Mehr als ein liebenswerter Spinner

Zukunftsforscher Jüngst wurde der "State fo the Future Report 2009" vorgesellt: die Welt steht vor gewaltigen Herausforderungen. Robert Jungk hat sie schon vor 40 Jahren benannt

Im Rahmen der Salzburger Festspiele, von diesen aber kaum wahrgenommen, ließ die Bertelsmann Stiftung Jerome C. Glenn, den Geschäftsführer des Millennium Projects, den State of the Future Report 2009 vorstellen. Der Report nennt 15 globale Herausforderungen an die Menschheit. Es sind dies unter anderem: sauberes Wasser, Bevölkerung und Ressourcen, Langzeitperspektiven und Klimawandel, die Kluft zwischen Arm und Reich, Gesundheitsthemen, Entscheidungskapazität, Friede und Konflikt, Frauenstatus, Energie, Wissenschaft und Technologie, globale Ethik.

In Salzburg hat auch Robert Jungk die letzten Jahre seines Lebens verbracht. Die Stadt hat es ihm gedankt. Ausgerechnet einen Parkplatz hat sie nach dem Ökologen der ersten Stunde benannt.

Robert Jungk hat bereits vor mehr als vierzig Jahre all die Punkte angesprochen, die in dem State of the Future Report aufgeführt sind. Der Report nennt unter seinen Herausforderungen auch das transnationale organisierte Verbrechen.

Robert Jungk freilich hat darüber hinaus auch vor den Gefahren gewarnt, die mit dessen Abwehr verbunden sind, insbesondere vor einem Überwachungsstaat, der vorgeblich dem Missbrauch jener Vernichtungspotenziale vorbeugt, die er selbst erst geschaffen hat. Das Buch Der Atomstaat ist aktueller denn je. Die Maßnahmen zur Vorbeugung gegen den Terrorismus sind nicht weniger bedrohlich als der Terrorismus selbst.

Robert Jungk wusste und sagte es. Was er prognostizierte, ist längst alltägliche Wirklichkeit geworden. Der State of the Future Report stellt fest, dass die weltweiten Einnahmen der organisierten Kriminalität „auf 3 Billionen US-Dollar geschätzt werden, doppelt so viel wie sämtliche Militärhaushalte der Welt“. Es wäre freilich verhängnisvoll, wenn man daraus den Schluss zöge, die Militärhaushalte müssten gleichziehen!

Ein österreichischer Havel

Robert Jungk wurde von der herrschenden Klasse als liebenswerter Spinner angesehen. Das „Institut für Zukunftsfragen“, das er zusammen mit Ernst Florian Winter gegründet hatte, erfuhr keine offizielle Anerkennung. Als der international geschätzte Futurologe den damaligen Unterrichtsminister Piffl-Percević von der Notwendigkeit einer Bildungsplanung überzeugen wollte, wies der die Anregung zurück: „Planung? Das ist doch Sozialismus.“

Als Robert Jungk in den sechziger Jahren von Ökologie sprach, dachten die meisten noch, er habe sich versprochen und meine Ökonomie. Aber seine Einsicht in Gefahren und Entwicklungen, für die der Großteil der Bevölkerung und der Medien und so gut wie alle Politiker damals blind waren, hielt ihn nicht davon ab, bei Ostermärschen ganz traditionell gegen Kriegstreiberei und Atomrüstung aufzutreten. Umweltgefährdung und militärische Konflikte, der Schutz der Natur und der Schutz des Menschen waren für ihn keine Alternative, sondern forderten gleichermaßen den Widerstand mündiger demokratischer Bürger.

Die Grünen haben den parteilosen Robert Jungk als Kandidat für die österreichische Bundespräsidentschaft nominiert. Zum Präsidenten gewählt wurde das intellektuelle Leichtgewicht Thomas Klestil. Eher geht ein Präsident durch ein Nadelöhr, als dass ein Parteiloser in die Hofburg kommt. Nicht auszudenken, was es der Parteiendiktatur Österreich an internationalem Ansehen eingebracht hätte, wenn ein intelligenter und vorausschauender Mann wie Robert Jungk an der Spitze der Republik gestanden hätte, die dann keine Parteiendiktatur mehr gewesen wäre. Nicht auszudenken! Ein österreichischer Havel! Ein österreichischer Senghor! Ein österreichischer Cardenal! In Österreich durfte er nicht einmal Universitätsprofessor werden.

Robert Jungk ist schon lange tot. Er fehlt, wie so manche seines Kalibers. Manchmal, inmitten all des Geschwätzes, sollte man sich an jene erinnern, die ihrer Zeit weit voraus waren, und ihnen wenigstens posthum den Respekt zollen, den sie bei Lebzeiten verdient hätten.

12:35 29.08.2009
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Ausgabe 13/2020

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