In einer Schlangengrube

Salzburg Selbstgefälligkeiten und Selbstinszenierungen: Von einem demokratischen Kulturfest für alle sind die Salzburger Festspiele weit entfernt

Daniel Kehlmann sieht sich, wie er dem staunenden Publikum mitteilt, durch die vielen ablehnenden wie zustimmenden Reaktionen auf seine Salzburger Eröffnungsrede in seiner These letztlich bestätigt: Das "Regietheater" sei ein großes Tabuthema. Das ist eine geläufige Argumentationsfigur, bei der man selbst nur als Gewinner reüssieren kann. Die Zustimmungen werden für bare Münze genommen, die Ablehnungen aber, die man beiläufig als hysterisch und maßlos qualifiziert und also nicht auf ihren Inhalt hin überprüfen muss, beweisen lediglich, dass sich die Kontrahenten getroffen fühlen und also per se im Unrecht sind. Als gäbe es nicht auch ablehnende Reaktionen, wenn jemand behauptete, die Sonne drehe sich um die Erde.

Ein Tabuthema ist das "Regietheater" gewiss nicht. Und was das Gegenteil davon sein mag, werden die Salzburger sehr bald kennen lernen, wenn Carl Philip von Maldeghem am Landestheater jene Politik fortsetzt, die er in den vergangenen Jahren in Stuttgart verfolgte. Das Publikum mochte das, die Auslastung sprach für Maldeghem. Aber ist das das Theater, das Daniel Kehlmann sich wünscht?

Vielleicht ist Kehlmann ja auch nur von der Großmäuligkeit angesteckt worden, die bei den Salzburger Festspielen den Ton angibt. Eigentlich machte er bei seinen Auftritten einen eher bescheidenen und sympathischen Eindruck. Aber offenbar darf man sich in Salzburg nicht auf die Wirkung der Produktionen allein verlassen. Es muss immerfort geklappert werden, als wolle man ein Waschmittel oder gar einen Präsidentschaftskandidaten verkaufen.

Wie viel leichter könnte man Jürgen Flimm gegen die überzogenen Angriffe von Marlene Streeruwitz, die selbst ihre richtigen Einsichten durch hanebüchene politische Kategorien desavouiert, verteidigen, wenn er sich nicht andauernd als Entdecker und großer Zampano anpriese. In der Festivalzeitung Daily schafft er es, im ersten Absatz eines Artikels über Jürgen Gosch drei Mal das Fürwort der ersten Person zu verwenden.

Nur Thomas Oberender übertrifft ihn: er bringt es im selben Kontext auf vier Verweise auf sich selbst. Wie denn dieses Blättchen überhaupt vor allem dazu zu dienen scheint, die Brillanz der Veranstalter zu belegen und mit Fotos von ihnen und ihren Sponsoren zu schmücken, die gelegentlich von Künstlern flankiert werden dürfen. Von hier bis zur Idiotie von Kathi Wörndls Klatschkolumne in den Salzburger Nachrichten ist es nur ein kleiner Schritt.

In einem Gespräch mit der Zeit im Dezember vergangenen Jahres sagte Flimm, er verlasse die Salzburger Festspiele, weil er die Tendenz zur weiteren Kommerzialisierung nicht mitmachen wolle. Gerüchten konnte man entnehmen, dass die Schwierigkeiten, die das Kuratorium dem Nono-Projekt bereitet hat, dabei eine entscheidende Rolle gespielt haben. Das spräche für Flimm. Aber warum geht er damit nicht an die Öffentlichkeit? Warum tut er so, als sei alles in Ordnung? Da wird, was wie Loyalität aussehen mag, schnell zur Lüge.

Und die Presse belohnt Flimms Opportunismus nicht. Es ist zu vermuten, dass die Prügel, die er als Regisseur von Moïse et Pharaon einstecken musste, in Wahrheit dem Intendanten galten, der, was in Österreich erschwerend zu Buch schlägt, dem Salzburger Prestigeobjekt eine Berliner Oper vorzieht. Der österreichisch-preußische Krieg ist noch nicht ausgestanden.

Salzburg ist eine Schlangengrube, aber wer sich in sie begibt und dafür auch noch die Werbetrommel rührt, darf sich nicht beklagen. Der Konflikt zwischen Flimm und Oberender ist nicht etwa durch Verständigung, sondern durch eine zentrifugale Beschleunigung scheinbar gelöst worden. Gerne wüsste man dennoch mehr. Die Mängel des diesjährigen Schauspielprogramms sind evident.

Um nicht nur zu meckern, sondern mit Gegenvorschlägen aufzuwarten: Eine Entsprechung zu Markus Hinterhäusers faszinierendem "Kontinent Varèse" im Schauspiel würde Jossi Wielers gelungene Beckett/Handke-Inszenierung ins Zentrum stellen und um sie herum an sieben weiteren Abenden einen "Kontinent Beckett" aufbauen, etwa mit Stücken von Jarry, Witkiewicz, Vitrac, Pinter, Mrożek, Havel, Bernhard.

Ein Pendant zur Aufführung aller Beethoven-Symphonien durch Paavo Järvi wäre die Präsentation aller realisierbaren Pollesch-Stücke aus Berlin, Stuttgart, Wien in Folge, eine Werkschau des Budapester Krétakör Theaters (statt einer mittelmäßigen Inszenierung von Viktor Bodó aus Graz) oder der jungen Stuttgarter Tanztheatertruppe von Eric Gauthier. An einen Produktionsauftrag für Ariane Mnouchkine, der es an nichts fehlt außer an dem Geld, über das Salzburg immer noch verfügt, wagt man kaum zu denken – warum eigentlich? Kurz: festivalwürdig wäre ein Programm, das erste Qualität bietet (unter Berücksichtigung des Risikos bei Neuinszenierungen), echte Entdeckungen und vor allem, immer wieder vor allem, Aufführungen, die man nur hier, nicht, jedenfalls nicht in dieser Dichte an den mit geringeren Mitteln ausgestatteten Opern- und Schauspielhäusern und in den Konzertsälen das Jahr über sehen und hören kann.

Drei koproduzierte Neuinszenierungen (die nicht durch Oberenders Schuld gescheiterte der Bakchen mitgerechnet), zwei Wiederaufnahmen, das Gastspiel einer zwei Jahre alten Inszenierung und die Delegation der Kuratierung kleinerer Veranstaltungen an einen "Dichter zu Gast" als Ausbeute der Arbeit eines Jahres – das ist, gemessen an der Leistung eines Dramaturgen eines größeren Hauses, dürftig. (Nebenbei: aus welchem Grund haben die lettischen Schauspieler von Sound of Silence im Programmheft nicht eine Biografie wie die Schauspieler aller anderen Inszenierungen auch?) Wir wissen nicht, was Oberender in Salzburg verdient. Bekannt ist, dass für das Dreierdirektorium unter Flimms Vorgänger ein Jahresgehalt von zusammen 500.000 Euro zur Verfügung stand.

Aber das ist nicht der Punkt. Für ordentliche Arbeit soll auch ordentlich bezahlt werden. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Es ist nicht ganz einzusehen, warum ausgerechnet ein Schriftsteller, der praktisch die Funktion eines Dramaturgen erfüllt, kein Honorar erhält, wie Kehlmann der verblüfften Öffentlichkeit mitteilte.

Eine transparente, selbstkritische Festspielleitung würde kundtun, ob die erwähnten und ähnliche Kritikpunkte bei Oberender an der richtigen Adresse landen, oder ob sein Konzept durch Flimm so sehr verändert oder verwässert wurde, dass er es eigentlich nicht vertreten kann. Solange sich aber alle im Klappern vereinigen, das angeblich zum Gewerbe gehört, müssen sie sich auch in die Pflicht nehmen lassen. Falsche Solidarität erzeugt Ungerechtigkeit.

Die schlichte Wahrheit jenseits aller selbstgefälligen Verlautbarungen ist: Wer ein Fest mit Händel und Nono, mit Tschechow und Beckett, mit Varèse und Schnittke will, und zwar ein demokratisches Fest für alle, kurz: Wer die Bewahrung eines Kulturverständnisses jenseits von Musical und Rummel will, ohne das auch Marlene Streeruwitz keine Leser fände, nicht aber die penetranten Lackaffen, denen Kultur und Fest nur zur Repräsentation dienen, der muss ihnen den verdienten Spott verpassen, nicht sich mit ihnen vor Kameras spreizen, mehr noch, der muss eine andere Gesellschaft wollen. Das aber sprechen weder Flimm noch Oberender aus. Von der Präsidentin Rabl-Stadler darf man es nicht erwarten.

09:00 23.08.2009
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Ausgabe 13/2020

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