Der größte Schuft

Moral Wenn ein Professor faul ist, können sich seine Studenten kaum wehren, und die Kollegen wollen keine Denunzianten sein. Was tun? fragt Thomas Rothschild

„Der größte Schuft im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“ Hoffmann von Fallersleben, dem diese längst zum Gemeingut gewandelte Erkenntnis zugeschrieben wird, hatte damit den Polizeistaat im Auge. Wer einen Schwächeren oben anzeigt, wer ihn der Verfolgung und ungerechter Bestrafung aussetzt, ist in der Tat ein Schuft. Wer wollte sich dieser Ansicht nicht anschließen?

Aber wie sieht es aus, wenn Unrecht, von oben ausgeübt, verschwiegen und unter den Teppich gekehrt wird? Die Denunziation von „Denunziantentum“, das diese Missstände aufdecken will, ist in diesem Fall in Wahrheit Kungelei, Leisetreterei, Lobbyismus. Die keine Denunzianten sein wollen, sind in Wahrheit Komplizen. Sie sind es oft nicht ganz selbstlos. Wer weiß, was herauskäme, wenn sich der Denunzierte rächte.

Wenn ein Hochschullehrer kaum je an seinem Arbeitsplatz anzutreffen ist, wenn er seine Verpflichtungen vernachlässigt und stattdessen seinen Hobbys oder lukrativen Nebenbeschäftigungen nachgeht, können sich Studenten nicht wehren, weil sie von ihm abhängig sind, und die Kollegen, die Bescheid wissen, wollen keine Denunzianten sein. Wer aber schützt die Studenten?

Wenn ein Polizist in einer dunklen Straße einen unbescholtenen Bürger niederknüppelt und es scheinbar keine Zeugen gibt, wollen die Kollegen die Ehre des Berufsstands schützen und keine Schufte sein. Wer aber setzt sich für den Geprügelten ein?

Wenn ein Richter Beweismittel unterschlagen und einen Angeklagten zu Unrecht verurteilt hat, wenn ein Arzt einen vermeidbaren Fehler durch Schlamperei zu verantworten hat, wollen andere Juristen, andere Mediziner, die den Sachverhalt kennen, die Institution und die Pension des langjährigen Kollegen nicht beschädigen und schweigen. Wer aber hilft dem Unschuldigen im Gefängnis, dem Patienten im Rollstuhl?

Man muss unterscheiden. Oben und unten darf man ebenso wenig verwechseln wie links und rechts. Wer einen Schwächeren gegenüber der Macht, gegenüber den Herrschenden denunziert, ist in der Tat ein Schuft. Wer aber, auf die Gefahr hin, dass ihn diejenigen, die die Wahrheit zu fürchten haben, einen Denunzianten nennen, von oben begangenes Unrecht, von oben bewirkte Übel anzeigt, steht auf der Seite der Schwächeren, die ihrerseits Opfer von Schuften sind. Es wäre eine Pervertierung des Gerechtigkeitsempfindens, wenn man just ihn zum Denunzianten und damit zum Schuft stempelte.

Dass genau das geschieht, hat seine Logik. Die da oben waren in der Verteidigung ihrer Interessen und Privilegien stets geschickter als die da unten. Sie sind es geblieben. Sie diffamieren die „Denunzianten“, die ihr Treiben bloßstellen wollen – und empfangen die wirklichen Denunzianten im Hinterzimmer.

12:58 07.08.2009
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Ausgabe 13/2020

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steinmain | Community