Der ruhende Pol im Sommertheater

Salzburg Die Salzburger Festspiele gehen zu Ende. Mit dem einhelligen Lob Markus Hinterhäusers. Und der offenen Frage, was vom künftigen Schauspielchef erwartet werden darf

Die Einhelligkeit, mit der Markus Hinterhäuser gelobt wird, könnte skeptisch machen. Aber es gibt keinen Anlass zum Einspruch. Das Lob ist berechtigt, und fast könnte man sagen: Hinterhäuser, der schon mit der Zeitfluss-Reihe unter der Intendanz von Gerard Mortier Anerkennung verdiente, ist in der Hektik des Salzburger Theaters der ruhende Pol. Er sitzt in den Konzerten, die er konzipiert und ins Werk gesetzt hat, und darf sich, entspannt lächelnd und aufmerksam zugleich, freuen, denn er sieht, dass es gut war.

Zu Hinterhäusers Verdiensten gehört nicht nur die intelligente Herstellung von Kontexten, also eine aufklärerische Dimension (denken eigentlich Streeruwitz und andere auch daran, wenn sie, geblendet von der Schickeria, die den Weg ins weniger prestigeträchtige Mozarteum nicht findet, die Salzburger Festspiele in die Nähe des Faschismus rücken?), sondern auch die Verführung zu Konstellationen, die man für kaum realisierbar gehalten hat. Wer hätte vorausgesagt, dass sich die eigenwilligen Wiener Philharmoniker nicht nur für Nono, sondern auch für Varèse begeistern lassen und mit dem Radio-Symphonieorchester Wien wetteifern würden, das Varèse sinnig mit Schönberg und Richard Strauß konfrontierte? Und da es nun in diesem Jahr neben dem Kontinent Varèse auch Liszt-Szenen gab, konnte man das Starorchester tatsächlich dazu überreden, eins seiner fünf Konzerte ausschließlich den beiden heuer ins Zentrum gerückten Komponisten zu widmen.

Fast noch aufregender freilich waren kleine Ensembles, so etwa das junge Belcea Quartett, das zwischen Haydn und Schuberts Tod und das Mädchen den bei uns sträflich vernachlässigten Benjamin Britten einrückte. Oder der Cellist Gautier Capuçon, der mit der Pianistin Gabriela Montera ein russisches Programm mit Prokofjew, Rachmaninow und Schnittke anbot. Oder der noch vor ein paar Jahren in Salzburg als Geheimtipp kolportierte Pianist Fazil Say, der mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja nach einem zweistündigen Konzert einen atemberaubenden 45-minütigen „Ausklang“ mit Beethoven und Bartók präsentierte. Andere, Gielen zum Beispiel oder Zagrosek, haben, manchmal mit List, erfolgreich versucht, ein auf Barock, Klassik und Romantik eingeschworenes Publikum ins 20. Jahrhundert zu locken. Hinterhäuser folgt auf dem schwierigen Salzburger Pflaster ihrer Spur – und wird gefeiert. Es gibt noch Hoffnung, auch zwischen dem Goldenen Hirschen und den Sponsorenempfängen.

Zur Hoffnung Anlass gibt auch, dass der designierte Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf in einem Interview kein Konservativer sein will, während der neue Burgtheaterdirektor gleichzeitig bekennt, er hasse links. Ohnedies muss man bei Bechtolf zwischen dem großartigen Schauspieler, dem mittelmäßigen Regisseur, dem noch unbefleckten Organisator und dem Konservatismus als politischer Kategorie unterscheiden. Vor-Urteile helfen nicht weiter. Warten wir’s ab.

Erst einmal wurde das heurige Young Directors Project mit zwei Inszenierungen abgeschlossen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: einer Bühnenbearbeitung des Romans Die Welt ist groß und Rettung lauert überall von Ilija Trojanow, in Zusammenarbeit mit dem Thalia Theater Hamburg, und dem Mitmachtheater You Are Here von Dries Verhoeven. Sie gewähren Einblick in die Arbeit an einem Großstadttheater und, im Kontrast dazu, die Öffnung des „freien Theaters“ zu Performance und Installation.

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