Wippen kann man nur gemeinsam

Kolumne Kann unsere Gesellschaft nur auf der Basis von Konkurrenz zur Höchstform auflaufen? Von Kinderspielen ließe sich der verlorene Sinn für Partnerschaft lernen

In einem Gespräch mit der Zeit vom 7.5.2009 sagte der Schauspieler Ulrich Matthes: „Jens Harzer und ich, wir mögen und schätzen uns sehr, und doch ist unser Spiel im Wanja – er als der Doktor Astrow, ich als Wanja – auch ein unbewusstes Kräftemessen zweier Protagonisten. Wir sind beide mit der gleichen Stimmzahl zum ‚Schauspieler des Jahres’ gewählt worden, das spornt solche Situationen noch an. Ich finde Jens großartig in seiner Rolle und gönne ihm seinen Erfolg. Dennoch ist auf der Bühne subkutan zwischen uns noch etwas anderes im Gang.“

Geht es wirklich nicht anders? Haben wir das Konkurrenzprinzip so sehr internalisiert, dass wir ihm nicht entkommen können? Stimmt es tatsächlich, dass Höchstleistungen nur unter den Bedingungen des Wettbewerbs zu erreichen sind? Waren alle Modelle eines Zusammenlebens in Solidarität, ob urchristlicher, sozialistischer oder anderer Herkunft, nur Träume, die nicht realisierbar sind? Das wäre einigermaßen deprimierend.

Wie kommt es, dass selbst dort, wo sie einem nicht abverlangt wird, etwa unter fest angestellten und praktisch unkündbaren Professoren an der Hochschule, Konkurrenz sehr viel selbstverständlicher erscheint als kollegiale Zusammenarbeit? Warum missgönnen so viele Hochschullehrer ihren Kollegen den Erfolg, die Einladung zu einem Kongress, das Lob für eine Veröffentlichung? Warum hört man so viel häufiger Sticheleien und pure Herabsetzung über die Kollegen als Anerkennung oder gar Bewunderung? Man konkurriert, zur Steigerung der Leistung allerdings trägt das nicht bei. Und so ist man bei Berufungen eher bereit, dem Mittelmaß den Vorzug zu geben, das den eigenen Status nicht gefährdet, als dem tatsächlich überlegenen Kandidaten. Die Studenten baden’s aus.

Ensemble statt Startheater

Das alles schien sich nach 1968 zum Besseren zu wenden, und an manchen Orten gab es tatsächlich so etwas wie konkurrenzfreie Zonen. Projekorientiertes Studium war einer der Versuche, die Zusammenarbeit – und zwar gleichberechtigt, auch ohne hierarchische Differenzierung – dem Wettbewerb vorzuziehen, wie die Einrichtung eines Ensembletheaters, das diesen Namen verdient, gegenüber dem Startheater.

Davon ist nichts geblieben. Die Zustände der fünfziger Jahre sind in die Hochschulen zurückgekehrt, verschärft durch die Zwänge, die von der Studienzeitverkürzung, der Bürokratisierung und der Stellenknappheit ausgehen. Im Mittelbau ist jeder jedermanns Feind. Und die Professoren, die sich ständig vor der Offenbarung ihrer Inkompetenz fürchten, die sich in fehlenden Publikationen und ausbleibenden Hörern äußert, müssen umso brutaler hochstapeln und die Konkurrenz heruntermachen.

Die Grundlage unserer Gesellschaft, der Wettbewerb, die Profilierung auf Kosten anderer, hat die letzten Refugien einer humanen Utopie, die Hochschulen wie die Theater, besetzt. Wen wundert es, dass die akademische Karriere ihren Reiz verloren hat. Wer wollte, wenn er schon weniger verdient, unter solchen Umständen arbeiten? Das Kräftemessen, von dem Ulrich Matthes spricht, mag im Sport seine Funktion haben. In der Wissenschaft und der Ausbildung ist es fehl am Platz.
Auch Kinderspiele haben ihre soziale Bedeutung. Wer würde das bezweifeln? Aber gemeinhin denkt man nicht daran.

Zu den wohl ältesten Spielgeräten – neben der Schaukel – gehört die Wippe oder das Schaukelbrett. Ihre Verbreitung liegt wahrscheinlich nicht zuletzt an der Einfachheit ihrer Konstruktion. Ein in der Mitte gestütztes Brett – das war’s schon. Den Rest erledigen die physikalischen Gesetze. Anders aber als bei der Schaukel benötigt der Benützer der Wippe einen Partner. Sie ist eine gesellige Vorrichtung. Wer sich ihr einsam nähert, wird keinen Schwung in die Sache bringen.

Wer immer oben bleiben will, muss ein Leichtgewicht sein

So betrachtet kann man die Wippe als reale Metapher interpretieren: Wer sich schwer macht, wird nie nach oben kommen. Wer immer oben bleiben will, muss ein Leichtgewicht sein. Und der Ausstieg ist ihm verwehrt. Er ist auf den Schwereren, der auf der anderen Seite des Balkens sitzt, angewiesen. Wenn der abspringt, kann er ziemlich schmerzhaft auf den Po fallen.

Die Funktionsweise der Wippe ist ein Gleichnis für soziales Verhalten, für Partnerschaft. Das Vergnügen der Bewegung, des Auf- und Abwippens gewährt sie nur, wenn zwei Menschen aufeinander eingehen, Rücksicht nehmen, zusammenwirken, bereit sind, mal unten und mal oben zu verweilen. Beide nehmen, abwechselnd, die gleichen Positionen ein. Sie konkurrieren nicht miteinander.

Da Wippen in der Regel von Kindern frequentiert werden, wird ihre soziale zu einer pädagogischen Bedeutung. Kinder lernen auf der Wippe soziales Verhalten. Spielerisch, ohne verbale Belehrung. Gerne wüsste man, wer von unseren Politikern als Kind die Wippe bevorzugt hat und wer die Schaukel. Mit der strampelt man sich immer nur selber hoch. Und wer zu hoch hinaus will, kann sich auch verletzen. Aber das kommt leider selten vor.


In der Freitag(s)-Kolumne "Linker Haken" beklagt Thomas Rothschild Woche für Woche, dass alles immer schlimmer wird. Manchmal hat er aber auch andere Sorgen. Letzte Woche:: Ganz ohne Kostüme geht es nicht.

08:00 15.05.2009
Geschrieben von

Ausgabe 13/2020

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