An Marthaler gedacht, Füße geküsst

Bühne Kaum zu glauben, dass G.F. Händels "Messiah" zu Lebzeiten als blasphemisch galt. Das Theater an der Wien hat sich an eine szenische Inszenierung des Oratoriums gewagt

Das Theater an der Wien hat eine ruhmvolle Vergangenheit. Hier immerhin hatte Die Zauberflöte ihre Uraufführung. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es der Staatsoper bis zum Wiederaufbau des zerbombten Gebäudes am Ring als Quartier. Nach bewegten Zeiten figuriert es nun seit drei Jahren als Wiens drittes (oder, wenn man die sympathische Kammeroper mitzählt, viertes) Opernhaus. Es hat kein eigenes Ensemble, die (Ko-)Produktionen werden en suite gespielt, aber die Wiener Symphoniker, das Radio-Symphonieorchester Wien und der Concentus Musicus, der renommierte Arnold Schoenberg Chor sowie Dirigenten vom Format eines Harnoncourt, eines René Jacobs, eines Valery Gergiev, eines Fabio Luisi stehen dem Haus regelmäßig zur Verfügung und Regisseure wie Patrice Chéreau, Willy Decker, Achim Freyer, Christof Loy oder Martin Kusej haben nun bereits mehrere Inszenierungen verwirklicht, die Staats- und Volksoper eher altbacken erscheinen lassen.
Auch Claus Guth zählt zu den Regisseuren der ersten Stunde. Zu den Schwerpunkten der Spielplangestaltung im Theater an der Wien gehört die Barockoper. Nun hat Guth Händels Messiah, gemeinhin konzertant, als Oratorium aufgeführt, szenisch realisiert.

Schwer vorstellbar, dass dieses Werk, dessen Libretto aus Bibelversen besteht und dessen „Hallelujah“ zu den populärsten Chorwerken überhaupt gehört, zu Händels Lebzeiten als blasphemisch abgelehnt wurde. Claus Guth ist jedoch der Verführung zur illustrativen Doppelung der Bibeltexte zum Glück nicht erlegen. Stattdessen lässt er sich von ihnen zu mehr oder weniger naheliegenden Assoziationen anregen. Da darf es auch mal läppisch werden, wenn er zu dem Vers „Wie lieblich sind die Füße der Boten, die Frieden predigen, Gutes verkündigen“ (Jesaja 52,7) ganz prosaische Füße liebkosen lässt. Pate gestanden haben vielleicht der Actus Tragicus, die Bühnenbearbeitung Herbert Wernickes von sechs Kirchenkantaten Bachs, vor allem aber das Theater Christoph Marthalers – etwa seine Zehn Gebote an der Berliner Volksbühne.

Schauspiel nicht gegen die Musik

Christian Schmidt hat eine Kulisse zur Verfügung gestellt, in der Claus Guth Bilder arrangiert, steril wie von Ben Willikens oder aus einem Film von Jean-Pierre Melville. Gerne lässt er den Chor zu Tableaux vivants erstarren. Die Drehbühne eröffnet nicht nur neue Räume, sie verlängert auch die Struktur des Oratoriums ins Visuelle. Guths Vorliebe für choreographierte Gesten, die von der Gebärdensprache der Taubstummen profitiert – er hat sie schon in seinem Salzburger Figaro instrumentalisiert –, bereichert das antinaturalistische Konzept. Der Reiz nicht illustrativer Synchronität lässt die Chöre auch szenisch ins Zentrum rücken und steht in wohltuendem Kontrast zur Hilflosigkeit, mit der sie oft, starr oder als bemüht dilettantische Bewegungschöre, im Hintergrund herumwerkeln. Das geschundene „Hallelujah“ wird in einer Aufbahrungshalle gesungen, die schon zu Beginn der Inszenierung zu sehen war und etwas unfreiwillig Komisches annimmt, wenn man unwillkürlich an den Anfang des Films Charade von Stanley Donen denken muss.


Das auf Barockmusik spezialisierte und seit einigen Jahren überaus erfolgreiche Ensemble Matheus unter Jean-Christophe Spinosi verzichtet auf Kraft und Druck, auf jubilierende Hochstimmung, und die Solisten – Susan Gritton, Cornelia Horak, Martin Pöllmann, Richard Croft, der Countertenor Bejun Mehta, Florian Boesch – sowie der Arnold Schoenberg Chor beweisen allesamt, dass schauspielerische Anforderungen nicht auf Kosten der Musik erfüllt werden müssen. Dass Sänger von einem Tänzer und hier auch von einer Gebärdendarstellerin ergänzt werden, irritiert kaum mehr. Abgesehen von der historischen „Rechtfertigung“, dass Tanz und Gesang in der frühen Oper eng verflochten waren: Bei heutigen Regisseuren der Oper, etwa bei Joachim Schlömer, und selbst im Sprechtheater, etwa bei der Needcompany, sind Tänzer mittlerweile fast erwartbar. Wenn die Gesamtkonzeption und die Choreographie (dafür zeichnet im Theater an der Wien Ramses Sigl verantwortlich) so stimmig sind wie bei diesem Messiah, wird jeder Verdacht des Modischen zerstreut.


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Geschrieben von

Thomas Rothschild

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