Die Linke streitet

Frauenfragen Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn man sich in der Partei "Die Linke" zofft? fragt Thomas Rothschild und brandmarkt die HeuchlerInnen mit den falschen Sorgenfalten

Noch vor gar nicht langer Zeit hat man den Kommunistischen Parteien, die man bei anderer Gelegenheit so gern als Vorläufer oder eigentlichen Kern der Partei sieht, die sich „Die Linke“ nennt, ihre Verpflichtung auf eine Parteilinie, ihren Fraktionszwang, ihren Dogmatismus und die eingeforderte Parteidisziplin vorgeworfen. Jetzt streitet man, noch dazu unter dem wachsamen Auge der Öffentlichkeit, und die Kommentatoren, die der ganzen Linken insgeheim die Krätze an den Hals wünschen, machen sich heuchlerisch deren Sorgen zueigen. Als wären sie geradewegs vom Moskauer Parteibüro seligen Gedenkens delegiert, mahnen sie Einheit und Geschlossenheit an, ein unverrückbares Bild, das man den Wählern liefern kann, weil die angeblich überfordert sind, wenn es in einer Partei mehr als eine Meinung gibt.

Statt die im Einzelnen durchaus unerquicklichen Auseinandersetzungen unter den Linken als das zu werten, was sie tatsächlich sind, nämlich Zeichen einer Demokratisierung innerhalb der Partei und Ausdruck einer für die politische Willensbildung nicht nur notwendigen, sondern eigentlich selbstverständlichen Kultur, interpretiert man sie gehässig zum Nachteil derer, die sie führen, wie man ihnen früher, mit größerem Recht, ihren Mangel an Konfliktbereitschaft unter die Nase gerieben hat.

Die ARD, deren Aufgabe es eigentlich nicht sein sollte, jener Partei, die sie konsequent „die Linkspartei“ nennt, Ratschläge zu geben, konstatiert auf der Website tagesschau.de, dass im Frauenplenum des Wahlparteitags, das eigentlich einberufen worden war, „um dem weiblichen Geschlecht eine gemeinsame Stimme zu geben“, alle Gräben sichtbar wurden, die die Partei spalten. Wiederum: was ist daran so schlimm? Beweist es nicht, dass bei der Linken noch intelligente Frauen den Mund aufmachen, die der Ansicht sind, dass es auf dieser Welt kontroverse Themen gibt, die der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht übergeordnet sind? Beschämen sie nicht jene Frauenkonvente, die, absolut den Kommunistischen Parteien alten Typs vergleichbar, eine „gemeinsame Stimme“ erzwingen wollen, wo die Sache Mehrstimmigkeit verlangt, wo jede Unterordnung unter ein Zentralkomitee oder auch unter eine knappe Mehrheit auf Kosten der Wahrheit und der Vernunft geht?

Gegen die Zumutung, die Frauendiskriminierung den Klassengegensätzen als „Nebenwiderspruch“ unterzuordnen, der mit jenen automatisch gelöst werde, und daher auf die Revolution warten zu sollen, hat sich die neue Frauenbewegung nach 1968 zu Recht und mit Erfolg gewehrt. Das rechtfertigt es aber nicht, umgekehrt die Klassenunterschiede und viele andere Ungerechtigkeiten als Nebenwidersprüche zu bagatellisieren. Kinder aus Nichtakademikerfamilien sind, unabhängig vom Geschlecht, nach wie vor bei der Bildung massiv benachteiligt. Geringverdiener müssen mehr und mehr eine schlechtere medizinische Versorgung in Kauf nehmen als Besserverdiener. Und das sind nur zwei Beispiele von vielen.


Mit Solidarität hat der Verzicht auf eine eigene Meinung oder die Fixierung auf die Außenwahrnehmung nichts zu tun. Gerade dies konnte die Linke aus ihrer Geschichte lernen. Und wenn es Frauen gibt, die sich auch auf einem Frauenplenum nicht ihre in sozialen, außenpolitischen oder personellen Fragen abweichenden Ansichten unter dem Druck einer „gemeinsamen Stimme“ rauben lassen, dann Hut ab vor ihnen: Sie wollen nicht Teil einer Partei sein, die dekretiert. Sie nehmen die Forderung nach innerparteilicher Demokratie ernst, auch wenn sie kurzfristig ein paar Wählerstimmen kosten mag.

Sie erinnern sich an jene „Solidarität“ mit der Sowjetunion, die es verbat, über Schauprozesse oder KGB-Verbrechen zu diskutieren. Arthur Schnitzler schrieb einmal: "Ich fühle mich mit niemandem solidarisch, weil er zufällig derselben Nation, derselben Rasse, derselben Familie angehört wie ich. Es ist ausschließlich meine Sache, mit wem ich mich verwandt zu fühlen wünsche; ich anerkenne keine angeborene Verpflichtung in dieser Frage." Nation, Rasse und Familie lassen sich durch „Geschlecht“ ergänzen. Aber selbst wo man frei gewählt hat, wem man sich „verwandt“ fühlen möchte, selbst in einer Partei oder auf einem Frauenplenum, hat die Solidarität ihre Grenzen, wo sie nur dazu dient, gegen besseres Wissen zu schaden – ob das Opfer ein Mensch ist oder „nur“ die Wahrheit.

14:05 28.06.2009
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Ausgabe 13/2020

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