700 Jahre Dante Alighieri

Jubiläum Warum Dantes „Göttliche Komödie“ eine der zentralen Erzählungen der Menschheitsgeschichte ist.
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Man muss wohl ein gewisses Alter erreicht haben, um mit Dantes „Commedia“ etwas anfangen zu können. Wer nicht selbst jene Schwelle der Lebensmitte – jenen Moment „Del mezzo del cammin di nostra vita“, mit dem die „Commedia“ anhebt – überschritten hat, und eine Ahnung hat von den Erschütterungen und Beklemmungen, die damit einhergehen können, dürfte es schwerfallen, in die von Krisenbewusstsein getränkte Stimmungslage Dantes einzudringen.

Jener Moment steht für den existenziellen Schrecken nicht nur über das Ende des Lebens, das in Sichtweite gerät, sondern viel mehr noch darüber, dass die exponentiellen Möglichkeiten des Lebens, die einem als jungen Menschen unendlich erscheinen, mit negativer exponentieller Wucht wieder zusammenschnurren, und ein klaustrophobes Gefühl der Unentrinnbarkeit, eine Trauer über die vielen ungelebten Leben und verpassten Abbiegungen hinterlässt.

Ist man dieser besonderen Qualität der „Commedia“ einmal gewahr geworden, wird einem auch der archetypische Charakter dieser Dichtung immer deutlicher. Dass die „Commedia“ über die Epochen hinweg mit anderen Erzählungen kommuniziert, und in dieser Kommunikation universelle anthroposophische Narrative mitgeformt und weitergesponnen hat.

Wie die „Commedia“ ihrerseits an die Epen der antiken Sinnsucher-Figuren Odysseus und Aeneas anknüpft, hat sie gleichzeitig zahlreiche nachfolgende epochale Werke inspiriert und beeinflusst: von Shakespeares „Hamlet“ und Cervantes „Don Quichote“ über Goethes „Faust“ und Hölderlins „Hyperion“, Byrons „Harold“, Dostojewskis „Schuld und Sühne“ und Tolstois „Die Auferstehung“, Nietzsches „Zarathustra“, Thomas Manns „Geschichten Jakobs“ und Joyce „Ulysses“, bis hin zu David Foster Wallaces „Infinite jest“.

Die zentrale Grunddynamik dieses Narrativs ist die von der Schöpfung einer imaginativen metaphysischen Gegenwelt, geboren aus dem Bewusstsein einer tiefen Krise. Und aus der existenziellen Erkenntnis, dass Sinnstiftung nicht allein aus objektiver Anschauung gewonnen werden kann. Dass Rationalismus, Szientismus, Atheismus und Nihilismus ihrerseits nur „halber Weg“ sind, und jenes metaphysische „Andere“, das sich in Mythen, Religionen, Dichtungen, Kunstwerken, Projektionen und Träumen manifestiert, untrennbar zum Menschsein dazu gehört. Kulminierend in der Erkenntnis, dass in der kommunikativen Formbarkeit dieses imaginativen anderen Kosmos ein mächtiges Heils- und Erlösungsversprechen liegt.

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Trotz ihres universellen Charakters ist es eine Illusion zu glauben, man könne Dantes „Commedia“ ohne Vorbereitung lesen. Zu gut erinnere mich ich auch selbst noch an die Schwierigkeiten bei der ersten Annäherung, in diesen Text hineinzufinden. Das nicht mal so sehr wegen den zahlreichen inhaltlichen und thematischen Aspekten und Motiven, die die historische Gegenwart Dantes definieren, und an die Dante auch sehr konkret anknüpft. Es gibt inzwischen eine Reihe von sehr gut kommentierten Ausgaben, die einem als hilfreiche Führer dienen.

Was eigentlich noch wichtiger ist, ist, ein Gefühl für die Dynamik des allegorischen Erzählens an sich zu bekommen. Denn eben darin liegt die eigentliche universelle Wirkungsmacht solcher Dichtungen. Hat man einmal ein Gespür dafür erlangt, versteht man auch vollkommen, warum sich diese Dichter dieser Mittel bedienen. Mythologische Archetypen, metaphorische Bilder und allegorische Konstellationen erreichen eine Komplexität, Ambivalenz, Vielschichtigkeit und Universalität, die mit realistischem Erzählen nie in diesem Maße zu erreichen wäre.

Mir persönlich hat vor allem die Beschäftigung mit Ovids „Metamorphosen“ die Augen geöffnet. Danach las ich auch Dantes „Commedia“ mit anderem Bewusstsein. Einmal durch diese Schule gegangen wird einem immer selbstverständlicher, dass Dantes oft bizarre und befremdliche morphologische Bildersprache eine tiefgründige Psychoanalyse und Traumdeutung avant la lettre darstellt.

Ebenso wichtig ist die Erfahrung, dass im Bereich des allegorischen Erzählens die Identifikationen und Perspektiven viel fluider sind, was insbesondere in Bezug auf die beiden Führer-Figuren Vergil und Beatrice von Bedeutung ist. Denn diese bewegen sich permanent in einem ambivalenten Spannungsfeld von Projektion und Identifikation. Tritt Dante einerseits durch diese Figuren aus sich heraus und blickt von außen auf sich selbst, symbolisiert die Stabübergabe von Vergil an Beatrice im Purgatorio auf einer identifikatorischen Ebene eben jenen entscheidenden christlichen Transformationsprozess, den Dante selbst durchlaufen hat.

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Worüber man sich tatsächlich wohl im Hinblick auf Dantes „Commedia“ nicht genügend im Klaren ist, ist, dass Dantes Reise durch Inferno und Purgatorio in erster Linie die Erforschung von Dantes eigenem Gewissen ist. Dabei ist es eigentlich vollkommen offensichtlich. Denn in Canto 1 erzählt der Ich-Erzähler eben dies: wie er vom rechten Weg abkam und sich in einer tiefen existentiellen Krise befindet (dem metaphorischen „dunklen Wald“). Um diesem Ort zu entkommen müsse er, so rät der vor ihm erscheinende Dichter Vergil, „einen anderen Weg einschlagen“. Eben jenen Weg, von dem die „Commedia“ erzählt.

In Kommentaren zur „Commedia“ wird viel zu oft so getan, als sei der Ich-Erzähler Dantes ein neutraler Chronist, der die christliche Lehre schlicht erkläre und referiere. Nicht, dass dieser Chronisten-Aspekt keine Rolle spielt, ganz im Gegenteil. Es ist unverkennbar Dantes Ehrgeiz die eigene Epoche aus eine totalen Perspektive mit allen ihren politischen, kulturellen und religiösen Implikationen universal einzufangen. Doch ist die persönliche Perspektive eigentlich noch wesentlicher. Denn der individuelle Leidensdruck und der existentielle Krisenmodus des Protagonisten ist ein entscheidendes Merkmal der christlichen Weltanschauung, um die es Dante geht.

Die Selbstevaluation ist einer der zentralen Aspekte der christlichen Kultur: das Brechen des anthropologisch und evolutionsbiologisch vorgegebenen narzisstischen Selbstbezugs. Sind die antiken Götter wie Zeus und Jupiter noch Projektionen des narzisstischen Ich, blickt der christliche Gott plötzlich kritisch zurück auf das nackte Individuum, und zwingt damit den Menschen dazu, auch selbst auf sich zu blicken.

Paulus und Augustinus sind nicht zuletzt deswegen zentrale Protagonisten der christlichen Kultur, eben, weil sie jene christliche Transformation – von Saulus zu Paulus und durch Konfessionen geläutert – exemplarisch verkörpern. In diese Tradition reiht sich Dante ein, indem er im Inferno zunächst seine eigenen Verfehlungen bekennt und dann im Purgatorio den eigenen Weg der Läuterung beschreibt.

Nicht nur Vergils Identität in der „Commedia“ interferiert mit der des Ich-Erzählers, sondern auch die zahlreicher anderer Protagonisten, denen er zwischen Inferno und Paradiso begegnet. Die zentralen Verfehlungen des Inferno sind auch Dantes eigene Verfehlungen. Er selbst ist der Ehebrecher, korrupte Politiker und Verräter, der dort vor Gericht steht. Er selbst ist Paolo, Farinata, Ugolino und Brutus. Daher ist auch die permanente Erschütterung des Ich-Erzählers, der in Tränen ausbricht, Anfälle von Beklemmung hat und ohnmächtig zu Boden fällt, vollkommen verständlich.

Das Vexierspiel, das Dante betreibt, war in seiner identifikatorischen Unschärfe ein kluger Schachzug, die „Commedia“ kommensurabel zu machen, was auch die Rezeption nachhaltig beeinflusst hat. Denn der Durchschnittsleser wählt bevorzugt die Richterperspektive, die eben so viel angenehmer und populärer ist. Sich selbst in Frage zu stellen, das eigene Scheitern einzugestehen, das eigene Leben ohne Scheuklappen zu evaluieren, zählt zu den schwierigsten und schmerzhaftesten Prozessen des menschlichen Daseins. Die Inschrift vor dem Inferno „Die ihr hereinkommt: Lasst alle Hoffnung fahren“ meint eben auch das: jenes mentale Schutzschild abzulegen, um den eigenen Dämonen direkt ins Auge zu blicken.

Dante macht diese existenzielle Dynamik der christlichen Mythologie zu Beginn des Inferno auch vollkommen klar. Denn die, die sich nichts zu Schulden kommen haben lassen, landen keineswegs automatisch im Paradies, sondern in der Vorhölle, dem Zustand ewiger Indifferenz. Wer sich nie in den Abgrund der existenziellen Fragen gestürzt hat, sich selbst und die Welt nie in Frage gestellt hat, hat die Dimensionen des Menschseins nicht völlig ausgeschritten, ist buchstäblich an jener Stelle des „halben Wegs“, von der aus Dante aufbricht, stehen geblieben.

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Dass die „Commedia“ in der Ich-Perspektive geschrieben ist, im Gegensatz zu den antiken Epen Homers und Vergils, hat ganz entscheidend auch mit dieser christlichen Perspektive zu tun. Denn der große Paradigmenwechsel des Christentums gegenüber der paganen antiken Kultur ist eben jener Schwenk von der tribalen zur individuellen Perspektive.

War der Olymp oder Walhall eine Projektion, die im Grunde die weltlichen gesellschaftlichen Konstellationen vor allem männlicher Machtfantasien steigernd und idealisierend reproduzierte, rückt der Mensch als Individuum in der christlichen Kultur ins Zentrum. Was sich auch in der sozialen und kommunikativen Dynamik des Christentums zeigt, mit der Nächstenliebe als zentralem Paradigma und einer transzendentalen Kommunikation mit dem Göttlichen auf dezidiert persönlicher Ebene.

Das Antlitz des Christentums ist denn auch weiblich, was Dante auch vollkommen treffend in der Beatrice Figur, die die Führung am Ende des Purgatorio von Vergil, dem Protagonisten der antiken Kultur, übernimmt, realisiert. Es ist der Gegenentwurf und das Antidot gegenüber männlicher, gewalt- und macht-getriebener Realpolitik.

Diese weibliche Physiognomie zeichnet sich in vielen Aspekten christlichen Mythologie und Morphologie ab. Die Bewegung hin zum Licht des Paradiso ist wie eine Replikation des Geburtsprozesses, die Rückführung in einen unbewussten primären Urzustand, die Selbstauflösung in eine harmonisch fluide Allnatur. Um von diesem Zustand, frei von allen Korruptionen, neu beginnen zu können. Gerade im Opfermythos von Jesus Christus liegt etwas von diesem Element der Selbstauflösung als Quelle von neuem Leben, und als Chance eines Neubeginns.

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Wer das 6. Buch von Vergils Aeneis liest, in dem Aeneas mit Sybille in die Unterwelt hinabsteigt, dem ist vollkommen klar, woher die zentrale Anregung für Dantes „Commedia“ kommt, und warum Vergil von Dante als Führer auserkoren wird. Die „Commedia“ ist wie ein Reenactment von Vergil (der seinerseits an eine parallele Stelle aus Homers „Odyssee“ anknüpft). Mit Aeneas wird ein ganz ähnliches Frage-und-Antwort Spiel gespielt, um ihn über die Gesetzmäßigkeiten der Jenseitswelt aufzuklären.

Doch lässt sich gerade an der Differenz zu Vergil die neue christliche Weltsicht Dantes ablesen. Bei Vergil ist das Begräbnisritual, wie es selbst Naturreligionen kennen, von größter Bedeutung für den Übertritt ins Jenseits. Darin steckt erneut der tribale Fokus paganer Religionen, indem dem Verstorbenen rituell ein Ort für das Gedenken im Gedächtnis der Gemeinschaft zugeteilt wird.

Zudem ist Vergils Jenseits schlicht zweigeteilt in einen höllischen Abgrund für die Bösartigen und Gescheiterten und einem irdischen Paradies für die Helden und bedeutenden Persönlichkeiten. Bemerkenswert ist in jenem antiken Paradies vor allem die Stimmung, die in ihrer schattigen Verhaltenheit bezeichnend ist für das stoische Weltgefühl der späten antiken Welt. Vom existentiellen Durchbruchcharakter des Ostererlebnisses fehlt noch jede Spur.

Das Purgatorio, das Dante zwischen dem Hades und Olymp der antiken Welt errichtet wird, ist Symbol des neuen christlichen Heilsversprechens. Die Chance eines Ausbrechens aus dem schicksalhaften Sein, die Möglichkeit einer Reevaluierung des Lebens und eines geläuterten und hoffnungsvollen Neuanfangs unter neuen Vorzeichen. Und, worin sich Dantes eigene biographische Erfahrung als Exilant einbringt, eine Möglichkeit des Menschen auch jenseits des gesellschaftlichen Mainstreams, als autonomes Individuum ein sinnerfülltes Leben zu führen.

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Worüber sich viele Leser und Kommentatoren oft den Kopf zerbrochen haben, nämlich warum Vergil, ebenso wie Homer, Plato und Aristoteles nur ein Platz im Inferno (wenn auch ein einigermaßen angenehmer gleich zu Beginn) zugeteilt wird, verweist auf das, was im Rückblick die große Stärke und einer der Gründe für die Langlebigkeit der „Commedia“ ist.

Nämlich, dass Dantes Blick, trotz zahlreicher nicht zu leugnender Idiosynkrasien, ein totaler und geklärter Blick ist, der die Welt in ihrer Geschichtlichkeit und ihren kulturellen Prämissen und politischen Mechanismen vollkommen ernst nimmt. So sehr Dante von der stoisch-ethischen Haltung Vergils, die in gewisser Weise den Weg für die christliche Wende bereitet hat, angezogen war, begreift er ihn doch als Mensch seiner Zeit, der seinen unveränderlichen kulturellen und geschichtlichen Ort hat, und dem eben jene individuelle christliche Selbstinfragestellung noch fern stand.

Dieser totale Blick bezieht sich nicht nur auf die historischen sondern auch auf die psychosozialen Komponenten, die die Welt der „Commedia“ konstituieren. Womit sich gerade unsere Zeit schwer tut, die Verurteilung der Ehebrecherin Francesca da Rimini und des Abenteurers Odysseus (viele neuere Dante Abhandlungen lesen sich oft wie Verteidigungsschriften dieser Protagonisten), muss man vor allem aus dieser totalen Perspektive betrachten.

Die Sünde besteht in der narzisstischen Entfesselung, sich ohne Bedenken über Konsequenzen dem animalisch triebhaften Jetzt und Selbst zu überlassen, jene Gier nach dem Immermehr und Immerweiter, das den Keim zur Selbstzerstörung enthält. Denn was individuell vielleicht verzeihlich wäre, wird als Lizenz für alle zur Katastrophe (was unserer Zeit auch allmählich zu dämmern scheint). Der Teufel, der in Eiseskälte Menschen verspeist, steht metaphorisch für menschliche Kälte und skrupellose Ausbeutung und Verzehrung des Anderen und der Natur.

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Beatrice ist wahrschlich die Figur der „Commedia“, die für uns heute am schwierigsten zu verstehen ist. Wie bereits angedeutet hat die Übergabe der Führung von Vergil an Beatrice zunächst eine biographische Komponente. Sie steht für die Abwendung Dantes von der Philosophie hin zur Religion, die sich auch im Abbruch des „Convivio“ spiegelt, dem geplanten philosophischen Großwerk, dem Dante den Rücken kehrte um stattdessen die „Commedia“ zu schreiben.

Beatrice ist auch deswegen am schwersten nahezukommen, weil sie die Figur der „Commedia“ ist, die am stärksten mit Projektionen aufgeladen ist, und ein merkwürdig ambivalent schillerndes Bild abgibt. Sie ist mal empathisch zugewandt, mal streng maßregelnd, mal naiv unschuldig, mal gelehrt dozierend, mal mütterlich, mal freundschaftlich. Unverkennbar scheinen durch sie idealisierte Physiognomien verschiedenster Art durch.

Der Kern ihrer Figur ist mit Dantes früher „Vita Nuova“ verknüpft, aus dem ihr Name entnommen ist. Das Urerlebnis Dantes als Neunjährigem, der sich auf den ersten Blick in die gleichaltrige Beatrice verliebt, und wie dieser Zustand durch Distanz, die den Liebenden ganz auf die Imagination zurückwirft, überwältigende Formen annimmt, war nicht nur Dantes Initiation als Dichter.

Das Erlebnis der ersten Verliebtheit, das zu den erschütterndsten Erfahrungen des menschlichen Daseins gehören kann, dieses Ausgeliefertsein an einen anderen Menschen, das Zerbrechen des narzisstischen Kokons, jedoch im vorpupertären Alter noch ohne die animalische Komponente der Sexualität, all das wird von Dante emotional mit der existenziellen Erneuerungs-, Opfer- und Auferstehungsdynamik der christlichen Mythologie verschmolzen.

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200 Jahre nach Dante, und vielleicht nicht zufällig mit eben jener Stadt Florenz als einem ihrer Zentren, begann mit der Renaissance das endgültige Ende von Dantes mittelalterlicher Welt. Nikolaus Kopernikus (1473-1543) zerstörte das ptolemäische Weltbild, auf dem Dantes kosmische Weltvorstellung fußte, und Martin Luther (1483-1546) riss mit der Verbannung des Fegefeuers Dantes Purgatorio, das zu einer kommerziellen Verkaufsbude des Ablasshandels degeneriert war, nieder.

Danach nahm der Prozess der Säkularisation immer weiter zu, und in gleichem Maße wie Rationalismus und Szientismus ihren Siegeszug antrat und sich wohl aktuell auf seinem Höhepunkt befindet - in göttlichem Selbstbewusstsein scheint der Wissenschaft heute im Prinzip jedes Problem lösbar - befinden sich die christlichen Religionen in einem krisenhaften Abstieg.

Allerdings brachte ausgerechnet der Szientismus im 20. Jahrhundert einige neue Erschütterungen hervor. Und es macht einen fast ein wenig erschauern, dass Dante am Ende doch mit vielem intuitiv recht behalten hat. Denn so falsch auch das ptolemäische Weltbild in Bezug auf unser Sonnensystem war, auf den ultimativen kosmischen Skalen ist das Universum, wie man inzwischen annimmt, tatsächlich isotrop.

Jene Höllentrichter der Negativität mit ihrem nihilistischen Ereignishorizont existieren als Schwarze Löcher tatsächlich in unserem Universum. Die Welt entzieht sich sowohl im kleinsten Raum der Quantenmechanik als auch im von dunkler Materie und Energie erfüllten Weltraum der totalen Determinierung. Die Grundfesten der physikalischen Vorstellung, Raum und Zeit, erwiesen sich relativ, und das Licht, das jene äußere Grenze des Paradiso, das Empyreum, bildet, besitzt die magische Eigenschaft, nach der alle transzendentale Sehnsucht strebt. Für Licht vergeht die Zeit nicht, es befindet sich tatsächlich in jenem paradiesischen Urzustand der Unendlichkeit.

Die christliche Welt Dantes mag inzwischen historisch geworden sein, wie es die antike Welt Vergils für Dante war. Gleichzeitig leben die antiken Mythen Vergils und christlichen Prägungen Dantes weiter in uns, in Dichtungen und Kunstwerken, in Form bürgerlich akademischer Vergewisserungen, in Form populärkultureller imaginativer Transformationen der Unterhaltungsindustrie. Und möglicherweise werden sich diese Elemente neu metamorphisiert in neuen religösen Vorstellungen kristallisieren.

Für Dante steht das Göttliche nicht über Raum und Zeit sondern wirkt innerhalb des von ihm oder mit ihm geschaffenen Kosmos. Himmel und Hölle existieren nicht an irgendeinem Ort jenseits unserer Weltraumteleskope, sondern im durchaus empfindlichen und wandelbaren Ökosystem des Bewusstseins der Menschheit.

18:12 14.09.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Thomas.W70

Was vom Leben übrig bleibt
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