Thomas Rothschild
19.09.2009 | 12:00 19

Söldner des Journalismus

Journalismus Viele Journalisten können sich vorstellen, notfalls auch in die PR-Arbeit zu wechseln. Was bedeutet das für Demokratie und Aufklärung?

Kennt man eigentlich die Zahl jener Journalisten, die von sich aus, also nicht erzwungen, ihren Beruf aufgaben, als die deutsche Presse gleichgeschaltet wurde? Waren alle übrigen überzeugte Nazis geworden? Oder waren sie „bloß“ Opportunisten, die in Kauf nahmen, was man ihnen von nun an abverlangte, um zu „überleben“?
Bei einer Umfrage unter deutschen Journalisten gaben kürzlich 46 Prozent an, dass sie sich einen Wechsel in die PR-Branche vorstellen könnten. Fast die Hälfte derer also, die angetreten waren, die Wirklichkeit wahrheitsgetreu zu beschreiben, kritisch zu kommentieren, verborgene Wahrheiten an den Tag zu bringen und Öffentlichkeit herzustellen, die eine objektive Meinungsbildung erleichtert, sind bereit, sich zu Söldnern von partikulären Interessen machen zu lassen.

Linie des Mediums

Wer – wie er glaubwürdig versichert: weil er ansonsten arbeitslos wäre – vom Journalismus zur PR wechselt, wird nach Möglichkeit zunächst für Inhalte oder Produkte werben, die er guten Gewissens vertreten kann. Jedenfalls mit keinem schlechteren Gewissen, als er die Linie des Mediums nach außen hin verteidigen musste, für das er zuvor geschrieben hat. Aber die Erfahrung lehrt: Wenn es anders nicht geht, wenn wieder einmal eine Kündigung oder eine Gehaltskürzung ins Haus steht, wird er auch PR für Produkte betreiben, die unnütz, vielleicht sogar schädlich sind und nur den Zweck haben, Profit einzufahren.

Vielleicht wird der ehemalige Kämpfer für Wahrheit und Aufklärung noch nicht einmal bemerken, dass das so ist. Die Mechanismen der Selbsttäuschung, der Aufhebung von kognitiver Dissonanz, der Sekundärrationalisierung sind außerordentlich effizient, wenn sie der Erhaltung von Vorteilen dienen. Deshalb fällt es dem PR-Konvertiten nicht schwer, heute für die eine Firma zu arbeiten und morgen für deren Konkurrenz, heute für ein Produkt zu werben und morgen für ein anderes, das das erste überflüssig macht.
Der Typus ist uns längst vertraut: der smarte Alt-68er, der die angeblichen Vorzüge einer Fluglinie, einer Geldanlage, eines Pharmapräparats propagiert; die Feministin, die sich wie eine bessere Animierdame dafür engagieren lässt, ihre erotischen Reize einzusetzen, um die (männliche, versteht sich) Kundschaft in gute Laune zu bringen. Auch sie wird es vielleicht für einen Sieg der Frauenpower halten, dass sie Karriere gemacht hat.

Dass sie in Wahrheit nur die traditionelle Rolle der Frau bestärkt und sich zur Dienerin zweier Herren – ihres Auftraggebers und des Kunden – macht, verdrängt sie geflissentlich. Manchmal treffen diese stets lächelnden, oft lebhaft fuchtelnden, gut duftenden und elegant gekleideten Damen auf Herren jener Profession, die sie einst angestrebt hatten, auf Journalisten, die sie in die Stimmung versetzen sollen, in der man freundliche Berichte schreibt. Dass sie diese Würstchen, die Tag für Tag um ihre Aufträge bangen, eher verachten als schätzen, ist wahrscheinlich.

Journalisten am Fließband

Vielleicht ist es zu viel verlangt, wenn man erwartet, dass jemand Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg in Kauf nimmt. Vielleicht kann man es sogar menschlich verstehen, wenn einzelne Journalisten glaubten, in der nationalsozialistischen Presse mit Anstand überleben zu können. Vielleicht sind Journalisten nicht anders zu bewerten als Arbeiter, die am Fließband blieben, als dort Waffen hergestellt wurden, als Juristen, die weiterhin zu Gericht gingen, als dort Unrecht gesprochen wurde. Aber dann sollte man wenigstens eingestehen, dass es nicht weit her ist mit der journalistischen Ethik. Der Söldner wird bezahlt. Wofür – danach fragt er nicht.
Und weil die Grenzen fließend sind zwischen dem Söldner und dem Überzeugungstäter, weil es, gerade im journalistischen Bereich, nicht immer einfach ist zu beurteilen, wo berufliche Konventionen aufhören und die Vorteilsnahme anfängt, wollen wir eingestehen: Manche Entscheidungen sind ambivalent. Jede freundliche Buchbesprechung, jedes Lob für einen Film, dessen Besuch dem Verleih Geld einbringt, bewegt sich am Rande der PR. Nicht zufällig zitieren Verlage positive Besprechungen, und es soll Kritiker geben, die es auf solch ein Zitat abgesehen haben, weil es der Eitelkeit schmeichelt. Immerhin: der Rezensent ist nicht von jenen angestellt und bezahlt, über die er schreibt. Und man kann nur hoffen, dass er sich von einer Einladung zu einem Filmfestival, das ihm die Übernachtungen bezahlt, nicht korrumpieren lässt. Ausschließen kann man es nicht.

Auch hier gilt der Verdacht der Sekundärrationalisierung. Andererseits: ohne solche Einladungen gäbe es keine Festivalberichterstattung. Kaum eine Zeitung bezahlt noch die Spesen, und das Zeilenhonorar deckt nicht einmal die sonstigen Ausgaben, ganz zu schweigen vom Verdienstausfall, den der freie Mitarbeiter in Kauf nimmt, wenn er mehrere Tage abwesend ist. Festivalberichte oder, wenn man den Zeitaufwand berücksichtigt, auch Buchbesprechungen sind in Wahrheit Zuschussgeschäfte. Man sieht: die Sache ist nicht einfach. Und doch besteht ein Unterschied zwischen kostenlosen Brötchen und einem Glas Sekt beim Empfang (die Zeiten, da Rockkritiker zu einem Konzert nach London geflogen wurden, sind längst vorbei) und der Indienstnahme durch einen Konzern, dessen Profitinteressen man guten Gewissens nicht teilen mag.

Kommentare (19)

ebertus 19.09.2009 | 19:37

Das wusste Paul Sethe, einer der Gründungsherausgeber der FAZ, bereits 1965 - und sprach es so aus:

"Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten."

In sofern greift der Artikel meiner Meinung nach etwas zu kurz, hebt ab auf (ehemalige) Journalisten, die erkennbar, auch vom Status her dann zur PR wechseln. PR in Politik und Wirtschaft, als Lobbyist oder mit sog. Beratervertrag.

Schlimmer und gefährlicher für eine Demokratie mit gewünscht und erwartbar "unabhängigen" Medien - unter den heutigen, primär wirtschaftlichen Rahmenbedingungen umso mehr - sind Journalisten auf den Gehaltslisten der Mainstreammedien, als Sänger der Lieder, die eine in der Regel investorengesteuerte Hand ihnen (leise)vorsingt. Und das Fressen kommt bekanntlich sowieso vor der Moral.

Aktuell zu erkennen bei der eher im Stile einer Regenbogenpresse zelebrierten Hofberichterstattung zu den staatstragenden Parteien incl. mittlerweile den Grünen unter Schonung der Protagonisten, unter Vermeidung all zu ernsthafter, inhaltlicher Attacken. Die damalige Rolle von 2003-Merkel zu Bush und dem irak ist absolut tabu, ebenso Steinmeiers Wirken in Zusammenhang mit den US-Geheimdiensten. Beides zum Beispiel wäre jedoch, und gerade im Hinblick auf die Entwicklung in Afghanistan, bis in jedes letzte Detail zu hinterfragen.

Und andererseits, beinahe wie abgesprochen, ein ganz "seriöses" Bashing der Linken und der Piraten. Da werden beinahe täglich alte Geschichten ala SED-Kader hervorgeholt - viel länger her als 2003 - und was haben die Medien und Politiker verschiedener Couleur doch im Frühjahr 2008 den Althaus-Favoriten Peter Krause verteidigt. Und der hatte nicht nur ein Interview gegeben...

Chomsky's Propagandamodell; Journalisten und anderes "akademisches Proletariat" oder auch "urbane Penner" (nach Mercedes Bunz) müssen und wollen existieren, sagen da in der Mehrzahl genau so wenig "nein", wie die im Artikel erwähnten Rüstungswerker.

HansMeier555 20.09.2009 | 00:31

"... die angetreten waren, die Wirklichkeit wahrheitsgetreu zu beschreiben, kritisch zu kommentieren, verborgene Wahrheiten an den Tag zu bringen und Öffentlichkeit herzustellen, die eine objektive Meinungsbildung erleichtert, sind bereit, sich zu Söldnern von partikulären Interessen machen zu lassen..."
Lieber Herr Rothschild, glauben Sie eigentlich an den Weihnachtsmann?

romano 20.09.2009 | 12:09

Ein guter Artikel. Das ist Journalismus. Die Zeitungen sollten sprudeln von solchen Zeilen.
Andererseits sollte man vom Journalismus auch nicht zu viel erwarten. Ihm wurde mal im anfänglichen Enthusiasmus eine demokratische Scharnierfunktion zugesprochen(und das wiederholt sich anscheinend mit der Existenz jeweils neuer Medien). Ein aufklärerisches Ethos färbte die Funktion des Standes. Mit schwindenden materiellen Grundlagen, stülpten sich diesem Ethos die Interessen der Inhaber materieller Ressourcen über. Heute klärt man auf, worüber der Auftraggeber Aufklärung verlangt. Oft heisst dies Abklärung. Ganz treffend hat Umberto Eco die gewandelten Journalisten mal als Knechte bezeichnet.

Achtermann 20.09.2009 | 16:58

Wenn ich eine Tageszeitung oder eine Zeitschrift las und ich den Autor Thomas Rothschild entdeckte, habe ich immer gelesen, was Rothschild zu sagen hatte. Diesmal möchte ich Rothschild ergänzen, weils noch schlimmer ist wie beschrieben.

Fast täglich sehe ich real das Sinnbild der deutschen Demokratie: das Hambacher Schloss. 1832 brachten die Repressionsmaßnahmen der bayerischen Verwaltung wie keine politische Versammlungsfreiheit und strenge Zensur 30.000 Menschen zum Protest zusammen. Philipp Jakob Siebenpfeiffer, einer der Initiatoren und Hauptredner des Widerstands, Herausgeber der Zeitschrift ‚Rheinbayern’, hatte sich zu einem journalistischen Grundgedanken verpflichtet, der jeder Ausgabe als Leitmotiv vorangestellt wurde: „Die Aufgab’ ist, Stoff zu bieten, nicht zum Lesen, sondern zum Denken.“

Prangte heute dieser Leitsatz über dem Titel irgendeiner Zeitung, wäre das angesichts des darin gebotenen Stoffes eher peinlich, weil dieser Anspruch heute desavouiert ist. Karl Kraus, der Kritiker veröffentlichter Gedanken, der in der Lage war, die Vorurteile, die Journalisten mit ihren Texten ungewollt publizierten, hervorzuholen und gesellschaftspolitisch einzuordnen, wüsste heutzutage gar nicht mehr, mit welchem Zynismus dem Zynismus der Journalisten zu begegnen wäre, da die Grenzen zwischen Information und Unterhaltung nicht mehr existieren. Sie sind auch nicht mehr gewollt, denn Journalisten leben auch preiswerter als andere Menschen. Wer sich einen BMW bestellt, erhält auf Vorlage des Presseausweises 15 Prozent Nachlass, wer ein neues Vario-Notebook von Sony ordern möchte, kann es aufgrund seiner Profession ein Zehntel günstiger bekommen. Allianzversicherer bieten den Presseausweisbesitzern „bis zu 25 Prozent bei privaten Sachversicherungen, Sonderkonditionen bei der Krankenversicherung und Lebens/Rentenversicherung“. Die Liste der Firmen, die diejenigen, die im publizistischen Bereich arbeiten, Vergünstigungen einräumen, ist lang. Warum? Das liegt offen auf der Hand und braucht nicht näher erläutert zu werden.

Wer derart gepampert wird, hat andere Maximen als etwa Siebenpfeiffer oder Kraus. So ist nur folgerichtig, dass der Journalismus in seine größte Krise seit Gründung der Bundesrepublik stürzte, weil er nicht merkte, dass das wirtschaftspolitische Gebaren der Politiker, die dem Spekulantentum jeden Stein aus dem Weg räumten, zum Desaster für die auf Mehrwert gegründete Produktionsweise werden würde. Liest man heute im Internet 18 Monate alte Texte zur globalen wirtschaftspolitischen Entwicklung, weiß man nicht, ob man heulen oder grinsen soll, weil die im Tal der Ahnungslosen versammelte Journalistengemeinde ganz im Sinne der Verfechter der freien Marktkräfte ihre Texte verfasste. Sie hingen begeistert an den Lippen derer, die schon immer wussten, dass Unternehmens- und Vermögenssteuer Gift für die Entwicklung der nationalen Wirtschaft seien, dass nach oben begrenzte Gehälter ohne Boni die wichtigsten und bedeutendsten Menschen ins Ausland zwingen würden. Sie ließen sich davon beeindrucken, das Typen wie Florida-Rolf nur den Staat ausnutzten und man deshalb dringenden Bedarf hätte – im Sinne der Generationengerechtigkeit – soziale Leistungen zu minimieren und die ‚Lohnnebenkosten’ nicht mehr auf einem paritätischen Modell zu gründen.
Laut Darstellung der ‚Deutschen Public Relations Gesellschaft’, die nach Eigenauskunft 3.000 Mitglieder hat und sich als Berufsverband der PR-Fachleute beschreibt, arbeiteten vor zwei Jahrzehnten 30.000 Männer und Frauen in der PR-Branche, heute sind es 50.000. Dem gegenüber stehen 45.000 bis 50.000 hauptberufliche Journalisten. Also: Auf jeden Journalisten kommt eine PR-Person, die nichts anderes im Sinn hat als ihr Gegenüber mit vorgefertigten Informationen im Sinne des Auftraggebers zu versorgen. Im Zuge der Ausdünnung der Redaktionen sind Redakteure verstärkt auf die vorgefertigten PR-Informationen angewiesen, die teilweise nur wenig überarbeitet ins Medium eingestellt werden. Der Wechsel vom Redakteur zur PR-Fraktion wird begehrter, da diese Sparte perspektivischer ist. Einen journalistischen Berufsethos scheint es nicht mehr zu geben. Warum auch: Die Medizinmänner unserer Republik, die gar einen Eid ablegten, sind nicht die einzigen, die sich verdingen, wenn auch diejenigen mit der größten Chuzpe.

Rechnen muss man mittlerweile mit vorgefertigten Leserbriefen, Äußerungen in Internet-Foren und Meinungsumfragen, wie die Bahn-AG im Mai dieses Jahres einräumte. Für den beabsichtigten Börsengang wurden im Jahre 2007 insgesamt 1,3 Millionen Euro für diese Art von Öffentlichkeitsarbeit ausgegeben. Damit beauftragt worden ist die Lobbyagentur EPPA, die ihrerseits den Auftrag an die Agentur Berlinpolis weiterleitete. Insbesondere wurden Meinungsumfragen produziert, die Zustimmung zur Bahn-Privatisierung und Ablehnung zum Lokführerstreik zum Inhalt hatten. Ziel war die Medienberichterstattung auf der Grundlage dieser vermeintlichen Erkenntnisse. Journalisten als Einzelkämpfer kommen gegen diese Dauerbefeuerung der Meinungsbeeinflussung nicht mehr an.

Leute wie Siebenpfeiffer oder Kraus könnten von ihren Texten heute materiell nicht existieren. Ihnen bliebe, wie zu ihren Lebzeiten schon, nur der Selbstverlag oder - auf heutige Möglichkeiten bezogen - eine Internetseite.

Thomas Rothschild 21.09.2009 | 10:13

Leland: These men who were with the Chronicle. Weren't they just as devoted to the Chronicle politics as they are now to our policies?
Bernstein: Sure, they're just like anybody else. They got work to do, they do it! Only they happen to be the best men in the business!
Leland: Do we stand for the same things the Chronicle stands for, Bernstein?
Bernstein: Certainly not. Listen, Mr. Kane, he'll have them changed to his kind of newspapermen in a week!
Leland: There's always a chance, of course, that they'll change Mr. Kane, without his knowing it.

Aus: "Citizen Kane" von Orson Welles

LCR 23.09.2009 | 13:31

Eine schöne und wichtige Analyse. Was mir aber fehlt, ist die Rolle der Verlage, die sich durch ihr als Geschäftmodell verkauftes Kaputtsparen des Journalismus an all diesem mitschuldig sind. Angedeutet ist ja schon, dass die Entscheidung pro PR massiv von einem leeren Konto beeinflusst wird. Wenn man aber wie der Freitag es praktiziert nur Honorare zahlt, die Selbstständigen keine Finanzierung durch Journalismus erlauben, ist diese Entwicklung kein Wunder. Dass ausgerechnet hier so ein Artikel erscheint, und sich Herausgeber Jacob Augstein nicht anderswo (etwa auf der Tagung des Netzwerk Recherche) entblödet, zu verkünden, „Unsere Autoren müssen sich ihr Geld woanders verdienen", passt da nicht so recht ins Bild.
(Hier schimpft wer anders über die Doppelmoral von J. Augstein: www.freischreiber.de/home/augstein-und-die-blumenzwiebeln)
Der Freitag weigert sich selbst, guten Journalismus angemessen zu finanzieren und bietet statt dessen die Oberfläche für appelative Moralartikel. Und damit ist es dann getan und Jacob Augstein kann guten Gewissens abends einschlafen. Das ist armseelig.

Anette Lack 23.09.2009 | 15:05

Lieber Thomas Rothschild;

vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag voller Wahrheiten. Und voller (un)ausgesprochener Fragen, die ich mir z.T. selber schon oft gestellt habe.

"Vielleicht wird der ehemalige Kämpfer für Wahrheit und Aufklärung noch nicht einmal bemerken, dass das so ist. Die Mechanismen der Selbsttäuschung, der Aufhebung von kognitiver Dissonanz, der Sekundärrationalisierung sind außerordentlich effizient..."

Anfang der 90er Jahre arbeitete ich in einer Tageszeitungsredaktion in Hamburg, im "Lokalen". Wir waren etwa 15 Redakteure, die auch als Reporter arbeiteten, dazu kamen noch etwa fünf Tisch-Redakteure, die nur redigierten, Überschriften fanden und produzierten.

Die 15 Redakteure waren alle etwa 30 bis 40 Jahre und wirklich "heiss" auf den Job - das mussten sie auch sein, den die Arbeitszeiten waren nie unter 10 Stunden, oft 12, Wochenenddienste, mindestens einmal im Monat, wurden vorausgesetzt. Der Umgangston war rau bis rüde (Anerkennung?!), die Heraus- und Anforderungen hoch. Es wurde grundsätzlich unter hohem Zeitdruck geschrieben und recherchiert. Ein "Nein" zu einem Thema kam einer Selbst-Kündigung gleich. Frauen hatten entweder hübsch zu sein, oder bereitwillig, wirklich jeden Sch... zu machen, auch die verhassten Klatsch-Seiten und -termine.

Das Ergebnis: Nach einigen Jahren waren die meisten ausgebrannt. Das Selbstwertgefühl zumindest angekratzt, da es ein "gut" einfach nicht gab. Da winkte noch nicht einmal der Absprung zu einem Magazin oder einer anderen Zeitung, da es die Alternative in Hamburg schon damals selten gab, und heute, mangels Festanstellungen, kaum noch gibt. Ein PR-Job schien da erst mal für viele eine sichere Bank, gutes Gehalt, man arbeitet sich nicht tot... Von den 15 arbeiten heute 9 im PR, einer in der Werbung, einer arbeitet nur noch für Vattenfall, als Fotograf, was dem gleichkommt; eine schreibt Kosmetikbücher für Burda, einer arbeitet als Auto-Journalist; einer dreht Dokumentarfilme, einer als Musik-Kritiker. Als einzige bin ich dem Genre weitgehend treu geblieben - bzw. wieder eingestiegen, nach jahrelanger Pause, die ich zum einen nehmen MUSSTE (mein Kind war sehr krank), aber auch brauchte.

Es ist nicht nur der Markt, der die Journalisten fast zwingt - es sind die Arbeitsbedingungen, die schon damals unmenschlich waren, und nur mit dem angeblichen Glamour des Jobs (man trifft Promis und nimmt interessante Termine wahr) legitimiert werden: "Sie können doch froh sein, dass Sie für uns arbeiten dürfen..."

Spätestens mit Familie lässt sich das nicht mehr vereinbaren. Auch heute nicht, oder kaum. Und solange es Journalisten, vor allem Einsteiger, gibt, die zu solchen Bedingungen arbeiten, wird sich wohl kaum etwas ändern, leider.

Das hat mit schleichender Selbsttäuschung gar nicht soviel zu tun. Sondern mit den Prioritäten, die dann jemand für sich setzen muss.

Mit herzlichem Gruß, Anna

elquixote 23.09.2009 | 23:01

Beim überwiegenden Teil aller Zeitschriften, deren Schreibpersonal sich selbst höchstwahrscheinlich als Journalisten bezeichnen wird, sind in meinen Augen die Grenzen zwischen journalistischer Recherche und PR ohnehin total verschwommen oder überhaupt nicht mehr vorhanden. Eine große Zahl von Fachmagazinen ist ohnehin zu reinen PR-Maschinen für die im jeweiligen Bereich tätigen Unternehmen verkommen.
Insoweit verwundert es kaum, wenn fast die Hälfte der Beteiligten kein Problem darin sieht einen ähnlichen Job auf der anderen Seite zu machen. Dabei kann sie oder er sich sogar besser fühlen als zuvor. Nicht nur wegen des mutmaßlich höheren Einkommens, sondern insbesondere, weil nach dem Outing als PR-Kraft keiner mehr seriösen Journalismus erwartet.
Aus meiner beruflichen Sphäre kann ich nur bestätigen, dass die hier aktiven Journalisten von hinten bis vorne gehätschelt werden und dagegen nicht die geringsten Vorbehalte hegen. Zudem tritt ein Teil ganz offen in Doppelrollen als kritischer Journalist einerseits und als Promoter für Produkte und Institutionen andererseits in Erscheinung, was weder sie selbst noch ihre Rezipienten zu stören scheint.
Vor diesem Hintergrund ist die Wechselbereitschaft eines hohen Anteils (vermeintlicher) Journalisten ins PR-Geschäft weniger überraschend als vielmehr ein Spiegelbild der realen Verhältnisse.

Friedland 23.09.2009 | 23:36

Hmm, irgendwie recht gallig geraten dieser Text...

Wenn ein Textarbeiter nicht mehr der Wahrheit, sondern einem Unternehmen verpflichtet ist, dann macht das in der Bewertung des Ergebnisses gewiss einen Unterschied. Aber vergleichen wir mal den BILD-Reporter mit einem Greenpeace-PR-Mann (oder jeweils Frau): Wer verkauft da seine Ideale und sich gleich mit?

Journalisten sollten bis zur Unkenntlichkeit neutral sein, PR-Menschen sollten - wie alle Mitarbeiter - hinter ihrem Unternehmen stehen. Wofür dieses Unternehmen selbst steht, kann jedeR Externe dann mit wenigen Klicks im Internet herausfinden und deren Werbung entsprechend einordnen.

Nur mit dem Wahren, Schönen, Guten allein kann man nicht immer seine Miete bezahlen und eine Familie ernähren. Wenn man sich einmal entschieden hat bzw. gezwungen wurde, die Seite zu wechseln, dann ist das in Ordnung, vielleicht wechselt man auch wieder zurück, c'est la vie...

Was mir aufstößt, sind eher diejenigen, die sich als Journalisten betrachten, aber dann Werbung machen für z.B. AirBerlin oder die BILD-Zeitung oder sich für Firmenfeiern als Moderator buchen lassen. Da ist man als ernstzunehmender Journalist doch "verbrannt".

(Den Hinweis auf den Nationalsozialismus habe ich übrigens nicht wirklich nachvollziehen können...)

Utes Tochter 24.09.2009 | 02:17

Beim letzten Mal (ersten Mal), als ich den Freitag las, wusste ich nicht, was mich an den Artikeln stört. Nachdem ich nun den dritten gelesen habe, weiß ich, was es ist: Das sind keine Artikel (was ich darunter verstehe), es ist bestenfalls harmloses Geplauder.

Nach einem sehr interessanten Fakt (46% der Journalisten ...) und einem ebenfalls interessanten Vergleich (Nazideutschland) mäandert der "Artikel" über Pharmareferenten und Fließbandarbeiter und endet damit, dass Rockkritiker nicht mehr nach London geflogen werden.
Diese Ziel- und Konzeptlosigkeit, diese Seichtig- und Harmlosigkeit merkt man allen Artikeln an (habe, zugegeben, nicht viele gelesen, aber durch die gelesenen wurde ich auch nicht dazu animiert, das zu tun). Ich hatte erwartet, zumindest zu erfahren, was der Autor für Auswirkungen auf Demokratie und Aufklärung befürchtet oder gar schon entdeckt hat, wie es ja auch groß in der Unterzeile angekündigt wird. Aber nichts davon ist zu lesen.
Unter Meinungsmedium verstehe ich was anderes!

Und das ist wohl ein grundsätzliches Problem. Es ist ja schön, dass im Internet jeder alles schreiben darf, aber in/bei einer Zeitung sollte vielleicht doch nicht einfach jedes Palaver veröffentlicht werden, ohne dass mal ein Redakteur draufgeschaut (und es dann zurückgewiesen) hat. Denn an Belanglosigkeit ist das hier nur schwer zu übertreffen. Schade um das Blatt ...

derDonnerstag 25.09.2009 | 00:58

"Beim überwiegenden Teil aller Zeitschriften, deren Schreibpersonal sich selbst höchstwahrscheinlich als Journalisten bezeichnen wird, sind in meinen Augen die Grenzen zwischen journalistischer Recherche und PR ohnehin total verschwommen oder überhaupt nicht mehr vorhanden."

Das ist der Punkt. Und das gilt nicht nur für Zeitschriften. Bei den ach so geschätzten, "seriösen" Regionalzeitungen ist es auch nicht viel anders. Echte Kritik findet sich da oft nur im Kulturteil.
Ich selbst mache jetzt auch PR, die sich "Journalismus" nennt, indem ich für ein Internet-Portal die positiven Seiten diverser Reiseziele beschreibe. Damit kann ich leben. Jedenfalls besser als damit, für das regionale Käseblatt z.B. positiv über irgendwelche Unternehmer zu berichten, die im Rahmen einer "Ausbildungsoffensive" gnadenhalber ein paar Azubis eingestellt haben - die sie sowieso eingestellt hätten.
Nach meiner Einschätzung ist das ohnehin das größte Manko unserer angeblich so freien Presse: weniger das Verdrehen von Tatsachen, als das Verschweigen wichtiger Aspekte. Was aber letztlich auf das Gleiche hinausläuft.
Und natürlich, was hier schon genannt wurde, die lächerlichen Honorare, die die wenigen wirklich kritischen Medien zu zahlen bereit bzw. in der Lage sind.

Anette Lack 25.09.2009 | 11:25

Liebe Utes Tochter;

tja, die Ansichten sind unterschiedlich. Der Artikel oben stammt von einem Autor, und Sie können sicher sein, dass ein Redakteur "draufgeschaut" hat.

Belanglos? Palaver? Warum diese Abwertungen? Sagen Sie einfach "Mir gefällt es nicht", und das wars. Warum muss etwas, was Ihnen nicht gefällt, gleich minderwertig sein? Das ist, m.E., unangenehm deutsch.

Nicht alles hier ist von schwerem Belang, das ist richtig. Manches ist amüsant, anderes privat, manches geht nur einige an. Das widerspricht nicht der Berechtigung, es hier zu veröffentlichen. Und es ist gerade diese unkontrollierte Form, die das Forum - auch für mich als Journalistin - so reizvoll und neu macht. Freiheit, aber damit muss man natürlich umgehen können.

Ich fürchte fast, Sie haben dieses Format nicht recht verstanden...

Mit freundlichem Gruß, Anna

Magda 25.09.2009 | 12:09

Lieber Friedland - "Journalisten sollten bis zur Unkenntlichkeit neutral sein, PR-Menschen sollten - wie alle Mitarbeiter - hinter ihrem Unternehmen stehen"

ganz so ist es nicht. Ich setze das hier mal drunter, obwohl es allgemeiner gemeint ist.

Wenn ich in eine Zeitung, wie "Die Welt" eintrete, dann ist sie ein Unternehmen mit einer Tendenz, die ich kenne und ich weiß, dass ich dort auch nicht "neutral" sein kann. Ich unterwerfe mich den journalistischen Richtlinien, die der Springer Verlag postuliert. Das Ganze ist geregelt im Zusammenhang mit dem im Betriebsverfassungsgesetz niedergelegten Tendenzschutz und dem internen Redaktionsstatut. Das ist bindender als die Grundüberzeugung eines Journalisten oder einer - ohnehin schwer zu definierenden - Neutralität.

Ich bediene mich mal hier bei folgendem Link:

home.arcor.de/wolflumb/verlag/lehrmaterial/verlagsbetriebslehre/tendenz.htm#antwort

Im Betriebsverfassungsgesetz gibt es diesen Paragrafen:

Tendenzbetriebe und Tendenzschutz
Tendenzschutz wird definiert für:
"Unternehmen und Betriebe, die unmittelbar und überwiegend

1. politischen, koalitionspolitischen, konfessionellen, karitativen, erzieherischen, wissenschaftlichen oder künstlerischen Bestimmungen oder

2. Zwecken der Berichterstattung oder Meinungsäußerung, auf die Artikel 5 Abs. 1 Satz 2 des Grundgesetzes Anwendung findet, dienen, finden die Vorschriften dieses Gesetzes keine Anwendung, soweit die Eigenart des Unternehmens oder des Betriebs dem entgegensteht." (BetrVGes. § 118).

Man umfasst diesen komplizierten Inhalt gelegentlich auch mit dem Begriff "Tendenzschutz" . Weil also die geistige Tendenz eines Verlegers oder Rundfunkbetreibers nicht durch die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrates (bei Einstellungen zum Beispiel) gefährdet werden sollen, gelten diese Mitbestimmungsregeln nicht. Dies betrifft natürlich nur den journalistischen Bereich - im Verwaltungs- und Produktionssektor bleiben die Mitbestimmungsregeln natürlich erhalten!

Ein Beispiel: Denken wir uns einen streng katholischen Verleger, der ohne den Tendenzschutz durch den Betriebsrat dazu gezwungen werden könnte, konfessionell-liberale Mitarbeiter einzustellen, die etwa die Unfehlbarkeit des Papstes in Frage stellen. Diese Verleger müssten zurecht an der grundgestzlich garantierten Pressefreiheit zweifeln. Was nützte ihnen das hohe Rechtsgut der Pressefreiheit, wenn sie anschliessend aufgrund der Einstellungspraxis des journalstischen Personals ihre geistige Tendenz nicht mehr wie gewünscht vertreten könnten.
Auf der anderen Seite sind die journalistischen Mitarbeiter einer solchen Unternehmung durch ihr Arbeitsverhältnis auch nicht der grundgestzlich garantierten Freiheit der Meinungsäusserung beraubt.

Und das Redaktionsstatut:
Das Spannungsverhältnis zwischen Presse- und Funkfreiheit einerseits und der inneren Pressefreiheit anderererseits - das Redaktionsstatut
Die Lösung aus diesem Spannungsverhältnis finden wir im Redaktionsstatut (auch publizistische Leitlinie genannt). Das bedeutet, dass die Medienbetreiber ihre Tendenz in einem solchen Dokument manifestieren und Tendenzschutz verlangen können.

Darüberhinaus aber sind die redaktionellen Mitarbeiter freie Menschen mit dem dazugehörigen Recht der freien Meinungsäusserung. (Also außerhalb können sie schreiben was sie wollen, innerhalb aber müssen sie sich an die "Unternehmensphilosophie" halten)

Von daher ist die Presse immer auch ein Unternehmen mit einer Ausrichtung, die nur solche Leute an sich zieht und bindet, die eine ähnliche Meinung vertreten. Das weiß ein Journalist.

Wir haben hier im Osten damit Erfahrungen in der Zeit der Übernahme von Zeitungen-Ost. Es war ein echtes Problem, weil die FAZ, die zum Beispiel die "NEUE ZEIT" übernommen hat, alle Journalisten in ihr Redaktionsstatut eingebunden hat und ihre Philosophie. Und die traf nun auf Leute, die Angst um ihren Arbeitsplatz hatten und - überhaupt - gewohnt waren, auf Anweisungen zu warten. Die dachten aber andererseits, jetzt sei es damit vorbei. Denkste.
Das führte zu echten Konflikten und Problemen. Und bei vielen auch zu ziemlichen inneren Bauchschmerzen. Von daher war das eine noch zugespitzte Form dessen, was Anna geschildert hat.

Es ist ein bisschen länglich geworden. Vielleicht aber ein ergänzender Exkurs.

Margareth Gorges 21.11.2009 | 20:53

Passend dazu :

Warum die Qualität im Journalismus abnimmt

Längst nicht alles, was heute als qualitativer, faktenorientierter Journalismus verkauft wird, ist dies auch tatsächlich. Der Einfluss von Unternehmen und Institutionen auf scheinbar unabhängige Journalisten nimmt immer weiter zu.“

Ein Hintergrundbeitrag der Medienjournalistin und „Freischreiberin“ Brigitte Baetz
www.nachdenkseiten.de/?p=4353#more-4353