In der Zwickmühle

Linker Haken Die Krise des Kapitalismus zeigt: die Linke hatte Recht mit ihrer Diagnose. Aber Dankbarkeit ist nicht zu erwarten und für Rechthaberei bleibt keine Zeit

Eigentlich müsste die Linke triumphieren: Was sie seit Jahren vorhergesagt hat, ist eingetreten. Sie wurde verspottet, angepöbelt und bedroht und hat Recht behalten. Die Neoliberalen, die mit arroganter Selbstgewissheit behaupteten, eine Krise werde es nicht mehr geben, der Kapitalismus sei nicht nur das relativ beste aller Systeme, sondern auch absolut gut und für alle Menschen von Vorteil, haben sich tödlich blamiert. Der Kapitalismus hat sich vielmehr mit drastischer Deutlichkeit als das entpuppt, was die Linke stets in ihm erkannt hat: ein krisenanfälliges und zutiefst ungerechtes System, dessen Lasten, wenn es heikel wird, die Armen und Ärmsten tragen müssen. Auf einmal scheinen die Apologeten des ungezügelten Marktes, für die jede staatliche Regulierung des Teufels war, zu Kreuze zu kriechen, wenn es nämlich gilt, der Allgemeinheit die Verluste jener Institutionen aufzuhalsen, deren Profite sie mehr und mehr und in maßloser Gier privatisiert haben. Wer hätte sich träumen lassen, dass jene, die noch vor kurzem lieber tot als rot gewesen wären, für die Verstaatlichung von Banken plädieren würden.

Und doch kann die Linke über diese Entwicklung keine Genugtuung empfinden. Das ist die Zwickmühle, in die sie geraten ist und die wiederum ihren Gegnern diebische Freude bereitet: Keinen Linken kann es befriedigen, wenn die Zahl der Arbeitslosen zunimmt, wenn immer mehr Menschen in materielles und, damit verbunden, in psychisches Elend verfallen, wenn die Gefahr des Erfolgs rechtsradikaler Heilsversprechen näher rückt. Das Ende dieser Krise, dem die Reichen und die Unternehmer entgegenfiebern, muss auch im Interesse der Linken sein, weil sie eben auch und in sehr viel dramatischerem Ausmaß die Lebenssituation der Bedürftigen trifft. Die Alternative, eine revolutionäre Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, steht nicht auf dem Spielplan. Man mag sie sich wünschen, sie eigentlich als notwendig erachten, aber nur ein Träumer kann sie gegenwärtig für realisierbar halten. Das ist ein wesentlicher Unterschied zur Zwischenkriegszeit, in der eine starke Arbeiterbewegung immerhin solch eine Alternative ins Auge fassen konnte. Dass die Geschichte dann in großen Teilen der Welt in den Faschismus und den Nationalsozialismus gemündet hat, widerlegt nicht die Richtigkeit einer sozialistischen Alternative – die ja, das muss man wegen der böswilligen Unterstellungen derer, die, selbst in der Krise, vom Kapitalismus profitieren, die weiterhin buchstäblich gewaltige Profite machen, immer wieder betonen, vom sowjetischen Experiment keineswegs vorgelebt wurde –, zeigt aber die Gefahren, die dort lauern, wo auf Radikalisierung gesetzt wird.

Am Krankenbett des Kapitalismus

Und so fällt heute der Linken in ihrer Gesamtheit jene Rolle zu, die in der Weimarer Republik der Sozialdemokratie abverlangt wurde: die Rolle des Arztes am Krankenbett des Kapitalismus. Sie hatte zwar Recht mit ihrer Diagnose. Aber für Rechthaberei und Triumph ist keine Zeit. Die Gegner, denen die erpressbare Linke in die Taschen spielt, lachen sich ins Fäustchen. Wir müssen’s nur leiden. So wie die Sparer über die Steuern jenen Banken auf die Beine helfen müssen, die ihre Ersparnisse verzockt haben, so muss die Linke helfen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, den ihre Feinde, alle Warnungen ignorierend, hineingefahren haben. Wir sind in die Zwickmühle geraten.

Dank darf die Linke für die Kärrnerarbeit nicht erwarten. Im Gegenteil: wenn die Krise überwunden ist, werden die Neoliberalen so tun, als wäre nichts geschehen. Manche tun es angriffslustig schon jetzt. So etwa Jan Feddersen von der Taz, die heute nicht einmal so „links“ ist wie es die Frankfurter Rundschau einmal war. Mit, wie er wohl annimmt: beißender, Ironie geißelt er seine Gegner: „Aber Linke glauben immer noch, die Kämpfe der Sechziger und Siebziger führen zu müssen. Dass der Kapitalismus den Tod verdient, dass überall faschistische Gefahr lauert und bald alles wieder in Trümmern liegen werde, zumal, schreiende Ungerechtigkeit, bald alle Menschen, hier und auf der Welt überhaupt, verhungern werden.“ Das ist die fieseste rhetorische Volte überhaupt: Indem er den offensichtliche Unsinn, dass alle Menschen hier und auf der Welt bald verhungern werden, der Lächerlichkeit ausliefert, suggeriert Feddersen, dass es keine Verhungernden gebe. Da er selbst jedenfalls nicht dazu gehört, verhöhnt er jene Linken, die „immer noch glauben“, dass Verhungernde ein vermeidbares Übel seien.

Enzensberger verteidigen?

Mit Degout erschnüffelt Feddersen in linken Milieus „ähnlich erfrischende Luft, wie sie auf Versammlungen der Zeugen Jehovas herrschen dürfte oder in Kegelvereinen, wenn dort Vorstandswahlen nötig werden“. Und das alles, um sich an Hans Magnus Enzensberger ranzuschmeißen. In der Welt sekundiert Uwe Wittstock, der apropos Enzensbergers vormaligem „Bekenntnis, er halte ein sozialistisches Wirtschaftssystem für zukunftsträchtiger als ein kapitalistisches“ mit schulterklopfender Herablassung zu wissen meint, dass er das „heute trotz akuter Finanzkrise wohl etwas behutsamer formulieren würde“. Gegen solche Bewunderer würde man, auch als sein Kritiker, Enzensberger gerne verteidigen. Schon wieder eine Zwickmühle.

Gerne würde man auch glauben, dass es zwischen der süffisanten Entdeckung einer einstmals sich links Gebärdenden, dass „Loachs Hauptinteresse einmal mehr der Entblößung des ‚Systems’ gilt, jenes höheren abstrakten Wesens, das die kulturelle Linke in ihren kritischen Elogen auf gewissermaßen ironische Weise anbetet“, und der Mitarbeit in der für seine Systementblößung nicht eben berühmten Welt keinen Zusammenhang gibt. Zum Glück haben noch ein paar unverwüstliche Linke überlebt, die ihre Gesinnung nicht um der Karriere willen an der Garderobe der besseren Gesellschaft abgegeben haben.

In Hamburg zum Beispiel den stets streitlustigen Otto Köhler, in Hannover den aufrechten Eckart Spoo, in Stuttgart, wohin mich das Schicksal in Gestalt von Wiener Intriganten und mehr oder weniger heimlichen Antisemiten verschlagen hat, den ewig jugendlichen Peter Grohmann, in Freiburg Walter Mossmann, dessen in der Edition der Freitag erschienene Erinnerungen sich jene nicht entgehen lassen sollten, die „immer noch glauben“, dass es auf dieser Welt „schreiende Ungerechtigkeit“ gibt, und die nicht auf behutsamen Antworten bestehen. Die Luft bei Vorstandswahlen von Kegelvereinen kenne ich im Gegensatz zu Jan Feddersen nicht, aber erfrischend ist es allemal, wenn man solchen Leuten begegnet.

In der Freitag-Kolumne "Linker Haken" beklagt Thomas Rothschild Woche für Woche, dass alles immer schlimmer wird. Manchmal hat er aber auch andere Sorgen. In der letzten Kolumne ging es um die Altershasser.


Thomas Rothschild (geb. 1942) ist ein britisch-österreichischer Literaturwissenschaftler und Träger des Österreichischen Staatspreises für Literaturkritik. Er lehrte in und lebt bei Stuttgart.

07:00 10.04.2009
Geschrieben von

Ausgabe 13/2020

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