Zweierlei Maß

Linker Haken Man kann sich mit guten Gründen über Menschen aufregen, die ungerechtfertigte Vorteile einstreichen. Aber warum wird dieses Kriterium immer nur bei Juden angelegt?

Zu den Topoi der Verteidiger von Israels Politik gegenüber den Palästinensern gehört die Klage, es würde mit zweierlei Maß gemessen: Man würde Israel vorwerfen, was man anderen Staaten durchgehen ließe – und dahinter, so die übliche Erklärung, verberge sich Antisemitismus, der sich als Antizionismus verkleide.

Das mag in dem einen oder anderen Fall stimmen. Meist aber dient dieses Argument der Immunisierung gegen berechtigte Kritik an Israel, genauer: an der in Israel herrschenden Politik, denn sie bedeutet zugleich Solidarität mit der israelischen Friedensbewegung. Hingegen müsste es auffallen und wird doch von diesen Israel-Advokaten kaum je angesprochen, dass Juden in der Diaspora in der Tat mit anderen Maßstäben gemessen werden als alle übrigen Menschen, und zwar zu ihrem Nachteil – manchmal sogar von Juden.

Der britische Kunstexperte Sir Norman Rosenthal, der – was in diesem Zusammenhang unbedingt erwähnt wird – einer aus Deutschland geflohenen jüdischen Familie entstammt, hat sich dafür ausgesprochen, die Restitution von Kunstwerken, die die Nationalsozialisten ihren jüdischen Besitzern geraubt haben, einzustellen. Es sei schade, sagte Sir Rosenthal, "wenn Werke plötzlich aus der Öffentlichkeit, aus der Sichtbarkeit verschwinden". Er plädiert für eine Verjährungsfrist bei der Rückgabe von Raubkunst. "Wo ziehen Sie sonst die Grenze, sollen Rückforderungen möglich sein, solange noch Kinder, Enkel, Urenkel leben? Noch länger?"

Der Kurator der Kunstsammlung im Stadtmuseum Jena Erik Stephan leistet dem Experten Schützenhilfe: "Die Kunstwerke wurden geraubt, da ist ganz klar Unrecht geschehen.“ Im Laufe der Jahre seien sie aber durch viele Hände gegangen und am Ende auf dem Kunstmarkt gelandet, wo sie die Museen "in gutem Glauben" gekauft hätten. An den zurückgegebenen Kunstwerken bereicherten sich vor allem Dritte. Auch sein Museum habe schon Briefe von Anwaltskanzleien erhalten, die Raubkunst ausfindig machten, um diese danach in Auktionen zu verkaufen. "Die Anwälte und Auktionshäuser verdienen horrende Summen daran", erklärt der Jenaer Kurator.

Ein Bild gegen ein Leben

Man kann den beiden Restitutionsgegnern nur zustimmen. Ihre Argumente sind stichhaltig, und eine Wiedergutmachung für die Ermordung der ursprünglichen Besitzer der Kunstwerke kann es ohnedies nicht geben. Was wiegt ein Bild gegen ein Leben?
Aber warum machen Sir Rosenthal und Erik Stephan bei den Enkeln und Urenkeln der Verjagten und Ermordeten Halt? Warum denken sie ihre Argumente nicht zuende?

Man kann mit guten Gründen der Ansicht sein, dass kulturelle Schätze für die Öffentlichkeit zugänglich sein sollten. Man kann dafür plädieren, den Privatbesitz an Kunstwerken zu vergesellschaften, also die Besitzer zu enteignen. Aber warum gerade nur die Juden?

Wer das Eigentum an Kunstwerken im Besonderen und an Gütern, die für die Öffentlichkeit von Interesse sind, – also an Gärten, Zugängen zu Seegrundstücken, Swimmingpools, Schlössern – im Allgemeinen für schützenswertes Heiligtum hält und eine Enteignung von Juden ex post bestätigt, muss sich fragen lassen, womit er dieses doppelte Maß rechtfertigt.

Man kann das Erbrecht ändern wollen. Es gibt gute Argumente dafür, dass niemand ohne eigene Leistung von der Erbschaft seiner Vorfahren leben können soll, zumal wenn das auf Kosten anderer geht, etwa bei den Einkünften aus einem Mietshaus, das die Eltern erworben haben. Aber warum sollen just die Enkel und Urenkel von Juden auf Kunstwerke oder andere Gegenstände ihrer Vorfahren verzichten, die jeder andere Bürger anstandslos behalten darf?

Wer über Erbschaftssteuern klagt und damit einverstanden ist, dass die Nachkommen von Bestohlenen um ihr Erbteil betrogen werden, muss sich fragen lassen, womit er dieses doppelte Maß rechtfertigt. Es passt in diese kuriose Werteordnung, wenn man jetzt erfährt, dass sich der KZ-Aufseher John Demanjuk als „Displaced Person“ ausgegeben und Flüchtlingsunterstützung erhalten hat. Die Realität übertrifft die perverseste Fantasie.

Österreicher lieben die Tradition

Es passt in diese Werteordnung, wenn, wie dieser Tage gemeldet, das Simon-Wiesenthal-Zentrum in seinem Jahresbericht für die strafrechtliche Verfolgung von NS-Verbrechern an Deutschland die Note „gut", an Österreich hingegen „F“ wie fehler- oder mangelhaft vergeben hat. Warum soll man strafrechtlich verfolgen, was ein großer Teil der Bevölkerung im Grunde ihres Herzens und in anonymen Leserbriefen eigentlich ganz sympathisch findet? Dass man Juden unbestraft bestehlen und auch umbringen darf, hat Tradition, und in Österreich liebt man die Tradition.

Man kann es als skandalös empfinden, dass Auktionshäuser und Kunsthändler Geschäfte machen und weitaus mehr verdienen als die Künstler, deren Werke sie verkaufen. Aber wer den Kunstmarkt akzeptiert und sich ausgerechnet im Fall der Restitution darüber aufregt, dass sich Dritte bereichern, muss sich fragen lassen, ob er nicht doch mit ein paar Ressentiments belastet ist.

In dem bemerkenswerten Dokumentarfilm Defamation von Yoav Shamir, der bei der Berlinale im Forum gezeigt wurde, sagt der Rabbiner Hecht, der in der Jüdischen Gemeinde für Menschenrechte zuständig ist, in Bezug auf die amerikanische Anti-Defamation League, die es sich ihrerseits zur Aufgabe gemacht hat, den Antisemitismus zu bekämpfen: „Ich bin immer sehr misstrauisch, wenn jemand seinen Lebensunterhalt durch bestimmte Situationen verdient. Wenn also eine Filmcrew davon lebt, Blut zu zeigen, dann bin ich jedesmal, wenn sie Blut zeigen, misstrauisch. Wenn jemand aufgrund seiner Berichte über Antisemitismus bekannt ist, dann mach ich mir so meine Gedanken. Sind seine Berichte richtig. Er muss ein Problem erzeugen, denn er braucht seinen Job.“

Rabbi Hechts Skepsis

Ich teile Rabbi Hechts Skepsis. Wo jemand Vorteile aus einer Haltung, einer Meinung, einer Tätigkeit gewinnt, wo er daraus gar Ansehen, eine gesellschaftliche Position, einen Beruf, Geld bezieht, ist Misstrauen am Platz. Aber wiederum: gilt das nur gegenüber Juden? Gewiss kommt es vor, dass jemand Antisemitismus vermutet, wo er nicht vorhanden ist. Dass es andererseits Antisemitismus gibt, wird niemand ernsthaft bestreiten. Doch wer davon lebt, dass er ihn bekämpft, macht sich selbst dort verdächtig, wo er im Recht ist.

Aber auch die Caritas und ihre zahlreichen Angestellten leben davon, dass sie angeblich helfen, und auch die Gleichstellungsbeauftragten in diversen Institutionen verdanken ihren Job nur der Diskriminierung von Frauen. Unzählige Vereine, Organisationen und Funktionäre leben buchstäblich, durch Geldzuwendungen, oder im übertragenen Sinn, weil sie daraus ihr Selbstwertgefühl beziehen, davon, dass sie wirkliche oder eingebildete Missstände aufspüren und bekämpfen. Ihnen allen gegenüber ist das Misstrauen angebracht, das Rabbi Hecht gegenüber der Anti-Defamation League äußert. Dann, nur wenn dieses Misstrauen zum Ausdruck kommt, muss nicht nach dem doppelten Maß gefragt werden.

Thomas Rothschild (geb. 1942) ist ein britisch-österreichischer Literaturwissenschaftler und Träger des Österreichischen Staatspreises für Literaturkritik. Er lebt in der Nähe von Stuttgart. Zuletzt schrieb er über Symbolpolitik.

18:35 25.04.2009
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Ausgabe 13/2020

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