Aus Talenten Künstler machen

Linker Haken Schauspielschulen vermitteln Routine statt Inspiration. Dabei gibt es so viele Beispiele dafür, was Schauspieler leisten können, wenn man ihnen ihre Eigenheiten lässt

Kann man die Schauspielkunst lehren? Wie groß ist der Anteil der Begabung, wie groß der Anteil der Ausbildung am Erfolg oder Misserfolg von Schauspielern? Sind nicht fast alle Kinder potentielle Schauspieler, wenn sie sich verstellen, jemanden nachahmen, soziale Rollen ausprobieren?
Wer einmal bei der Aufnahmeprüfung einer Schauspielschule zugegen war, weiß: die herausragenden Talente erkennt man, noch ehe sie die erste Anweisung erhalten haben. Manche mögen beim Vorsprechen zum Übertreiben neigen und sich mehr oder weniger bewusst den vermuteten und tatsächlich oft altmodischen Erwartungen ihrer Prüfer anpassen. Aber jene, deren Namen uns heute geläufig sind, waren wahrscheinlich schon als Teenager außerordentliche Begabungen, wie es die stets nachwachsenden Ausnahmekandidaten der Schauspielkunst sind.

Gewiss, in den vier Jahren ihres Studiums erlernen sie einige Techniken, bekommen sie Tipps, die nicht selten Inspiration und Spontaneität durch Routine ersetzen und den Schülern unter Umständen ihre Originalität, ihre Besonderheit austreiben, sie an das Gängige anpassen, statt sie tatsächlich zu fördern, aber das Entscheidende müssen sie mitgebracht haben.
Erfolgreich oder Lehrauftrag

Es gibt großartige Schauspieler, die, wie etwa Josef Bierbichler, bereits erfolgreiche Darsteller auf der Bühne oder im Film waren, als sie Schauspielunterricht nahmen, oder die, wie Erwin Geschonneck, Sonja Sutter, Armin Mueller-Stahl, Hanns Zischler, Eva Mattes, Josef Hader oder auch Orson Welles, niemals eine Schauspielschule besucht haben. Sollen wir es Bierbichler, Mattes oder Hader nun als Mangel anrechnen, dass sie nicht Hochdeutsch sprechen können? Hat die bayrische beziehungsweise österreichische Sprachfärbung nicht vielmehr Anteil an ihrer künstlerischen Ausdruckskraft? Und zwar keineswegs mit Beschränkung auf volkstümliche Stücke. Wer Bierbichler oder Mattes in einem so genannten Klassiker gesehen hat, konnte erfahren, dass ihr „Dialekt“ keinen Augenblick stört, ja dass sie das Bühnendeutsch mancher Kollegen mühelos ins Abseits verweisen. Nach einem Autodidakten, nach Josef Kainz ist eine der begehrtesten Auszeichnungen für Schauspieler benannt.
Wenn Schauspielschulen aus mittelmäßigen, gar geringeren Talenten tatsächlich große Künstler machen wollten, müssten die Lehrer Wunder vollbringen. Dafür aber haben sie in der Regel nicht das Format. Warum das so ist, lässt sich leicht erklären. Es hat ja kaum jemand den Lebenstraum, von Beruf Schauspiellehrer zu werden. In der Regel gibt es nur eine Alternative: Entweder eine erfolgreiche, wirklich bedeutende Schauspielerin, ein erfolgreicher, wirklich überragender Schauspieler übernimmt einen Lehrauftrag – dann wird sie oder er, wie auch berühmte Maler oder Bildhauer an Kunstakademien, nur begrenzt Zeit und Energie für diesen Nebenberuf aufwenden. Eine Rolle auf der Bühne oder in einer Fernsehserie bringt mehr Ruhm und mehr Geld ein.

Oder es verhält sich wie beim Großteil der Musiklehrer: Jemand, der eigentlich Solist werden wollte oder eben Hamlet-Darsteller oder Medea-Darstellerin, hat es nicht geschafft und entflieht der Arbeitslosigkeit durch eine Stelle an einer Hochschule oder Akademie. Im Übrigen müssen große Schauspieler nicht unbedingt gute Lehrer sein. Das heißt freilich auch nicht umgekehrt, dass mittelmäßige Bühnentalente als Ausbilder per se begabt seien. Es ist keine leichte Aufgabe, etwas weiterzugeben, was man selbst nicht besitzt.
Die Lehrer, die ihrerseits nur unbedeutende und zu Recht unbekannte Schauspieler sind, zeichnen sich in der Regel durch eine auffallend konservative, dem Realismus verpflichtete Auffassung von Theater aus. Sie sind hoffnungslos überfordert, wenn sie ihren Studenten die Sprech- und Spielweise des antinaturalistischen oder gar postdramatischen Theaters beibringen sollen, die in der Folge auch so selten beherrscht wird. Immerhin werden solche Schauspiellehrer, die keine bessere Bühne engagieren wollte, von ihren Schülern nicht nachgeahmt werden. Wenigstens vor dieser Versuchung hat man diese, wenn sie schon nichts Gescheites lernen, bewahrt. Wenn sie nach dem Ende ihres Studiums zum Heer der unbeschäftigten Theaterleute mit Diplom gehören, wird ihnen das dürftige Ausdrucksrepertoire ihrer Lehrer eh nichts nützen.
Immer nur sich selbst spielen

Bierbichler, Zischler oder Hader beweisen übrigens, was für wunderbare Erlebnisse Schauspieler vermitteln können, wenn man ihnen ihre Eigenheiten, ihre Veranlagung belässt, wenn man auf ihre körperliche Präsenz vertraut, wenn sie, wie manchmal verkürzt und mit negativer Wertung behauptet wird, „immer nur sich selbst spielen“. Die Schauspiellehrer jedoch mit einem Theaterverstand, der, im günstigen Fall, historisch bei Stanislavskij aufgehört hat, sich zu entwickeln, setzen auf den Verwandlungsschauspieler, der ebenso virtuos den Hamlet wie den Caliban, die Antigone wie die Mutter Courage verkörpert. Sie treiben ihren Schülerinnen und Schülern ihre Persönlichkeit aus und machen aus ihnen Imitationsartisten für's Varieté.
Kann es Zufall sein, dass die Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ auffallend mehr berühmte Absolventen hervorgebracht hat als alle anderen Ausbildungsstätten im deutschsprachigen Raum, das Wiener Max-Reinhardt-Seminar vielleicht ausgenommen? Zu ihnen zählen unter anderem Christian Grashof, Jörg Gudzuhn, Manfred Karge, Dieter Mann, Dagmar Manzel, Corinna Harfouch, Henry Hübchen, Thomas Thieme, August Diehl, Fritzi Haberlandt, Constanze Becker, Nina Hoss, Julia Jentsch. Sie hatten Lehrer vom Format eines Thomas Langhoff, einer Ursula Karusseit, einer Jutta Hoffmann. Sie hatten Mentoren, die – wohl auch als Folge der DDR-Sozialisation – ihre pädagogische Arbeit ernst nahmen.

Aber sie hatten auch von Anfang an mehr Talent als die vielen bedauernswerten Namenlosen. Darauf kann man wetten. Wenn die Absolventinnen und Absolventen mancher anderer Schauspielschulen in signifikant höherer Zahl ohne Engagement bleiben, dann kann das nur heißen, dass sie nichts gelernt haben oder, schlimmer noch, dass die talentlosen Lehrer mit ausgeprägtem Instinkt gar nicht erst Bewerber zum Studium zugelassen haben, die sie mit ihrer Begabung beschämen würden.
Ein Hinweis noch: unter dem provozierenden Titel Heiße West- und kalte Ost-Schauspieler? ist im Verlag Theater der Zeit ein Buch von Anja Klöck erschienen, das sich ausführlich mit der Schauspielausbildung in Deutschland nach 1945 auseinandersetzt.

Thomas Rothschild (geb. 1942) ist ein britisch-österreichischer Literaturwissenschaftler und Träger des Österreichischen Staatspreises für Literaturkritik. Er lebt in der Nähe von Stuttgart.
In der Freitag(s)-Kolumne "Linker Haken" beklagt Thomas Rothschild Woche für Woche, dass alles immer schlimmer wird. Manchmal hat er aber auch andere Sorgen. Letzte Woche:: Wippen kann man nur gemeinsam.


18:00 22.05.2009
Geschrieben von

Ausgabe 13/2020

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