RE: Im Kern: Judenfeindschaft | 11.04.2021 | 23:40

Eine Frage an den Autor: Was ist gewonnen, wenn man sich auf eine Antisemitismus-Definition einigen kann? Offensichtlich kann man niemandem verbieten, Antisemit - wie immer man ihn definiert - zu sein. Man kann ihm allenfalls verbieten, das erkennen zu lassen. Das aber wiederum lässt den Antisemitismus nicht verschwinden, sondern erzeugt neue Ressentiments und Aggressionen. Es wäre ein Fortschritt, wenn sich jemand ungeahndet als Antisemit bekennen könnte, wie man bekennen kann, dass man Aristokraten oder Vegetarier nicht mag. Eine Bekehrung ist, wie die Geschichte lehrt, ohnedies nicht möglich. Die Aufklärung ist gescheitert. Verboten und bestraft werden müssen alle Formen der Aggression (dafür gibt es bereits Gesetze, die man modifizieren kann), aber jeder Versuch, kollektive oder individuelle Aversionen abzumahnen, ist wiederum zum Scheitern verurteilt. Der Hinweis, dass jemand Antisemit sei, ob er nun, je nach Definition, berechtigt ist oder unberechtigt, bewirkt nichts, so lange der Beschuldigte nur die Wahl hat, zu leugnen. Wie will man entscheiden, wer Antisemit ist: wer zum Boykott Israels aufruft, oder wer zum Boykott jener Juden aufruft, die diesen Boykott unter den gegebenen Bedingungen für richtig halten wie amerikanische Vietnamkrieggegner einst den Widerstand gegen die Politik der USA? Wäre es nicht realistischer, zu überlegen, wie man auf halbwegs zivilisierte Weise mit Antisemiten zusammen leben kann (es bleibt einem eh nichts anderes übrig, wenn man nicht einem Selbstbetrug aufsitzen will), wie Menschen, die Angst vor dem Coronavirus haben, mit jenen zusammen leben müssen, die sich wegern, Masken zu tragen. Die Erfahrung zeigt uns auch in diesem Fall, dass mit Appellen nicht viel zu erreichen ist.

RE: Wir haben uns bemüht | 07.04.2021 | 20:58

Ein Artikel, der sich offenkundig dem Niveau der kritisierten Übersetzung angleichen wollte - mit Erfolg. Ein Gedicht muss weder Strophen haben, noch Reime. Reime, wenn es sie denn gibt, sind immer verstreut, aber nie versteckt. Alliterationen können, im Gegensatz zu Assonanzen, nicht klingen, weil sie aus Konsonanten bestehen. „beast / peace“ ist kein Reim, auch kein versteckter, sondern allenfalls ein unreiner. Anfangsbuchstaben (genauer: -laute) können einem Gedicht keinen Takt geben. „Bei aller Ermüdung, wir haben uns bemüht“ findet, anders als der Vorschlag des Kritikers, immerhin eine Entsprechung für die Vokalwiederholung des Originals. Die angebotene Alternative ist nicht besser und erst recht nicht feingliedrig. Michael Wurmitzer hat am 30. März im Wiener Standard eine hervorragende Analyse der missglückten Übersetzung geliefert. Ein Nachschlag, der hinter dem Anspruch eines germanistischen Proseminars zurückbleibt, ist weder hilfreich, noch gerecht. Er ist noch nicht einmal eine Erinnerung an ein freudiges Ereignis, sondern nur überflüssig.

RE: Volle Taschen hier, Identität dort | 11.03.2021 | 12:51

Gerne: http://ciml.250x.com/cwish/zetkin/german/clara_zetkin_1920-1921_richtlinien_fuer_die_kommunistische_frauenbewegung.html

Vielleicht haben Sie einen Vorschlag, wieso dieses Zitat und andere von Clara Zetkin (bei der SPD) weniger geläufig sind als Schillers "An die Freude"...

RE: Volle Taschen hier, Identität dort | 11.03.2021 | 12:23

Wohl wahr. Man wagt es ja kaum zu fragen, aber könnte es sein, dass die unterschiedliche Perspektive von Thierse und den SPD-Vorsitzenden damit zusammenhängt, dass jener in der DDR sozialisiert wurde und diese in der alten Bundesrepublik aufgewachsen sind?

RE: Volle Taschen hier, Identität dort | 11.03.2021 | 12:00

Die gegenwärtige Situation wurde vorbereitet durch die bürgerliche Frauenbewegung, deren Funktion, wenn nicht Absicht es war, den Klassenkampf durch den Geschlechterkampf zu ersetzen. Das konnte man seit einem halben Jahrhundert wissen, und es erklärt den Erfolg der bürgerlichen Frauenbewegung. Gendern statt Umverteilung von den Besitzenden zu den Benachteiligten: das kann das Patriarchat gut verkraften. Clara Zetkin vor exakt 100 Jahren: "Allein, in der Praxis läuft die Verwirklichung frauenrechtlerischer Forderungen in der Hauptsache darauf hinaus, die kapitalistische Ordnung zugunsten der Frauen und Töchter der besitzenden Klasse zu reformieren, während die ungeheure Mehrzahl der Proletarierinnen, die Frauen des schaffenden Volkes, nach wie vor als Unfreie und Ausgebeutete der Verkümmerung und der Missachtung ihres Menschentums, ihrer Rechte und Interessen preisgegeben sind." Daran hat zum Weltfrauentag, den Clara Zetkin "erfunden" hat, niemand erinnert. Heute gibt es kaum mehr eine politische Bewegung, die die Interessen der Herrschenden ernsthaft gefährdet, und erst recht keine öffentliche Kritik an der ökonomischen Ungerechtigkeit des Kaitalismus. Mit Zugeständnissen an einzelne Gruppen kann die Power Elite ebenso gut leben wie mit dem Gendersternchen und mit Frauen von Margret Thatcher bis Angela Merkel und Ursula von der Leyen, die die Klassengesellschaft nicht in Frage stellen, sondern von ihr profitieren.

RE: Zwischen Pest und Cholera? | 02.11.2020 | 13:31

Gibts eigentlich für Prachtkerl eine weibliche Form? Aber ja doch: Magda!

RE: Zwischen Pest und Cholera? | 02.11.2020 | 12:19

Ach Magda, in welcher Welt leben Sie? Kaum ein Politiker findet so viel Zustimmung wie Angela Merkel. Wenn sie eine Hexe ist, dann sind ihre männlichen Gegenspieler in der eigenen Partei und bei der Konkurrenz vermaledeite Teufel. Worüber sich reden ließe.

RE: Zwischen Pest und Cholera? | 02.11.2020 | 09:01

"Der Umgang mit Frauen in der Politik": Sprechen Sie von Golda Meir, von Thatcher, von Merkel, von von der Leyen? Erinnern Sie sich noch, wie man in der Politik mit Fidel Castro umgegangen ist? Der ist, soweit bekannt, keine Frau.

RE: Zwischen Pest und Cholera? | 01.11.2020 | 22:53

Mag sein, dass das Motiv für Hass auf Hillary Clinton Misogynie ist. Mag sein auch nicht. Mag sein, manchmal ja, manchmal nein. Es gibt ja durchaus plausible politische Argumente für diesen Hass (was für ein schlichter Begriff). So lange keine Belege dafür vorgwiesen werden, gleicht die Behauptung der Unterstellung, das Motiv für Kritik an Netanjahu sei Antisemitismus.

RE: Zweihundertneunundfünzigtausend | 30.10.2019 | 13:22

"Die AfD muss aus der Regierung herausgehalten werden. Und das wird sie. So wehrhaft ist die Demokratie." Soll ich mich damit beruhigen? Und wenn jemand 1932 gesagt hätte: "Die NSDAP muss aus der Regierung herausgehalten werden. Und das wird sie. So wehrhaft ist die Demokratie." Hätte das, retrospektiv, gereicht, um beruhigt zu sein? Was muss geschehen, damit man an der Wehrhaftigkeit der Demokratie zweifelt? Wer garantiert uns, dass es nicht noch mehr Menschen gibt, die eine Demokratie für verzichtbar halten, als es Höcker-Wähler gibt?