Don Giovanni

Salzburg IV Peter Turrini sagte einmal, Österreich habe so viel Kultur, dass es keine Kunst brauche. Bei den Salzburger Festspielen wird die Kunst noch geduldet. ...

Peter Turrini sagte einmal, Österreich habe so viel Kultur, dass es keine Kunst brauche. Bei den Salzburger Festspielen wird die Kunst noch geduldet. Was aber jede Kunstanstrengung überwölbt, was auch die schönsten Augenblicken verdirbt, ist die ubiquitäre Präsenz einer satten, selbstgefälligen Bürgerlichkeit. Sie wähnt sich so unangefochten an der Macht wie nie zuvor und stellt das zur Schau. Die durch keinerlei demokratischen Vorgang legitimierte und durch nichts als einen prominenten Vater und einen halbprominenten Ex-Gatten qualifizierte Festspielpräsidentin, die ihr Porträt ins "Haus für Mozart" hängen lässt, ist den Habitus einer Boutiquenbesitzerin nie losgeworden und gebraucht das Wort Intellektuelle mit negativer Bedeutung. Das gehört zur österreichischen Kultur. Selbst The Year of Magical Thinking, das Meisterwerk der liberalen Joan Didion, szenisch eindrucksvoll interpretiert durch Vanessa Redgrave, provoziert durch ein großbürgerliches Ambiente, in dem man beiläufig nach Honolulu oder Paris fliegt und mit befreundeten Chefärzten telefoniert, um Privilegien zu erbitten. Didions Buch ist ein brillanter Essay, zu dem einem als Analogie in der deutschen Literatur allenfalls Silvia Bovenschen einfällt. Aber dass auch in weniger gepflegten Verhältnissen gestorben und getrauert wird, bleibt uns verborgen, weil es dort an Artikulationsfähigkeiten mangelt. Es gab schon Zeiten, als bürgerliche Schriftsteller von Maxim Gorki bis Upton Sinclair, von Friedrich Wolf bis Michael Scharang und Franz Xaver Kroetz den Unterprivilegierten ihre Stimme liehen.

Nicht nur die Ansätze zu einer radikaldemokratischen Gegenkultur wurden zerstampft (wenn sich Die Maßnahme des immerhin kanonisierten Brecht ins Programm verirrt, schreien die österreichischen Medien Zeter und Mordio, als drohten ihnen Moskauer Schauprozesse), auch die bürgerliche Avantgarde der vergangenen vier Jahrzehnte steht zur Disposition. Bartlett Sher beweist mit der musikalisch erfrischenden Inszenierung von Gounods Roméo et Juliette, dass er die Breitwandbühne der Felsenreitschule zu füllen und den Reiz der in den Berg gehauenen Logengalerien zu nutzen versteht. Darüber hinaus freilich überlässt die Regie das Feld der Kostümbildnerin. Ähnlich konservativ soll Verdis Otello ausgefallen sein. Wir können darüber ebenso wenig berichten wie über Rusalka, die der Intendant vorweg in den höchsten Tönen angepriesen hat, weil der Presse jene Karten vorenthalten wurden, die Sponsoren - unter Verstoß gegen ein neues Gesetz - für ihre Geschäftspartner zugeteilt bekamen und verfallen ließen.

Der neue Don Giovanni steht im denkbar größten Kontrast zu Martin Kušejs rechtens bejubelter Inszenierung. Claus Guth hat dem Provokateur die "Nachtseite der Vernunft" ausgetrieben und seine Höllenfahrt rational aufgelöst als Sterben eines gleich zu Beginn vom Komtur im Duell verwundeten Giovanni. Dass er andererseits die in Da Pontes Libretto ständig auf- und abtretenden Figuren wie die Protagonisten von Shakespeares Sommernachtstraum durch die nach außen gekehrte Seelenlandschaft eines Waldes irren lässt, entbehrt jenseits des visuellen Reizes, der wiederum an Peter Steins Birkenwäldchen in den Sommergästen denken lässt, nicht der Plausibilität. Erstaunlicher als dieses, zugegeben: ungewöhnliche, Konzept ist die mangelnde Bereitschaft vieler Kritiker, sich darauf einzulassen.

Wie kommt es, dass man die über Roméo et Juliette in Euphorie geratene Prominenz einschließlich der Ministerin, die laut Jürgen Flimm über den Tod des Liebespaars Tränen vergoss, nicht bei der japanischen Gruppe chelfitsch sah? Bei Toshiki Okadas Fünf Tage im März blieb der Saal halb leer. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.

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Geschrieben von

Thomas Rothschild

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