Puppen

Filmfestival PECS Der Realismus des Geldes

Zu den Topoi, mit denen sich Filmemacher an das Publikum ranschmeißen, gehört die Versicherung, die Stadt, in der sie sich gerade befänden, sei wunderschön. Für das südungarische Pécs (Fünfkirchen), das sich in zwei Jahren Europäische Kulturhauptstadt nennen darf, trifft das Lob tatsächlich zu. Bei dem hier stattfindenden Festival "Moveast" treffen sich zwei Tendenzen, die auf das immer enger werdende Spektrum des von Hollywood beherrschten Mainstreams reagieren: ein aktuelles Interesse für Osteuropa, zu dem hier bemerkenswerterweise, aber geographisch korrekt, Österreich zählt, nicht jedoch, weniger korrekt, Russland, und die Förderung von ersten (Spiel)Filmen, also von noch unbekannten Namen.

Wenn immer wieder beteuert wird, die Ostdeutschen würden die DDR-Vergangenheit verklären, so musste man in Pécs zur Kenntnis nehmen, dass die Gegenwart jener Länder, die seit nunmehr bald zwei Jahrzehnten die Segnungen des Kapitalismus genießen, zumindest subjektiv auch östlich von Deutschland wenig attraktiv erscheint. Und zwar bei Filmemachern, die davor noch Kinder waren. Vielleicht sollten die Besserwessis, die gerne vorschreiben, wie und was Andere zu empfinden hätten, doch etwas mehr Bescheidenheit an den Tag legen.

Sinnbild einer nur noch vom Geld regierten Gesellschaft ist die Prostituierung. Was mit den künstlerischen Mitteln eines sozialen Realismus dargestellt wird, unterscheidet sich kaum von Pornographie. Es wird viel gevögelt, aber mit Lust oder gar mit Liebe ist das kaum verbunden. Ob die Mädchen von Faur Anna im ungarischen Film dieses Titels einen Taxifahrer ausnehmen und schließlich erschlagen, ob die Freunde in Huddersfield von Ivan Živkovic aus Serbien mit den Gefühlen eines psychisch Kranken spielen, ob sich die scheinbar geordnete Welt der Bessergestellten im slowakischen Film Halbwertzeit von Vlado Fischer als brüchig und verlogen erweist, ob sich ein Fotograf in Lukasz Palkowskis polnischem Reservat in das, wenngleich wie in Frank Capras You Can´t Take It With You mit Anteilnahme gezeichnete, Umfeld der Sozialfälle begibt - es ist eine düstere Welt, die diese Filme ausnahmslos zeigen, und es tröstet kaum ein Lichtblick. Die tschechischen Puppen in Karin Babinskás Film nehmen zwar kein Geld, wenn sie es treiben, aber darüber hinaus fällt ihnen, anders als ihren Vorgängerinnen in Vera Chytilovás mehr als vierzig Jahre alten Tausendschönchen, wenig ein. Endzeitstimmung auch in der absurd-poetischen Komödie Am Fluss der in Berlin lebenden Ukrainerin Eva Neymann. Von "blühenden Landschaften" und dem Pathos der Freiheit findet sich im osteuropäischen Film keine Spur. Seit Marcel Carnés Les Tricheurs von 1958 und Wolfgang Bauers Magic Afternoon von 1967 sind uns diese Szenen vertraut. Neu ist allenfalls, dass Der Untergang des amerikanischen Imperiums (Denys Arcand) nun auch Osteuropa erreicht hat, wenngleich in einer etwas schäbigeren Variante. Bei Huddersfield wurde der zynischen Aktion ein sentimentales Ende verpasst. Damit aber jedem klar ist, was gemeint ist, nennt der Gottesnarr die Büste seiner tyrannischen Mutter "Vaterland".

Wenig erfreulich ist auch der Krieg, den uns der Kroate Kristijan Milic in Die Lebenden und die Toten präsentiert, und er riskiert, was alle (Anti)Kriegsfilme riskieren: dass die Gewalt, vor der gewarnt werden soll, fasziniert. Immerhin ist hier eine Kameraarbeit zu rühmen, die zwischen Schlamperei und Beliebigkeit angenehm auffällt. Und Hahnenfrühstück von Marko Naberšnik aus Slowenien hat den Vorzug, bei aller Gesellschaftskritik auch die komischen und menschlichen Seiten einer Wirklichkeit zu erkennen, ohne einer Schönfärberei zu verfallen.

Vor dem Hintergrund von soviel Schmutz und Elend wirkt ein professionell gemachter Genrefilm wie Der Detektiv von Gigor Attila aus Ungarn über einen gedungenen Mörder, der entdecken muss, dass er seinen eigenen Halbbruder umgebracht hat, wie eine erholsame makabre Komödie.

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Geschrieben von

Thomas Rothschild

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