Sound of Art in Salzburg

Ausstellung Die Idee ist nicht neu, und selbst die Kalauer ähneln sich. Eine Stuttgarter Ausstellung nannte sich Vom Klang der Bilder. Im Salzburger Museum der ...

Die Idee ist nicht neu, und selbst die Kalauer ähneln sich. Eine Stuttgarter Ausstellung nannte sich Vom Klang der Bilder. Im Salzburger Museum der Moderne, hoch oben auf dem Mönchsberg, heißt es Sound of Art und spielt an auf jenes Musical über die Trapp-Familie, dessen Beliebtheit amerikanische Touristen mehr noch nach Salzburg lockt als Mozart und seine Kugeln. Plagiat und Epigonentum sind freilich nicht vonnöten. Dass Musik für die bildende Kunst ein dankbares Sujet ist, liegt auf der Hand, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Musiker geben in Haltung und Ausdruck optisch mehr her als etwa Dichter oder Denker. Die Heerschar fotografierender Porträtisten gehört - übrigens oft zum Ärgernis der Zuhörer - heute noch zum Inventar von Jazzkonzerten. Die Musik selbst, nicht sichtbar, aber in metaphorischer Redeweise "bewegt", "farbig", "intensiv", lädt ein zur Suche nach bildnerischen Entsprechungen. Und schließlich die Musikinstrumente: von der Violine bis zur Tuba, von den Pauken bis zum Fagott regen sie mit ihren eleganten oder skurrilen, ihren praktischen und zugleich fantasievollen Formen zur visuellen Gestaltung an.

Was bei der Salzburger Schau, deren Schwerpunkt wie in Stuttgart auf dem 20. Jahrhundert liegt, überrascht, ist die Koinzidenz von Einfällen bei ganz verschiedenen Temperamenten. Offenbar determiniert der Gegenstand den Umgang mit ihm stärker, als es den einzelnen Künstlern bewusst ist. Von der Schönheit der Musik und der sie hervorbringenden Instrumente scheint eine Provokation auszugehen, die zerstörerische Impulse freisetzt. Und der Betrachter wird in die Situation eines Kindes zurückversetzt, das Spaß hat am Tabubruch, an der Verwüstung gerade dessen, was besonderer Sorgfalt anempfohlen ist. Diese demonstrative Missachtung der ursprünglichen Funktion, die anarchische Zertrümmerung von Oberflächenschönheit häuft sich in den Strömungen der fünfziger und sechziger Jahre, in Fluxus, Pop und Happening.

Da gibt es Günther Ueckers Piano von 1964, das - womit wohl? - mit Nägeln bespickt ist. Da gibt es das Sara Jevo Fluxus Piano von Wolf Vostell aus dem Jahr 1994, bei dem sich vier Kettensägen in die Tastatur hineinschneiden. Und da gibt es My second fluxus piano von Dragoljub Raša Todosijevic aus dem Jahr 2002, in dem Spazierstöcke die Tastatur blockieren. Drei Varianten einer Idee: visualisierte Aggression gegen Objekte, die einem besonders behutsamen Umgang anvertraut sind, unter gleichzeitiger Beeinträchtigung ihrer eigentlichen Funktion. In dieselbe Richtung verweisen auch all die zertrümmerten, verunstalteten, zersägten Violinen, von denen Armans Dosilasolfamiredo von 1961 durch die Aufteilung der Fragmente auf der Fläche am faszinierendsten ist.

Die Nähe mancher Objekte zum Trivialen, Alltäglichen hat weniger mit der Musik-Thematik zu tun als mit einer vorherrschenden Tendenz der Nachkriegskunst. Aber sie bringt einige schöne Exemplare hervor, etwa die fünfzig Staubsauger, deren eher unangenehmes Geräusch nach dem Willen von Wolf Vostell als Fluxus-Symphonie zu gelten hat. Dass sich solche Installationen mit Experimenten von Seiten avantgardistischer Komponisten, allen voran von John Cage berühren, ist bekannt und wird am Mönchsberg thematisiert.

Als Kuriosum muss der Raum gelten, der sich ausschließlich Beethoven widmet. Er macht deutlich, wie anhaltend sich die Kunst an Persönlichkeiten reibt, die kanonisiert und gemeinhin der Kritik enthoben sind. Einen anderen Aspekt berühren Musikautomaten, die ebenfalls jenseits der bildenden Kunst ihren Platz haben. Die romantische Idee von Instrumenten, die sich verselbständigen, den Menschen nicht benötigen, inspiriert Künstler bis heute. So hängt Rebecca Horn Trommeln an die Wand, deren Drumsticks von Schnüren bewegt werden - mechanisch für keinen Bastler ein Problem, als Schauobjekt jedoch nach wie vor sehr effektiv.

Sound of Art. Musik in der bildenden Kunst: Noch bis zum 12. Oktober. Der Katalog ist erschienen im Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra, und kostet 33 Euro.

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Geschrieben von

Thomas Rothschild

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