.

Sonja Rudorf: Die zweite Haut. Roman. Rotbuch Verlag, Hamburg 2000. 209 S., 36,- DM

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