Moos

Welthaltig Das Tiroler Literatur­festival Sprachsalz

Die Botschaft ist unmissverständlich: "Soziale Sicherheit für unsere Leut´", verspricht von Plakaten herab der Rechtsaußen der österreichischen Politik, Heinz-Christian Strache, und wie die Dinge liegen, muss man befürchten, dass er damit Erfolg hat. Die kulturelle Entsprechung zu solchen Slogans sind die Renaissance des Dirndls und ein miefiger Provinzialismus, der sich bevorzugt in anonymen Leserbriefen Luft macht. Die Außenseiter im Café Hawelka bezogen in den sechziger Jahren ihr Selbstbewusstsein aus einem urbanen und internationalistischen Lebensgefühl, das in Opposition stand zu eben dieser Musikantenstadlmentalität, die eine sentimentale Bindung an die "eigenen Leute" pflegt. Dieser Haltung verdankte sich ihre Begeisterung für Jazz, für die Folkloren aus Israel und Südafrika, aus Russland und vom Balkan, die Pete Seeger sammelte und interpretierte, für französische Filme, für amerikanische Freie Theatergruppen, für japanische Haikus.

Wenn heute auch Straches Gegnern nichts Anderes einfällt, als auf seinen Chauvinismus mit einer Nabelschau zu antworten, kann ein Schriftsteller wie Colum McCann gar nicht hoch genug gepriesen werden. Der in New York lebende 43-jährige Ire hat es nämlich unternommen, sich mit dem Schicksal der von den slowakischen Hlinka-Faschisten verfolgten Roma zu beschäftigen. Er hat sich eine fremde Kultur, fremdes Leid buchstäblich angeeignet. Ist das nicht zumindest moralisch höher zu werten als der Rekurs auf die "eigenen Leut´"? Die Gesinnung allein reicht freilich nicht aus. McCanns Roman Zoli gibt dem Stoff nicht die literarische Anstrengung preis. Der Autor las aus seinem Buch, unterstützt von dem Flamenco-Duo David Alcántara und Daniel Sommer. Der Abend war ein Höhepunkt beim 6. Literaturfestival Sprachsalz, das seinen Namen der Salzstadt Hall, ein paar Kilometer östlich von Innsbruck, verdankt.

Sprachsalz legt sich nicht auf einen Begriff von Literatur fest. Wer schreibend Welterfahrung bewahren und verdichten möchte wie etwa Erasmus Schöfer mit Winterdämmerung, dem vierten Band seiner monumentalen Tetralogie über die deutsche Nachkriegsgeschichte, hat hier ebenso seinen Platz wie ein Verfechter des Sprachspiels. Bei Charles Plymell, einem Veteran der amerikanischen Beat Poetry, kommt beides zusammen: Welthaltigkeit und eine sich verselbständigende Musikalität, die erst beim mündlichen Vortrag ihre Geltung erlangt. Gerade Plymells Lesung rückte ins Bewusstsein, wie wenig der rhetorische Gestus des Beat veraltet ist, wie erfrischend er wirkt vor dem Hintergrund einer neuen Hermetik.

Vertreten ist in Hall auch die humoristische Literatur, etwa durch Monique Schwitter, Michal Hvorecký, Margit Schreiner. Robert Schindel attestiert Margit Schreiner, dass sie eine unideologische Schriftstellerin sei, denn wer aus einer Ideologie heraus Literatur produzieren wolle, würde es bald aufgeben. Womit wir darüber belehrt wären, dass Dante und Diderot, Marie von Ebner-Eschenbach und Dostojewski, Majakowski und Upton Sinclair es hätten aufgeben sollen. Was Schindel in Aufarbeitung seiner eigenen Biographie als "unideologisch" lobt, ist vielleicht bloß launig und steht in scharfem Kontrast zum schräg-grotesken Humor eines Werner Kofler und zum abgründigen Humor eines Drago Jancar.

Felix Mitterer und Bodo Hell bedienen sich beide aufgefundener Dokumente. Während aber in Mitterers neuem Stück über den Briefbombenattentäter Franz Fuchs auf erschreckende Weise die Muster eines zugleich wahnhaften und strukturell intelligenten Denkens erkennbar werden, bezieht Bodo Hells Readymade über isländisches Moos seinen Witz und auch seine poetische Qualität daraus, dass der Text aus seinem Funktionszusammenhang gerissen wird. Er leistet nicht mehr, was zu leisten die Absicht seiner Verfasser war, und erlangt gerade dadurch, von einer Botschaft befreit, literarischen Rang. Dass Mitterer und Hell einander nicht ausschließen, sondern ergänzen, dürfte in Hall in Tirol auch die strengsten Dogmatiker überzeugen. Nicht nur unsere Leut´.

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