Ich bin mehrere

Grenzverwischung Der Begriff der "Rolle" stammt ursprünglich aus dem Theater. In der Salzburger Ausstellung "Rollenbilder – Rollenspiele" ist er sehr viel weiter gefasst. Das ist anregend

In die Sozialwissenschaften und in die Alltagsrede ist längst der Begriff der „Rolle“ eingegangen. Seine Herkunft aus dem Theater schwingt jedoch stets mit. Auf der Bühne spielt jemand eine Rolle, wenn er oder sie jemanden verkörpert, der er oder sie in Wirklichkeit nicht ist.

So gesehen hatte das Rollenspiel auch in der bildenden Kunst stets seinen Platz. Wer sich malen lässt, nimmt gegenüber dem Maler oder gegenüber anderen Figuren im Bild eine Pose ein. Auch der echte König ist, abgebildet, nicht mehr er selbst, sondern, vor einem ausgewählten Hintergrund, mit arrangierter Kleidung und Insignien, der Darsteller einer Rolle – in diesem Fall der Königsrolle. Die Frage, ob der Kuss des Pärchens vor dem Pariser Rathaus in dem berühmten Bild des Fotografen Robert Doisneau „echt“ oder gestellt ist, erscheint aus dieser Perspektive belanglos.

Das Museum der Moderne auf dem Salzburger Mönchsberg zeigt nun unter dem Titel Rollenbilder – Rollenspiele eine umfangreiche Ausstellung, die verschiedene Aspekte der Thematik dokumentiert. Zugegeben: Der Begriff der Rolle ist hier sehr weit gefasst. Viele der Exponate ließen sich auch in andere Kontexte einordnen. Aber der Vorschlag, sie darauf hin zu betrachten, wie sie etwas darstellen, statt es – im Sinne des Realismus – abzubilden, wie sie die Grenzen zum Theater oder zum Film verschwimmen lassen, ist anregend.

Erhellend und komisch zugleich

Am deutlichsten ist diese Grenzverwischung in der Videokunst, die ja auf Filmfestivals oder als Bestandteil einer Bühneninszenierung längst ebenso ihren Platz hat wie im Museum oder in einer Ausstellung. Solche Vermischung der ehemals streng getrennten Künste ist ambivalent. Einerseits erweitert sie die Möglichkeiten der einzelnen Sparten. Andererseits trägt sie dazu bei, dass alles mehr und mehr eins wird. Man begegnet zunehmend den gleichen künstlerischen Produkten. Wer früher ins Kino ging, suchte dort die Bewegung des Bildes, die ihm die überlieferte bildende Kunst vorenthielt. Wer das Theater besuchte, erhoffte sich dort jene narrative Entwicklung, die ein Genrebild nur unvollkommen andeuten konnte. Heute trifft man auf der Documenta, der Biennale oder im Museum der Moderne Werke an, die auch im Spätprogramm von Arte ausgestrahlt werden könnten.

Manchmal aber findet die Spezifik des starren Tableaus zu sich selbst zurück. Etwa in den religiöse Szenen verfremdend nachstellenden Bildern des Amerikaners David LaChapelle, die, am Rande der Kitsches, erhellend und komisch zugleich erscheinen. Oder in den Kontrafakturen von älteren Werken der Kunstgeschichte des Japaners Yasumasa Morimura. Eine Variante des Rollenspiels ist die Selbstdarstellung, wie man sie bei Gilbert George oder bei Eva Adele findet. Auch Timm Ulrichs, der sich bereits 1965 zum Kunstwerk erklärte, ist in der Ausstellung vertreten. Eine weitere Spielart ist die Vervielfachung einer Person, insbesondere in der Fotografie, die ihren eigenen Realitätsanspruch damit desavouiert.

In der Konzeption der Geschlechterrolle überschneiden sich soziologische, psychologische und ästhetische Kategorien. Indem Künstler das Geschlecht umwandeln oder es in seiner Ambiguität konservieren, realisieren sie, was im Alltag oft verborgen oder verdrängt wird. Auch die gesellschaftliche Rolle kann zum Thema der bildenden Kunst werden, etwa in den arrangierten Fotos der Amerikanerin Tina Barney. Ihre Two Students sagen fast so viel aus wie eine ganze Studie über Upper Class Kids.

Rollenbilder Rollenspiele Museum der Moderne auf dem Mönchsberg in Salzburg. Die Ausstellung ist bis 30. Oktober zu sehen.

Ein Katalog ist bei Hirmer erschienen, 352 S., 39,90
11:00 02.10.2011
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