Ein Preis für den Dieb

Kolumne Diese Woche erklärt Thomas Rothschild, was wir aus dem Film "Casablanca" und aus Willy Brandts Kniefall lernen können – und warum Symbolpolitik so erfolgreich ist

Die Szene lässt sich so leicht nicht vergessen. Deutsche Offiziere singen, von Major Strasser dirigiert, Die Wacht am Rhein. Nach und nach stimmen die anwesenden französischen Patrioten und ihre Sympathisanten in die Marseillaise ein, bis die Deutschen zum Verstummen gebracht werden und beschämt resignieren. Das ist eine symbolische Szene. Solche Symbole haben in der Kunst ihren genuinen Platz. Die Szene aus Casablanca hat es in der Wirklichkeit nie gegeben.

In besagter Wirklichkeit haben bekanntlich die amerikanischen und sowjetischen und britischen und französischen Truppen den Zweiten Weltkrieg entschieden, nicht Lieder und kein Sängerwettstreit. Wer die Wirklichkeit mit einem Film verwechselt, riskiert folgenreiche Fehlentscheidungen. Die Attentäter vom 11. September 2001 müssen geahnt haben, dass die Bilder von den einstürzenden Twin Towers nicht einfach Bilder zerstörter Häuser bleiben würden wie Bilder vom eingestürzten Kölner Stadtarchiv, sondern dass sie zum Symbol werden würden. Die Wirklichkeit wurde vom Film überlagert. 9/11 ist als (bewegtes) Bild mehr als „Wochenschau“. Es hat die Qualität der um die Wette singenden deutschen Offiziere und Franzosen in Casablanca.

Brandt hat nichts getan, wofür ihm vergeben werden müsste

Warum aber sind symbolische Aktionen so erfolgreich? Warum treffen sie bei – sprechen wird es aus: intellektuell nicht eben übermäßig begünstigten – Nachäffern auf so viel Resonanz? Weil sie billig zu haben sind und die Privilegien derer, die in Wahrheit immer noch von der bestehenden Ordnung profitieren, schützen. Es ist nun einmal leichter, ein Symbol durchzusetzen als höhere Löhne und Gehälter oder menschlichere Arbeitsbedingungen.
Die allgegenwärtige Fixierung auf Symbole, auf Wörter, auf Bilder ist nichts anderes als der Sieg des Idealismus über den Materialismus oder, politisch gesprochen, des Verharrens in den bestehenden Macht- und Herrschaftsstrukturen über die Bestrebungen, diese zu verändern.

Kaum eine öffentliche Geste, kaum eine fotografische Dokumentation solch einer Geste hat eine so anhaltende Wirkung, eine derart symbolische Kraft entwickelt wie Willy Brandts Kniefall im Warschauer Ghetto. Er gilt als Sinnbild für die Bitte der Deutschen um Vergebung für das Leid, das sie Menschen, insbesondere den Juden zugefügt haben. Selbst ehemalige KZ-Insassen zeigen sich beeindruckt, ja gerührt von Willy Brandts historischer, dem religiösen Ritus entlehnter Geste. Ihrem pathetischen Ernst kann man sich kaum entziehen.

Dabei wird eines übersehen: Der Emigrant Brandt hat nichts getan, wofür ihm vergeben werden müsste. Ebenso gut könnten die Kinder der Opfer um Vergebung für die brutale Ermordung ihrer Familien durch die Nazis bitten. Mit aller gebotenen Deutlichkeit: Brandts Kniefall können die Täter nicht für sich in Anspruch nehmen. Keiner von ihnen hat jemals eine vergleichbare Geste auch nur angedeutet.

Das Alibi liefern die Schuldlosen

Die hilflosen und hinter vorgehaltener Hand bedauerten Versuche einer „Wiedergutmachung“ für die nationalsozialistischen Verbrechen kamen stets nur unter Druck zustande und haben mit Brandts spontaner Geste nichts gemeinsam. Die – jedenfalls in einem System, in dem die Entwendung einer Geldbörse mit Gefängnis bestraft wird: selbstverständliche – Rückgabe geraubter Kunstwerke löst anhaltende Diskussionen aus. Um jeden Pfennig für ehemalige Zwangsarbeiter, die im Alter unterhalb der Armutsgrenze lebten, musste gefeilscht werden. Wenn gelegentlich „tätige Reue“ gerühmt wird, so gleicht das der Verleihung eines Preises an einen Dieb als Belohnung dafür, dass er das Diebesgut zurückerstattet hat. Wann hätte man gehört, dass die Profiteure des Unrechts dessen Opfer von sich aus entschädigt hätten, ohne dazu – vor allem durch die öffentliche Meinung im Ausland – gezwungen zu sein?

Wer Vorteile daraus bezieht, dass andere ermordet, verfolgt, diskriminiert werden, findet stets Gründe, sein Handeln positiv zu bewerten. Deshalb ist es vergebliche Liebesmüh, die Vorteilsnehmer durch Argumente von ihrer Schuld überzeugen zu wollen. Sie fühlen sich im Recht und genießen weiterhin die Folgen ihrer Schandtaten.

Das Alibi liefern ihnen die Schuldlosen. Zum Beispiel Willy Brandt. Er hat stellvertretend für sie eine unvergessene Geste vollzogen. An Festtagen wird daran erinnert. Am Stammtisch abends lachen diejenigen, deren Schuld Willy Brandt auf sich genommen hat.


In der Freitag(s)-Kolumne "Linker Haken" beklagt Thomas Rothschild Woche für Woche, dass alles immer schlimmer wird. Manchmal hat er aber auch andere Sorgen. Letzte Woche: In der Zwickmühle - warum es der Linken nichts nützt, dass sie Recht hatte

11:55 17.04.2009
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Ausgabe 13/2020

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