Wir sind sterblich

Sterben Zum Tod und zum Sterben hat jede und jeder einen individuellen Zugang.
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Der Tod, notierte einst ein junger Schweizer Theologe namens Johann Christoph Tobler, sei gar nichts anderes ein „Kunstgriff“ der Natur, um „möglichst viel Leben zu haben“. So leichtfüßig das Wort daherkommt, so tiefsinnig ist es. Denn hier erscheint der Tod nicht als der Feind des Lebens, sondern vielmehr als sein Freund oder wenigstens sein Diener, ohne den das Leben sich nicht so entfalten könnte, wie es möchte. Denn nur wenn Altes geht, kann Neues werden – nur wenn Neues wird, kann sich am großen Baum des Lebens eine neue Blüte öffnen, die eine bislang ungeahnte Möglichkeit des Lebens offenbart.

Das Wort von Tobler wäre in Vergessenheit geraten, wenn nicht ein anderer Zeitgenosse es publik gemacht hätte: Goethe. Er konnte sich zwar später nicht mehr recht daran erinnern, ob es von ihm oder von einem anderen war, doch in der Sache passt es gut: „Und solang du das nicht hast, dieses: ,Stirb und werde!‘, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.“ Wobei die Zeilen Goethes noch ein Stück weit kühner sind als das Zitat von Tobler, sagen sie doch unverhohlen, unser Menschenleben sei erst echt und ganz und tief, wenn wir Ernst mit jener einfachen und schönen Wahrheit machten: dass der Tod ein Teil des Lebens ist, ohne den das Leben nicht vollkommen wäre. Warum ist das so? Zum einen, weil das Alte weichen muss, um Platz zu schaffen für das Neue; weil die Erde sehr bald überfüllt mit Lebewesen wäre, wenn sie nicht der Tod ereilen würde. Doch noch wichtiger und tröstlicher ist für uns Sterbliche, dass der Tod unserem Leben erst Sinn und Tiefe gibt. Denn nur weil das Leben endlich ist, eignet ihm in jeden Augenblick ein unendlicher Wert. Wäre das Leben grenzenlos, wäre ein jeder Augenblick unendlich austauschbar – und weil das Leben eines Menschen eine Perlenkette von Augenblicken ist, verlöre es im Ganzen seinen Wert, wenn jeder Augenblick belanglos wäre.

02:59 11.09.2018
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Geschrieben von

Thomas Neuwirth

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