Ein Trommelwirbel für die Literatur

Sommerlektüre Letzter Teil von Thomas Rothschilds Lektüreempfehlungen für den Sommer. Der Blick schweift nach Osteuropa, aber auch nach Südamerika und Österreich

Der ScherzMilan Kundera

Im deutschsprachigen Raum wurde Milan Kundera erst mit seinem fünften Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins so richtig wahrgenommen. In vieler Hinsicht aber ist gerade sein erster Roman Der Scherz sein interessantester. Dass er zunächst schlecht übersetzt war – inzwischen liegt längst eine neue Übersetzung vor –, erklärt die inadäquate Rezeption nur zum Teil. Aus mehreren Erzählperspektiven wird die Geschichte von Ludvík Jahn erzählt, der in der Nachkriegstschechoslowakei wegen eines Scherzes von der Universität verwiesen und in ein Strafbataillon verbannt wurde und der erkennen muss, dass sein Versuch, sich an dem Schuldigen zu rächen, vergeblich ist. Was immer an den biographischen Gerüchten über Kundera dran sein mag: Der Scherz bleibt eins der eindrucksvollsten literarischen Dokumente über den Stalinismus.

Ein Grabmal für Boris DawidowitschDanilo Kiš

Was im letzten Satz über den „Scherz“ gesagt wurde, gilt auch für die Erzählungen in Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch von Danilo Kiš. Auch er wurde in Deutschland erst spät wahrgenommen, obwohl seine Erzählungen interessant, in ihrer Auseinandersetzung mit der Geschichte lehrreich und sprachlich, in der hervorragenden Übersetzung von Ilma Rakusa, bewundernswert sind. Dass Kundera seinen jugoslawischen Kollegen, der 1989 mit nur 54 Jahren starb, hoch einschätzt, ist kein Zufall. Er schrieb zwar weniger ironisch als Kundera, teilt aber mit ihm den nüchtern-kritischen Blick auf die jüngste Geschichte und die Skepsis gegenüber Verlogenheit und Gefühlsduselei.

Trommelwirbel für RancasManuel Scorza

Die lateinamerikanische Literatur hat in den vergangenen Jahrzehnten zu Recht viele Anhänger gewonnen. Das Stichwort heißt "Magischer Realismus", aber es bedeutet, wie alle Kategorisierungen dieser Art, eine Vereinfachung, die die Unterschiede zwischen den einzelnen Autoren und Werken unterschlägt. Die Empfehlung für den Sommer gilt dem Roman Trommelwirbel für Rancas des Peruaners Manuel Scorza. Es ist ein eminent politischer Roman, der dennoch poetischer Qualität nicht entbehrt. Wie Kundera und Kiš musste auch Scorza sein Land verlassen. Alle drei fanden in Frankreich Zuflucht. Scorza wurde nur ein Jahr älter als Kiš. Er war 55, als er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Was Kundera und Kiš für Ost- und Südosteuropa, ist Scorza für Lateinamerika: ein literarischer Zeuge von Unrecht und Menschenverachtung. Nur noch antiquarisch erhältlich.

Harlekins MillionenBohumil Hrabal

Wahrscheinlich ist Bohumil Hrabal der bedeutendste tschechische Schriftsteller der Nachkriegszeit. Da er nicht dezidiert politisch auftrat, wurde er im Westen lange Zeit kaum wahrgenommen. Für den Kalten Krieg ließ er sich nicht instrumentalisieren. Jemand hat seine Schreibweise einmal „folkloristischen Surrealismus“ genannt. Das trifft den Sachverhalt ziemlich genau. Seine Erzählungen und Romane sind skurril und bedienen sich oft einer Sprache, die der mündlichen Rede angenähert ist. Eigentlich sind alle seine Bücher empfehlenswert, aber wenn denn eine Entscheidung gefällt werden muss, gilt sie dem Roman Harlekins Millionen. Ebenfalls beim Antiquar ihres Vertrauens zu erwerben.

Die Mystifikationen der Sophie SilberBarbara Frischmuth

Der Literaturbetrieb hat seine eigenen Gesetze. Mit Qualität haben sie in der Regel wenig zu tun. Gäbe es Gerechtigkeit, müsste Barbara Frischmuth sehr viel mehr Beachtung erlangen. Ihr Werk ist umfangreich und heterogen. Frischmuth, die Turkologie und Magyaristik studiert hat, ist auch eine wichtige Vermittlerin zwischen der deutschsprachigen und der türkischen Kultur, die in ihrem Werk eine zentrale Stellung einnimmt. Begonnen hat sie im Umkreis des Grazer Forums Stadtpark als experimentelle Autorin. Schon bald aber hat sie mit Die Mystifikation der Sophie Silber, dem ersten Teil einer Trilogie, eine ganz eigene Form entwickelt, die Elemente des Wiener Volkstheaters, der phantastischen Literatur, des Märchens und der damals viel diskutieren Frauenliteratur vereint.

Die AuslöschungThomas Bernhard

Wer anfängt, Thomas Bernhard zu lesen, wird ihn entweder nach 20 Seiten aus der Hand legen oder einer Sucht verfallen. Manche meinen, er habe ein Leben lang an einem Text geschrieben. Wäre das richtig, käme es nicht darauf an, welches seiner Bücher man empfiehlt. Mein Favorit ist die Auslöschung, ein dicker Roman mit unverkennbar autobiographischen Zügen, aber auch sehr komischen, grotesken Elementen. Die Musik dieser Sprache klingt in einem nach, lange nachdem man die Lektüre beendet hat. Übrigens: Thomas Bernhard eignet sich vorzüglich zum Vorlesen.

Nachdenken über Christa T.Christa Wolf

Nachdenken über Christa T. wird nicht so oft genannt wie Der geteilte Himmel, aber es ist vielleicht das Buch Christa Wolfs, das die veränderten Verhältnisse am besten überdauert hat. Wie hier in einer individuellen Geschichte des Nonkonformismus und des Widerstands eine Epoche sichtbar wird – das ist nach wie vor eindrucksvoll und auch berührend. Dass Christa Wolf zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen zählt, steht außer Zweifel und kann nur aus Gründen der Gehässigkeit geleugnet werden. Hätte sie nichts sonst geschrieben als Nachdenken über Christa T. – sie wäre in die Literaturgeschichte eingegangen.

Die MusterschülerMichael Köhlmeier

Michael Köhlmeier ist heute der wohl bekannteste Schriftsteller in Österreich. Das verdankt er seinen mündlichen Nacherzählungen etwa der griechischen Sagen oder der Bibel im Rundfunk. Empfehlen aber möchte ich einen Roman aus den späten achtziger Jahren, Die Musterschüler. Was als Aufdeckung einer Misshandlung in einem katholischen Internat daherkommt, ist eine verschlüsselte Reaktion auf die Waldheim-Affäre, auf das Vergessen und Verdrängen von Schuld. Der Roman funktioniert jedoch auf beiden Ebenen, als Schulgeschichte ebenso wie als politischer Roman. Darin besteht seine Stärke. Zur Zeit nur gebraucht erhältlich.


Das GemeindekindMarie von Ebner-Eschenbach

Die letzte Empfehlung für die Sommerlektüre mag gewagt erscheinen. Marie von Ebner-Eschenbach wurde durch den häufigen Abdruck von Krambambuli zu einer Hundegeschichtenautorin verniedlicht. Das tut ihr Unrecht. Sie ist zumindest eine bemerkenswerte Erscheinung innerhalb der altösterreichischen Literatur und in ihren besten Momenten durchaus an Grillparzer oder Stifter zu messen. Dass das soziale Engagement der Adeligen, das sich in ihren Schriften niederschlägt, oft etwas Herablassendes hat, mag einen heute stören. Bedenkt man aber, dass auch sie nicht über ihren eigenen Schatten springen konnte, dann sind die im Übrigen spannend erzählten Vorgänge und sozialpolitischen Erwägungen etwa in Das Gemeindekind doch beeindruckend. Was die Unterprivilegierten selbst nicht artikulieren konnten, weil ihnen dafür die Bildungsvoraussetzungen fehlten, haben einige Wenige stellvertretend für sie formuliert, in Österreich nicht anders als in Russland und anderswo. Die Realpolitik jedenfalls blieb weit hinter den Reformvorstellungen der Ebner-Eschenbach zurück. Das würde für eine Empfehlung nicht ausreichen, hätte sie nicht über eine künstlerische Begabung verfügt, die einem mittlerweile vielleicht ein wenig altmodisch erscheinen mag, die aber ihre Wirkung auch heute nicht verfehlt.

Milan Kundera, Der Scherz, DTV 1998, 352 S., 10,00

Danilo Kis, Ein Grabmal für Boris Dawidowtisch: Sieben Kaptel ein und derselben Geschichte, Hanser 2004, 188 S., 17,50

Barbara Frischmuth, Die Mystifikationen der Sophie Silber, Aufbau 2007, 318 S., 8,50

Thomas Bernhard, Die Auslöschung: Ein Zerfall, Suhrkamp 2007, 650 S. ,13,50

Christa Wolf, Nachdenken über Christa T., Suhrkamp 2007, 218 S. , 8,00

Marie von Ebner-Eschenbach, Das Gemeindekind, Reclam 1986, 5,60

14:30 24.07.2009
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Ausgabe 13/2020

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