Normen

Linksbündig Der Kardinal als Kunstkritiker

Der Kardinal wurde deutlich: "Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet", verkündete er im Kölner Dom. Ein Politiker, der so daher redet, müsste wohl sein Amt aufgeben. Joachim Meisner wird, wie die Dinge stehen, Kardinal bleiben.

"Entartung" wurde von dem jüdischen Philosophen Max Nordau durch seine so benannte Streitschrift zu einem geläufigen Begriff gemacht. Die aus heutiger Sicht problematischen Überlegungen Nordaus sind freilich nur historisch, im Kontext des späten neunzehnten Jahrhunderts zu begreifen. Als die Nationalsozialisten den Begriff ins Zentrum ihrer Kulturpolitik rückten, dachten sie gewiss ebenso wenig an Nordau wie Kardinal Meisner, der wissen muss, welche Assoziationen das Wort "entartet" nach den Jahren des Nationalsozialismus abruft. Zumal gerade die Konzeption der "Entartung" mit gängigen Ressentiments übereinstimmte und nach wie vor übereinstimmt. Die Nazis waren in der Propaganda ja keine Stümper.

Als "entartet" haben die Nationalsozialisten bekanntlich jene Kunst bezeichnet, die nicht in ihre Ästhetik passte. Ihre Urheber, zum großen Teil, aber keineswegs ausschließlich Juden, wurden verfolgt, verjagt, vernichtet. Der Entwurf von der "entarteten Kunst" ging einher mit der Konzeption des "Krankhaften", das, wie das "lebensunwerte Leben", beseitigt werden darf. Euthanasie, Massenmorde in Konzentrationslagern und das Dogma der "Entartung" bilden im Nationalsozialismus einen engen Zusammenhang. Wer heute von "Entartung" spricht, zitiert, bewusst oder unbewusst, diesen Zusammenhang herbei.

Es spricht für die gewachsene Sensibilität in Deutschland, dass es CDU-Politiker waren, die sich sogleich mit scharfen Worten gegen Meisners Äußerung wandten. Offenbar haben sie erkannt, dass, bei aller Bindung an die katholische Kirche, politische Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht, wenn man derlei unwidersprochen durchgehen lässt. Den Kardinal muss es nicht kratzen. Er kommt zur Not ohne die CDU besser aus als sie ohne ihn. Mit einer Dreistigkeit, die entweder von völliger Verständnislosigkeit oder von Schlitzohrigkeit zeugt, entgegnete der Kirchenmann seinen Kritikern im Domradio: "Wenn man Kunst und Kultur auseinanderbringt, dann leidet beides Schaden. Das war die schlichte Aussage dieser Passage."

Der Satz, wenn er korrekt vermittelt wurde, ist denn auch einigermaßen verwirrend. Wenn nämlich der hier verwendete Begriff der "Kunst" dem der "Kultur" in der inkriminierten Aussage entspricht, dann ersetzt die "Kultur" in der Revision den ursprünglichen "Kultus". Diese Verschiebungen sind von Bedeutung. "Entartet", also aus der Art geschlagen war für die Nationalsozialisten jene Kunst, deren Schöpfer nicht den Idealen ihrer Rasselehre entsprachen. Für Kardinal Meisner ist "entartet", was "vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird", also jegliche weltliche, wir dürfen ergänzend vermuten: jegliche nicht-katholische Kultur. In diesem Anspruch, in diesem katholischen Fundamentalismus liegt mehr als in der Verwendung des Wortes "entartet" der eigentliche Skandal. Wenn dann dieser Anspruch gar mit einem nationalsozialistisch geprägten Ausdruck popularisiert werden soll, setzt das dem Skandal lediglich die Krone auf. Es kann angesichts dieses Befunds nur noch als komisch gewertet werden, wenn der Sprecher des Kardinals die Äußerung seines Dienstherrn mit der Erläuterung ziert, Meisner lasse keineswegs alte Ideologien zu neuer Ehre kommen, das Wort "entartet" habe er als rhetorisches Mittel verwendet, um die Ideologen des 20. Jahrhunderts mit ihren eigenen Begriffen zu schlagen.

Der Anspruch auf eine Koppelung von Kunst an den katholischen Kultus, auf eine Definitionshoheit darüber, was als Kultur und was als "entartet" zu gelten habe, entspricht der Dringlichkeit, mit der die katholische Kirche ihre Normen als allgemein verbindlich durchzusetzen bestrebt ist - und keiner scheint etwas dagegen zu haben, wenn nicht gerade eine Nazivokabel im Raum steht. So fahndet man vergeblich nach dem Aufschrei all derer, die den Burkazwang als Menschenrechtsverletzung oder gar als Gewaltanwendung anklagen, wenn in Georgia oder in Louisiana das Tragen von so genannten Baggypants als unsittlich bestraft wird. Offenbar wird die Forderung nach einer liberalen Kleiderordnung hinfällig, wenn die Vorschriften von Christen und nicht von Muslimen stammen.


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