Früchte der Zivilisation

Nachahmung Der Schweizer Kulturwissenschaftler Felix Philipp ­Ingold hat eine kluge Untersuchung zur ­russischen Kultur vorgelegt. Das Fremde wird unkritisch übernommen, sagt er

Der Schweizer Slawist Felix Philipp Ingold gehört zu der, jedenfalls im deutschsprachigen Raum, seltenen Spezies der Mehrfachbegabungen, die nicht nur sowohl von Literatur, wie auch von Kulturgeschichte etwas verstehen, sondern auch selbst zu den bemerkenswerten Dichtern zählen. Wahrscheinlich erklärt sich seine Affinität zur Avantgarde aus dieser Einheit von wissenschaftlicher und poetischer Existenz.

Ingolds jüngste Publikation ist sozusagen die Light-Fassung der vor zwei Jahren erschienenen Russischen Wege. Der Autor hat den dritten Teil des umfangreichen Bandes überarbeitet und erweitert.

Zunächst dokumentiert Ingold, wie der russische Raum in Russland selbst, vor allem in der schönen Literatur, wahrgenommen wurde und wird. Stichwörter wie „Weite“, „Leere“ oder „Mütterchen Russland“ klingen vertraut, werden aber durch ihre Kontextualisierung mit Inhalt gefüllt. Das historisch erstaunlich konstante Selbstbild macht mancherlei verständlich, was heute noch russische Verhaltensweisen und nicht zuletzt Russlands Politik bestimmt.

Auf der Suche nach den Besonderheiten der russischen Nationalkultur stellt Ingold fest, dass in Russland „das Fremde mehrheitlich unkritisch, oft sogar unbedacht übernommen und dem Eigenen eher übergestülpt als eingepasst wurde“. Als Kronzeugen für die „Nachahmungskultur“ führt Ingold, was manche Leser verwundern mag, Dostojewski an. Er belegt, wie die russische Nachahmungskultur „bei vielen russischen Denkern, zumindest als Projekt, umgedacht [wird] in eine wortführende, beispielgebende Kultur, die nicht mehr zu lernen, aber sehr viel zu lehren hat“. Diese Darstellung korrigiert allzu simple Schemata der Opposition von Westlern und ­Slawophilen. Dass Klischees nicht nur Fremdurteile, sondern auch russische Selbst­einschätzungen prägen, wird von Ingold ausdrücklich betont.

Der Autor analysiert die Bedeutung der sich verselbständigenden Mythen von der Staatsgründung, der importierten Religion, des lange währenden „Tatarenjochs“ und dann der Reformen unter Peter dem Großen. Hier findet man mancherlei historische Ergänzungen zu den von Karl Schlögel unternommenen und viel gepriesenen Untersuchungen von russischen Ambivalenzen im 20. Jahrhundert. Im Übrigen berührt sich Ingolds Arbeit mit der von Schlögel in der wiederholten Betrachtung von Architektur als Zeuge historischer Mentalitäten.

Stereotypen Russlands

Kennzeichnend für die russische Entwicklung, wie sie Ingold herausarbeitet, insbesondere für die Epoche Peters des Großen, ist eine Äußerung von Pjotr Tschaadajew, die Ingold zitiert: „Der Zar habe ‚dem alten Russland abgeschworen’, habe seinem Volk die Früchte der europäischen Zivilisation versprochen, freilich um den hohen Preis, alles Eigene zugunsten des Fremden aufzugeben.“ Ingold zeichnet die Auswirkungen dieser Politik auf die Künste, die Wissenschaften und die Philosophie nach.

Ingolds Arbeit zeugt auch in der verschmälerten Fassung von großer Bildung und Belesenheit. Das hat zur Folge, dass auch der Fachmann Neues erfährt, mag aber beim Laien dazu führen, dass er in der Fülle der Namen ersäuft. Wer anfangen wollte, die erwähnten Primärtexte zu lesen, hätte für die nächsten Jahre zu tun. Das Zwanzigste Jahrhundert, das den Nicht-Slawisten wohl am ehesten interessiert, nimmt in Ingolds Buch nicht einmal zwanzig Seiten ein. Für Ingold ergibt sich „das bemerkenswerte Fazit, dass so gut wie nichts von dem, was hierzulande gemeinhin als ‚typisch’, ‚authentisch’ oder ‚tradi­tionell’ russisch gilt und was – ebenso erstaunlich – auch russischerseits für typisch, für zutiefst eigen gehalten wird, tatsächlich russischen Ursprungs oder eine russische Eigenentwicklung ist“.

Wenn Ingold von einer „russischen Imitations- oder Sekundärkultur“ spricht, mag man sich an Heinz Schlaffers Thesen zur kurzen Geschichte der deutschen Literatur erinnern, und gewiss wird Ingold, jedenfalls bei Fachkollegen, die auf die Dignität ihres Gegenstand pochen, und bei russischen Nationalisten auf ähnlichen Protest stoßen wie Schlaffer bei deren germanistischen und deutschen Pendants. Über die Richtigkeit von Ingolds oder Schlaffers Ergebnissen freilich sagen solche Reaktionen nichts aus.

Felix Philipp Ingold. Wilhelm Fink, München 2009, 225 S., 19,90 Die Faszination des Fremden. Eine andere Kulturgeschichte Russlands

12:30 06.12.2009
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Ausgabe 13/2020

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