Das Ende von Flimm

Salzburg (3) Wie Markus Hinterhäuser bei den Festspielen mit seiner Rihm-Reihe triumphiert und warum man dem Intendanten, der nach Berlin wechselt, nicht hinterher weinen muss

Die beiden gepflegten, gebildeten älteren Herren am Nebentisch, offenbar im Opernbusiness tätig, kennen sich aus. „Wenn du schwul bist und Freimaurer, dann hast du alle Macht in Händen“, diagnostiziert der eine. „Und jiddisch“, fügt der andere hinzu. Verschwörungstheorien haben wieder Konjunktur, und sie klingen uns, im Salzburger Ausflugslokal ebenso wie im Tagesspiegel, vertraut. Ob Flimm schwul ist? Und Hinterhäuser Freimaurer oder gar Jude? Erst einmal tarnen sich beide als Sanitäter, wenn sie eine Frau, die im viel zu heißen Großen Festspielhaus zusammengeklappt ist, gemeinsam aus dem Saal begleiten. Machthaber sehen anders aus.

Die von Markus Hinterhäuser initiierte Kontinente-Reihe war auch in diesem Jahr der Höhepunkt der Salzburger Festspiele. Heuer war sie Wolfgang Rihm gewidmet und so gescheit, so anregend konzipiert, dass man sie sich gerne noch umfangreicher gewünscht hätte. Sie verdienten alle, genannt zu werden: Die Interpreten, ohne die jede Komposition Papier bleibt, die Dirigenten Ingo Metzmacher und Sylvain Cambreling, die Sängerin Mojca Erdmann, das Klangforum Wien, das Ensemble Modern, das Arditti Quartet, dessen am Nachmittag in der Universitätsaula angesetztes Konzert im Gegensatz zu den Konzerten in der Kollegienkirche mit immerhin 650 Plätzen unverdient schlecht besucht war, und viele mehr.

Gegenbeweis erbracht

Da hieß es doch bis unlängst, zeitgenössische Musik sei ein Wagnis, damit könne man keine Säle füllen. Der Gegenbeweis ist erbracht. Freilich, dieser Erfolg kam nicht von selbst. Erneut zeigt sich, dass kontinuierliche pädagogische Arbeit Früchte trägt und dass es sich lohnt, das Publikum zu fordern (und damit zu fördern), statt sich an den Massengeschmack anzubiedern. Wenn Hinterhäuser im kommenden Jahr den Interimsintendanten spielen darf, wird man vielleicht erkennen, was Festspiele bedeuten können, die vorausweisen, statt dem Etablierten hinterherzulaufen. Um Jürgen Flimm, der zur Berliner Staatsoper unter den Linden wechselt, muss es einem hingegen nicht leid tun. Wurde er von der österreichischen Kritik auch gelegentlich aus falschen Gründen angefeindet, lässt sich nicht übersehen, dass seine wortreichen Ankündigungen in den vier Jahren seiner Intendanz künstlerisch nicht eingelöst wurden. Aber wer weiß, vielleicht wird er in der Erinnerung wachsen, wenn Alexander Pereira ab 2012 mit einem populistischen Programm nach schnell gefüllten Häusern schielt.

Höhepunkt auch im szenischen Bereich war diesmal ein Gastspiel: die Frankfurter Choreographie von Sasha Waltz zu Rihms Jagden und Formen von 2008 auf der Pernerinsel in Hallein, wo schon Christoph Marthaler 2007 sein Scelsi-Projekt verwirklichen konnte. Neben dem kleinen Rihm-Festival drohen die anderen Konzert­ereignisse zu Unrecht zu verblassen. Etwa die dynamische Interpretation der 4. und 5. Symphonie von Gustav Mahler durch das World Orchestra for Peace, dirigiert von Valery Gergiev, Honeggers Jeanne d‘Arc au bûcher oder der vielseitige und uneitle Gidon Kremer. Wie steht es eigentlich um die geltenden Maßstäbe und um eine Presse, in der Kremer weniger Beachtung erfährt als eine Anna Netrebko oder gar eine Frau Sayn-Wittgenstein-Sayn? Und ist es nicht am Ende bezeichnend für die Festspiele, dass sie für Prokofjews Iwan der Schreckliche lieber einen berühmten französischen und einen bekannten deutschen als einen weniger bekannten russischen Schauspieler einladen, der dafür einwandfrei Russisch spricht?

06:00 24.08.2010
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Ausgabe 13/2020

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