Die Maßnahme

Salzburg III Das Motto von ECM Records ("The most beautiful Sound next to Silence") scheint wie geschaffen für die Musik von Salvatore Sciarrino. Über den ...

Das Motto von ECM Records ("The most beautiful Sound next to Silence") scheint wie geschaffen für die Musik von Salvatore Sciarrino. Über den ätherischen Klang der Instrumente legen sich in Luci mie traditrici die sich wiederholenden Crescendi der Vokalstimmen. Es blieb dem Projekt Kontinent Sciarrino - dem Klangforum Wien unter Beat Furrer, der Mezzosopranistin Anna Radziejewska und den drei mit dem Werk bereits vertrauten Sängern Otto Katzameier, Kai Wessel und Simon Jaunin - überlassen, bei den Salzburger Festspielen den Beweis zu erbringen, dass Musiktheater nicht nur eine Geschichte, sondern auch eine Gegenwart hat; bei weitaus geringeren Kosten übrigens als die musealen Großproduktionen. Die Bühnen- und Kostümbildnerin Rebecca Horn, die nach dem Tod von Klaus Michael Grüber anstelle von dessen dafür zunächst vorgesehener Assistentin Ellen Hammer die Regie übernommen hat, reduziert das Bühnengeschehen auf an barocke Malerei gemahnende, fast statische Arrangements von kostbarer Eleganz. Die Modernität gleicht jener von Heiner Müllers Quartett. Es ist eine Modernität, die über Tradition Bescheid weiß. Es ist nicht nur der Stoff, der in Luci mie traditrici auf den Renaissance-Komponisten Gesualdo zurückgreift.

Von Gesualdo und seinem Doppelmord aus Eifersucht handelt auch das naive Puppenspiel Terribile e spaventosa storia del principe di Venosa e della bella Maria, aufgeführt von der Compagnia Figli d´Arte Cuticchio aus Palermo, für das Sciarrino eine Musik für Saxophonquartett, Schlagzeug und Frauenstimme geschrieben. Sie besteht größtenteils aus Bearbeitungen von Kompositionen Gesualdos sowie Domenico Scarlattis, die an die Rameau-Improvisationen von Heiner ­Goebbels und Alfred Harth, an Officium von Jan Garbarek mit dem Hilliard Ensemble oder an den Jazz von Gianluigi Trovesi, auch an die Nuova Compagnia Di Canto Popolare erinnern: ein Höhepunkt der Salzburger Festspiele.

Brecht war bei seinem 1930 geschriebenen und uraufgeführten Lehrstück Die Maßnahme nicht ganz behaglich. Nach 1945 hat er die Zustimmung zu einer Aufführung in der Regel verweigert. Die Maßnahme hat in der bürgerlichen und reaktionären Presse sowieso, aber auch innerhalb der Arbeiterbewegung kontroverse Reaktionen hervorgerufen (in der Terminologie der Festspielzeitung Daily heißt das: "Es hagelte Kritik sowohl von Seiten der Rechtsliberalen als auch der Bolschewisten"). Die Unterstellung, Brecht habe mit diesem Stück vorweg die Moskauer Schauprozesse beschönigt, die sechs Jahre später stattfanden, hat den Blick auf eine tatsächlich weit in die Zukunft verweisende Dramaturgie verstellt. Die Maßnahme mit ihrem Aufbau nach dem Muster einer naturwissenschaftlichen Versuchsanordnung wirkt bis heute moderner als vieles, was gegenwärtig für das Theater geschrieben wird. In Hanns Eislers Musik sind dessen Erfahrungen als Schönberg-Schüler wie als Leiter von Arbeiterchören eingegangen. Unverwechselbar - die Marschrhythmen mit den charakteristischen Bläserstaccati.

In der Inszenierung des norwegischen Transiteatret-Bergen werden, noch ehe das Stück begonnen hat, auf eine Leinwand hinter der kreisrunden Bühne, um die herum die Musiker gruppiert sind, Buchumschläge projiziert: Max Weber, Lenin, Milton Friedman. Sie markieren das Spannungsfeld, in dem Die Maßnahme heute ihre Aktualität entfaltet. Der Chor sitzt an fünf Stellen des Saals zwischen den Zuschauern und soll diese, so die offensichtliche Intention, einbeziehen. Sie sind aufgefordert, sich zu den vorgeführten und von einem Kontrollchor kommentierten exemplarischen Szenen ein eigenes Urteil zu bilden. Kurze den Assoziationsspielraum erweiternde Projektionen verstärken unaufdringlich den Aktualitätsbezug.

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Geschrieben von

Thomas Rothschild

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