Die Katastrophen-Polizei

Linke Früher hatte die Linke noch positive Utopien anzubieten. Die Rolle hat sie an die Konservativen abgegeben. Doch mit Defensive allein ist keine Politik zu machen

In meiner Jugend hatte ich einen Freund, zu dem ich mittlerweile den Kontakt verloren habe. Er hat eine imponierende journalistische Karriere hinter sich, ist als außenpolitischer Redakteur bekannt und angesehen. Von allen seinen Eigenschaften zeichnet ihn eine ganz besonders aus: sein unverwüstlicher Optimismus. Er hat ihn mir gegenüber mit der zärtlichen Liebe seiner Mutter erklärt, die in das Kleinkind, das er einmal war, ein unerschütterliches Urvertrauen gepflanzt habe. Der Optimismus dieses Jugendfreunds ist umso auffälliger, als er eine fatale Vorliebe für Prognosen hat – eine für Journalisten, zumal von Printmedien, nicht ganz ungefährliche Neigung: was sie einmal niedergeschrieben haben, lässt sich jederzeit nachlesen und überprüfen.

Unauslöschlich in Erinnerung ist mir, wie diese männliche Kassandra, in ihrem beharrlich triumphalen Ton der Selbstgewissheit, nach der deutschen Wiedervereinigung verkündete, in einem Land, in dem die führenden Köpfe der Sozialdemokratie Lafontaine (der heute nur noch ein Kopf, aber nicht mehr Sozialdemokrat ist) und Ibrahim (gemeint war Ibrahim Böhme, der kurzfristige Vorsitzende der SPD der DDR, an den sich kaum noch jemand erinnert) hießen, werde es niemals mehr Ausländerfeindlichkeit geben.

Was freilich bei Journalisten riskant erscheint, gehört bei Politikern zum Gewerbe. Der Anschein von Optimismus soll Wählerstimmen garantieren. Wer nicht verspricht, dass es in der Zukunft besser wird, und so tut, als sei er davon überzeugt, dass das auch zu schaffen sei, mag noch so sympathisch und ehrlich erscheinen – gewählt wird er nicht. Der Begriff des "Zweckoptimismus" ist so präzise, dass man sich nur wundern kann, wie selten er gebraucht wird.

Kampf für die Zukunft

Genau genommen ist der Zweckoptimismus das spiegelbildliche Gegenstück zu einer systematisch geschürten Katastrophenangst. Es erscheint wenig produktiv, wenn man sich angesichts vergleichsweise geringer Wahrscheinlichkeiten in läh­mende Ängste hineinsuggerieren und damit von jenen Tätigkeiten ablenken lässt, die allerdings von größter Dringlichkeit wären: nämlich einerseits der politische Kampf für die Zukunft, ander­seits die Beachtung von gegenwärtigen Katastrophen, die kaum je in unser Gesichtsfeld geraten.

Was in unserem Eurozentrismus vergessen wird, ist die Tat­sache, dass die Dritte Welt die Katastrophe nicht erst zu imagi­nieren braucht: für sie ist sie ständige gegenwärtige Realität. Wem es nicht nur darum geht, sich narzißtisch in seinen Ängsten zu baden, sondern Katastrophen tatsächlich zu beseitigen, der muss verstärkt für einen Ausgleich zwischen den hochentwickelten In­dustriestaaten und der Dritten Welt kämpfen. Das bedeutet kon­kret: eine radikale Senkung des Lebensstandards in Europa und Nordamerika zugunsten von Afrika, Lateinamerika und Teilen Asiens.

Aber auch unsere hausgemachten Probleme erfordern eine andere Reaktion als das ständige ängstliche Starren auf die Möglichkeit der totalen Katastrophe. Wahrscheinlicher und vielleicht schreck­licher als der kollektive Tod erscheint mir die Möglichkeit eines Lebens, das nicht mehr lebenswert ist. Gerade die verbreiteten und geförderten individuellen Ängste aber erleichtern jenen, die unsere ohnedies wenig stabile Demokratie abbauen wollen, die Arbeit.

Bloß kein verlogener Optimismus

Es trug traditionell zur Attraktivität der Linken bei, dass sie eine positive Utopie, eine Perspektive für die Zukunft anzubieten hatte. Heute hat sie diese Rolle den Konservativen überlassen. Sie selbst dient sich nur noch als die bessere Polizei zur Abwehr von künftigen Katastrophen an. Kurzfristig spricht sie damit die verbreiteten aktuellen Ängste an. Aber auf lange Sicht kann eine Linke, die darauf verzichtet, einen Entwurf von einer besseren als der bestehenden Gesellschaft anzubieten, keinen Erfolg haben. Mit Defensive allein ist keine Politik zu machen. Mit verlogenem Optimismus freilich ebenso wenig.

Ludwig Marcuse, den man nicht mit dem Herbert gleichen Namens verwechseln sollte, schrieb in den fünfziger Jahren, just in einer Epoche, da die Aufbaueuphorie der Nachkriegszeit den Ton angab, ein Buch mit dem aussagekräftigen Titel Pessimismus – Ein Stadium der Reife. Da ist, wie man so schön sagt, "etwas Wahres dran". Der Zusammenhang von Optimismus und Jugendlichkeit wurde von Milan Kundera in seinen frühen Romanen mehrfach sarkastisch abgehandelt. Aber selbst wenn man es neutral sieht: dass die Erfahrungen, über die man im Alter verfügt, wenig Anlass zu Optimismus bieten, dass er, wenn er anhält, eher ein Indiz für mangelnde Einsicht, um nicht zu sagen: für Dummheit ist, lässt sich nicht von der Hand weisen.

Es gibt aber auch durchaus pragmatische Argumente, die für den Pessimismus als Lebenshaltung sprechen. Er sorgt nämlich, eher als der Optimismus, für Wohlbefinden. Es ist doch allemal zuträglicher, angenehm überrascht zu werden statt peinlich enttäuscht. Und wer hätte die größere Chance für eine angenehme Überraschung? Derjenige naturgemäß, der das Schlimmste erwartet. Während der Optimist leicht aufs Maul fällt.

Das darf man beim Wort nehmen. Was ist ein Optimist? Einer, der im zehnten Stockwerk beim Fenster hinausfällt und beim ersten Stock denkt: "Bis jetzt ist alles gut gegangen."

15:30 29.05.2009
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Ausgabe 13/2020

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