Zu laut

KEHRSEITE Friedbert Pflüger über das System Kohl und den Neubeginn der CDU

Es hatte Suppe gegeben, ich hatte
Abgewaschen und war jetzt allein.
Sie war für eine halbe Stunde fort.
Eine halbe, hat sie gesagt, länger nicht.
Zu warm für einen Mai seit Tagen
Noch auf dem Hinterhof in Berlin.
Ich saß in der Küche rum, wippte
Mit dem Fuß und versuchte zu lesen.
Preußentum und Sozialismus oder
Doch die Tageszeitung, eine alle drei
Nacheinander, was von welcher, wo
Fang ich an. Dann ist es das Buch.
Ich lese zwei Seiten, drehe den Kopf
Um keinen Laut zu machen, schiele
Hinunter zu ihm auf dem Linoleum
Der die Augen fest geschlossen hält.
Vielleicht sollte ich fernsehen.
Draußen ist es dunkel geworden
Drinnen auch. Vielleicht sollte ich
- Er wird wach. Erst ein Wimmern
Ein Zucken, dann das Übliche
Wenn ein Säugling sich beschwert.
Er schreit. Schreit, weil er nicht
Einschlafen kann. Macht nichts
Passiert öfter. Bin ich gewohnt.
Ich nehme ihn hoch, trage ihn rum
Versuche ein Lied, rede langsam auf
Ihn ein, lange, vergeblich und länger.
Ein Kartoffelsack hätte vielleicht
Reagiert. Ich schüttle ihn, der nichts
Versteht, geh ans Fenster mit ihm, zeige
Die Bäume davor, den Mondlampion.
Er atmet, holt Luft, lange Luft, tief
Und er schreit. Ich sage seinen Namen
Sage Babybaby und andere Sachen
Und stoße zusammenhangslos
Vokale in die Luft, um ihn zu übertönen.
Er schreit. Hat er geträumt und wovon
Bauchweh, Angst oder nur Durst, ein
Wachstumsschub, wer kann das wissen.
Er schreit. Die Mutter ist nicht da
Ihm die Brust zu geben, der Tee
Aus Anis und Fenchel nicht gewollt.
Zwei Treppen tiefer, bei den Nachbarn
Sie müsste es hören, aber runterzugehen
Nein. Wirst das hinkriegen, Mann.
Konzentrier dich, sieh dir selbst zu.
Er setzt sich und wartet. Er ist müde
Geworden und sitzt. Das Baby ist müde
Und schreit. Auf dem Hof ist es dunkel
Und still. Nur das Säuglingsgeschrei
Schallt bösartig hin- und hergeworfen
Zwischen den Blocks. Ein Hund
Ohne Schlaf scheint darauf gewartet
Zu haben und jault. Etwas Schweres
Schlägt gegen etwas. Holz splittert.
Die Stimme des Nachbarn legt los
Die Stimme des Hundebesitzers
Legt sich dazu, Fensterflügel knallen
Vom dritten Stock keift die Alte, die
Ihre Perücke öfter andersrum trägt
Unbekannte Stimmen, unter denen
Keine Babystimme mehr zu hören ist.
Aber er schreit. Krampfartig beinah
Und zuckt. Ein Körperkopf. Ein Botticelli
Ohne Flügel. Ein Kloß. Ich weiß nicht


Was ich machen soll, nachdem ich
Ihn gewindelt und ihm wieder was
Gesungen habe. Ein Fehler möglicherweise.
Niemand sollte zweimal hintereinander
- Ich weiß. Auf dem Hof dort draußen
Sind die Lichter an- und aus- und wieder
Angegangen. Das Küchenfenster
Zumachen, ein Gedanke, der folgenlos
Bleibt. Vielleicht soll es so sein.
Ein Mann im Fenster, im Rücken eine
Menschmaschine, die schreit, von
Farbloser Milch oder dem Mangel daran
Angetrieben. Er, der seinen Kopf
Der meinem ähnelt, nicht in der Graden
Halten kann, sieht mich durch sein
Brüllen in der Fensterscheibe an.
Einen Moment lang glaube ich Hass
In den aufgerissnen Pupillen zu sehen.
Ich stelle mir vor, jeder Mensch würde
Schreien, hemmungslos wie das Kind
Vor mir im Autositz unten auf dem
Küchenfußboden, mit seiner ganzen Kraft
Weil es anders nicht geht, wenn jemand
Nicht einschlafen kann. Ein Schreichoral
Aus zweihundert müden Menschenkehlen
Abends, auf einem Hinterhof in Berlin
Oder sonst wo, ganz sicher, es wäre zu laut.

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