Alles ist in Bewegung

Lebensbuch Leonard Cohens erster Roman „Das Lieblingsspiel“ pendelt zwischen Schönheit und Schmerz

Leonard Cohen gilt als Meister romantischer Poesie und des „folk noir“. Seine Anhänger fasziniert diese Symbolfigur in Gedichten und Liedern mit einer spezifischen Mischung aus Geheimnis, Melancholie und Liebe seit Jahrzehnten weltweit bis heute. Kein Wunder, dass er gerade den Grammy 2010 für sein Lebenswerk zugesprochen bekam.

Der 1934 in Montreal geborene Cohen wuchs im Westmount District von Montreal auf und verlor seinen Vater, als er neun Jahre alt war. Entbehrung und Einsamkeit hat er später einmal als „mother of poetry“ bezeichnet. Andererseits verlief seine Jugend nicht außergewöhnlich: Er spielte Eishockey, studierte an der McGill University und engagierte sich in der Studentenvertretung.

Schon als Heranwachsender entwickelte er ein Faible für die Folk Music, nahm Gitarrenunterricht und entdeckte für sich das Leben eines jungen Bohemiens. Erste Auftritte mit Country- und Westernbands folgten. Gleichzeitig belegte er Literaturkurse bei den Autoren Louis Dudek und Hugh Maclennan, die seine eigenen literarischen Ambitionen verstärkten. Cohen begann zu schreiben und war Teil einer jungen Autorengeneration, die sich mit neuen ästhetischen Formen und tabuloser Sprache gegen die Orthodoxie der kanadischen Literatur wandte.

1956 veröffentlichte Cohen seinen ersten Gedichtband, Let Us Compare Mythologies, ging dann für ein paar Monate nach New York, erlebte dort seine erste große Liebe, kehrte nach Montreal zurück, trat als Rezitator in Nachtclubs auf und arbeitete tagsüber in der Kleiderfabrik seines Onkels. Als er von dieser Tätigkeit genug hatte, kaufte er sich ein Haus auf der griechischen Insel Hydra und vollendete dort seinen ersten Roman, The Favourite Game (1963), der nun in der hervorragenden Übersetzung von Gregor Hens in einer neuen Ausgabe als Das Liebesspiel vorliegt.

Körpersäfte fließen

Der Roman schildert in ironischer Gebrochenheit und doch weitgehend autobiografisch das Leben von Lawrence Breavman, der in Montreal aufwächst und allmählich seine Berufung zum Dichter entdeckt. Kino, Männerfreundschaften und vor allem die allmählich überaus intensiv entflammende Liebe zum anderen Geschlecht prägen diesen Text, den man mit seinen Episoden und Reflexionen kaum nacherzählen kann.

Der junge Lawrence hat dabei große Schwierigkeiten, sich zu öffnen, sich wirklich auf die Liebe einzulassen. Körpersäfte fließen, alles ist in Bewegung, Sex dominiert seine Lebenswelt, alles scheint perfekt, doch seine Gefühlswelt ist chaotisch, zeigt ihn als zerrissenen, ruhelosen Charakter, der seine Mitte noch finden muss – im Besonderen, als seine große Liebe Shell eine Entscheidung fordert.

Cohen glaubt erkennbar an die Kraft der Sprache, wenn er Lawrence sagen lässt: „Ich möchte die Menschen wie ein Zauberer berühren, ich möchte sie verwandeln, ihnen Schmerzen zufügen, ein Brandzeichen hinterlassen, ich möchte ihnen Schönheit schenken. Ich will der Hypnotiseur sein, der niemals Gefahr läuft, selbst einzuschlafen.“

In dem Zwiespalt zwischen Schmerz und Schönheit pendelt der ganze Text, zwischen Verlust und Kreativität, ein fundamentales Kennzeichen Cohen’­schen Schreibens. Und ist nicht zuletzt deshalb auch noch nach über vierzig Jahren ein umwerfendes Lebensbuch.

Das Lieblingsspiel Leonard Cohen. Roman. Aus dem Englischen von Gregor Hens. Blumenbar, München 2009. 319 S., 19,90

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