Der subtile Rassismus

BESTSELLER Eine chinesische Ärztin schreibt nur über Weiße, weil es sich besser verkauft

Eine amerikanisch-chinesische Bestsellerautorin, von Haus aus Ärztin, erzählte, wie sie, als sie Kinder bekam und ihren Arztberuf nicht ausüben konnte, anfing, einen Roman über amerikanische Asiaten zu schreiben. Als sie das Manuskript einer Agentin zeigte, sagte ihr diese: das wird sich nicht verkaufen. Amerikaner wollen nichts über Asiaten lesen. Daraufhin schrieb sie Liebesromane, die unter Weißen spielen, in denen allenfalls am Rande Amerikaner asiatischer Herkunft auftreten - damit solche, so die Autorin halb spaßhaft, wenigstens eine kleine Rolle bekommen, wenn das Buch in Hollywood verfilmt wird.

Diese Geschichte ist in mehrfacher Hinsicht lehrreich. Zunächst dokumentiert sie eine Auffassung von künstlerischer Produktion, die von unserer traditionellen europäischen Vorstellung von Literatur meilenweit entfernt ist. Hier schreibt jemand nicht, weil sie oder er etwas mitzuteilen hat, weil sie oder er den Ehrgeiz hat, ein ästhetisch bedeutsames Werk zu schaffen, sondern um Geld zu verdienen. Die Bestsellerproduktion unterscheidet sich heute im Prinzip nicht von der Herstellung eines gut verkäuflichen Gebrauchsartikels oder von der Gründung einer neuen Internetfirma. Es geht um Profit. Alles andere ist Beiwerk. Und deshalb gehören Rezensionen von Bestsellern (wie übrigens von 95 Prozent der in Kinos aufgeführten Filme) auf die Wirtschaftsseiten der Zeitungen, neben den Bericht über neue Software oder die jüngste Entwicklung der Pharmaindustrie, und nicht ins Feuilleton.

Was man von Schriftstellern halten mag, die so kalkulieren, ist eine Sache. Die Geschichte hat aber auch einen politisch bedenklichen Aspekt. Sie zeigt, dass Rassismus nicht erst dort beginnt, wo Menschen ihres Aussehens wegen verfolgt und verprügelt werden. Die amerikanische Chinesin, die nur über Weiße schreibt, hat - und sei es aus reinem Opportunismus, aus reiner Geldgier - die Werte der (in den USA) herrschenden Mehrheit übernommen, bedient diese und verstärkt sie damit. Das ist ein Teufelskreis. Denn wo, wenn nicht in den Büchern amerikanischer Asiaten, sollen amerikanische Asiaten authentisch vorkommen? Und wenn sie in der Literatur nicht mehr vorkommen: wie sollen sie dann im öffentlichen Bewusstsein verankert werden? Die amerikanischen Buchkäufer, die nach Aussage der Literaturagentin nicht über Asiaten lesen wollen, haben über kurz oder lang gar keine Gelegenheit mehr, das Denken und Fühlen von Asiaten kennenzulernen, wenn sie in Büchern nicht mehr vorkommen.

Wim Wenders sagte einmal, mit schlauem Seitenblick auf die deutsche Industrie, die Vorstellung vom Auto werde irgendwann einmal mit der Vorstellung von amerikanischen Produkten identisch sein, wenn in dem von Hollywood beherrschten Film keine Volkswagen mehr zu sehen seien. Die Vorstellung vom Menschen als weißem Menschen wird gefestigt, wenn - selbst in einem multikulturellen Land wie den Vereinigten Staaten - andere Menschen in der Literatur (oder im Film) nicht oder nur am Rande vorkommen, wenn ihre Schicksale, wie die Schicksale der unteren sozialen Schichten im Drama der vorbürgerlichen Zeit, als nicht kunstwürdig gelten - damals wegen der Ständeklausel, heute wegen der Verkäuflichkeit. Man sehe sich doch einmal mit kritischem Verstand an, wie Nicht-Weiße in amerikanischen Soap Operas, die in der Regel ohnedies für das entsprechende Zielpublikum produziert werden, dargestellt werden. Marlon Brando hat einmal zu Recht gegen das Bild protestiert, das Hollywood von den Mexikanern entwirft. Sähe es nicht anders aus, wenn es mexikanische Filmproduzenten in Hollywood gäbe, wenn mexikanische Autoren, auch wenn sich damit kein Bestseller machen lässt, über Mexikaner, amerikanische Asiaten (auch!) über amerikanische Asiaten schrieben?

Könnte eine erfolgreiche Schriftstellerin heute noch öffentlich sagen: Ich schreibe nur über Männer, weil sich Bücher über Frauen nicht verkaufen. Wieso wird es widerspruchslos hingenommen, wenn eine amerikanische Chinesin mit eben dem analogen Argument begründet, warum sie nur über Weiße schreibt? Warum tolerieren selbst jene, die sich zu Recht über den aggressiven Rassismus der Straße empören, den subtilen und gar nicht so subtilen kulturellen Rassismus? Fast sehnt man sich nach der Zukunft, in der die nicht-weiße Mehrheit dieser Welt beschließt, Bücher über Weiße nicht mehr lesen zu wollen ...

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