Söldner des Journalismus

Journalismus Viele Journalisten können sich vorstellen, notfalls auch in die PR-Arbeit zu wechseln. Was bedeutet das für Demokratie und Aufklärung?

Kennt man eigentlich die Zahl jener Journalisten, die von sich aus, also nicht erzwungen, ihren Beruf aufgaben, als die deutsche Presse gleichgeschaltet wurde? Waren alle übrigen überzeugte Nazis geworden? Oder waren sie „bloß“ Opportunisten, die in Kauf nahmen, was man ihnen von nun an abverlangte, um zu „überleben“?
Bei einer Umfrage unter deutschen Journalisten gaben kürzlich 46 Prozent an, dass sie sich einen Wechsel in die PR-Branche vorstellen könnten. Fast die Hälfte derer also, die angetreten waren, die Wirklichkeit wahrheitsgetreu zu beschreiben, kritisch zu kommentieren, verborgene Wahrheiten an den Tag zu bringen und Öffentlichkeit herzustellen, die eine objektive Meinungsbildung erleichtert, sind bereit, sich zu Söldnern von partikulären Interessen machen zu lassen.

Linie des Mediums

Wer – wie er glaubwürdig versichert: weil er ansonsten arbeitslos wäre – vom Journalismus zur PR wechselt, wird nach Möglichkeit zunächst für Inhalte oder Produkte werben, die er guten Gewissens vertreten kann. Jedenfalls mit keinem schlechteren Gewissen, als er die Linie des Mediums nach außen hin verteidigen musste, für das er zuvor geschrieben hat. Aber die Erfahrung lehrt: Wenn es anders nicht geht, wenn wieder einmal eine Kündigung oder eine Gehaltskürzung ins Haus steht, wird er auch PR für Produkte betreiben, die unnütz, vielleicht sogar schädlich sind und nur den Zweck haben, Profit einzufahren.

Vielleicht wird der ehemalige Kämpfer für Wahrheit und Aufklärung noch nicht einmal bemerken, dass das so ist. Die Mechanismen der Selbsttäuschung, der Aufhebung von kognitiver Dissonanz, der Sekundärrationalisierung sind außerordentlich effizient, wenn sie der Erhaltung von Vorteilen dienen. Deshalb fällt es dem PR-Konvertiten nicht schwer, heute für die eine Firma zu arbeiten und morgen für deren Konkurrenz, heute für ein Produkt zu werben und morgen für ein anderes, das das erste überflüssig macht.
Der Typus ist uns längst vertraut: der smarte Alt-68er, der die angeblichen Vorzüge einer Fluglinie, einer Geldanlage, eines Pharmapräparats propagiert; die Feministin, die sich wie eine bessere Animierdame dafür engagieren lässt, ihre erotischen Reize einzusetzen, um die (männliche, versteht sich) Kundschaft in gute Laune zu bringen. Auch sie wird es vielleicht für einen Sieg der Frauenpower halten, dass sie Karriere gemacht hat.

Dass sie in Wahrheit nur die traditionelle Rolle der Frau bestärkt und sich zur Dienerin zweier Herren – ihres Auftraggebers und des Kunden – macht, verdrängt sie geflissentlich. Manchmal treffen diese stets lächelnden, oft lebhaft fuchtelnden, gut duftenden und elegant gekleideten Damen auf Herren jener Profession, die sie einst angestrebt hatten, auf Journalisten, die sie in die Stimmung versetzen sollen, in der man freundliche Berichte schreibt. Dass sie diese Würstchen, die Tag für Tag um ihre Aufträge bangen, eher verachten als schätzen, ist wahrscheinlich.

Journalisten am Fließband

Vielleicht ist es zu viel verlangt, wenn man erwartet, dass jemand Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg in Kauf nimmt. Vielleicht kann man es sogar menschlich verstehen, wenn einzelne Journalisten glaubten, in der nationalsozialistischen Presse mit Anstand überleben zu können. Vielleicht sind Journalisten nicht anders zu bewerten als Arbeiter, die am Fließband blieben, als dort Waffen hergestellt wurden, als Juristen, die weiterhin zu Gericht gingen, als dort Unrecht gesprochen wurde. Aber dann sollte man wenigstens eingestehen, dass es nicht weit her ist mit der journalistischen Ethik. Der Söldner wird bezahlt. Wofür – danach fragt er nicht.
Und weil die Grenzen fließend sind zwischen dem Söldner und dem Überzeugungstäter, weil es, gerade im journalistischen Bereich, nicht immer einfach ist zu beurteilen, wo berufliche Konventionen aufhören und die Vorteilsnahme anfängt, wollen wir eingestehen: Manche Entscheidungen sind ambivalent. Jede freundliche Buchbesprechung, jedes Lob für einen Film, dessen Besuch dem Verleih Geld einbringt, bewegt sich am Rande der PR. Nicht zufällig zitieren Verlage positive Besprechungen, und es soll Kritiker geben, die es auf solch ein Zitat abgesehen haben, weil es der Eitelkeit schmeichelt. Immerhin: der Rezensent ist nicht von jenen angestellt und bezahlt, über die er schreibt. Und man kann nur hoffen, dass er sich von einer Einladung zu einem Filmfestival, das ihm die Übernachtungen bezahlt, nicht korrumpieren lässt. Ausschließen kann man es nicht.

Auch hier gilt der Verdacht der Sekundärrationalisierung. Andererseits: ohne solche Einladungen gäbe es keine Festivalberichterstattung. Kaum eine Zeitung bezahlt noch die Spesen, und das Zeilenhonorar deckt nicht einmal die sonstigen Ausgaben, ganz zu schweigen vom Verdienstausfall, den der freie Mitarbeiter in Kauf nimmt, wenn er mehrere Tage abwesend ist. Festivalberichte oder, wenn man den Zeitaufwand berücksichtigt, auch Buchbesprechungen sind in Wahrheit Zuschussgeschäfte. Man sieht: die Sache ist nicht einfach. Und doch besteht ein Unterschied zwischen kostenlosen Brötchen und einem Glas Sekt beim Empfang (die Zeiten, da Rockkritiker zu einem Konzert nach London geflogen wurden, sind längst vorbei) und der Indienstnahme durch einen Konzern, dessen Profitinteressen man guten Gewissens nicht teilen mag.

12:00 19.09.2009
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