Thomas.W70

Was vom Leben übrig bleibt
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RE: Tote Truthähne und die Systemfrage | 12.07.2020 | 09:44

Grundsätzlich sympathisiere ich mit diesem Artikel und seinem Wunsch und Willen zur Verbesserung.

Doch ist der Autor in gewisser Weise selbst ein Truthahn, indem er wie so viele Journalisten den westlich liberalen Blick verabsolutiert und sich überhaupt nicht vorstellen kann, dass nicht alle Menschen sich diese schöne Welt zu eigen machen wollen.

Gerade auf die genannten Beispiele gibt es genauso einen anderen Blick.

Antirassismus ist vollkommen in Ordnung, doch ist die aktuelle Fokussierung auf Schwarze eigenlich überzogen. Nicht nur gibt es, aus rein demographischen Gründen, deutlich mehr arme weiße Menschen in Amerika als arme Schwarze, die vom liberalen Mainstream mit Nichtachtung gestraft werden (und natürlich aus Trotz Trump wählen). Die wirklich Unterprevilegierten in Amerika sind schon längst nicht mehr die Schwarzen sondern die illegalen Latinos, die systematisch ausgebeutet werden. Diese Willkürlichkeit des Blickwinkels und die Selbstverliebtheit, mit der der Antirassimus zelebriert wird, schadet am Ende der Glaubwürdigkeit.

Die Mehrheit der Chinesen hat eine völlig andere Meinung zu Hongkong als wir. Die meisten Chinesen haben eine tiefe Abneigung gegenüber dem liberalen Westen und betrachten Hongkong als Ausläufer des Westens. Und mit welchem Recht sollen wir die Chinesen belehren?

Über die absurde Vergeblichkeit den Klimawandel zu verhindern habe ich hier schon oft genug geschrieben. Während wir hier Billionen ausgeben, um Klimaabkommen einzuhalten, die ein paar Nachkommastellen der weltweiten CO2 Belastung ausmachen, bauen China und Indien munter jede Woche ein neues Kohlekraftwerk, die den CO2 Ausstoß bis 2050 mindestens verdoppeln werden.

RE: „Wir wollen besser leben“ | 04.07.2020 | 13:00

Aus gutem Grund gilt Polizei und Militär als hoheitliche Aufgabe des Staates in einer Demokratie. Die Privatisierung der Polizei wäre nichts anderes als der Übergang in einen oligarchischen Imperialismus. Niemand, der ein Interesse am Erhalt der Demokratie hat, kann das wollen.

RE: „Wir wollen besser leben“ | 04.07.2020 | 10:27

Die Polizei abschaffen? Was glauben die Leute denn, was dann passiert? Dass weiße Engel vom Himmel schweben, um die Menschen zu beschützen?

Wenn die Institution ausgehebelt ist, werden eben jene Waffen hortenden Rechten die Kontrolle übernehmen, die schon immer davon geträumt haben die Dinge selber in die Hand zu nehmen.

RE: Grenzen überwinden | 09.06.2020 | 07:37

Mein Unbehagen liegt eben darin, dass das, was Sie "Motivationsdefizit" nennen, durch diese pauschale Agitationspolitik eher befördert als reduziert wird. Je länger die Agendas werden und je komplexer die Probleme, desto mehr ist man geneigt, sie weiter aufzuschieben.

RE: Grenzen überwinden | 08.06.2020 | 08:18

Bin ich der einzige, der angesichts dieser Aufrufsinflation ein Seufzen nicht unterdrücken kann?

Ob Eurokrise, Klimakrise, Coronakrise, Polizeikrise, schnell mal ein neues T-Shirt überziehen und gegen den status quo wettern.

Dass alle diese Krisen fundamental verschieden sind, egal. Dass es zu den meisten Problemen keine simplen Lösungen gibt, egal. Erstmal protestieren und ein wenig Trittbrett fahren.

RE: Daumen rauf? | 06.06.2020 | 10:52

In der Tat ist es wohl eher umgekehrt. MRR hat mit dem "Literarischen Quartett" mehr zur Auflösung des "Qualitätsjournalismus" beigetragen als zu dessen Förderung. Von da an war die Erwähnung im "Literarischen Quartett" oder vielen anderen Literatursendungen, die in der Folge aus dem Boden schossen, wichtiger als eine große Besprechung in einer der großen Zeitungen.

Von den Texten von MRR habe ich nie besonders viel gehalten. Er war weder ein kluger Analyst noch ein feiner Stilist. Qualitativ war, was er schrieb, bestenfalls Durchschnitt.

Seine großes Talent war die Rolle des Conferenciers. Die Manege der Meinungsbildung zu beherrschen war schon vor seiner Fernsehkarriere sein größter Ehrgeiz. Und als solcher war er auch etwas besonderes und fehlt in gewisser Weise.

Doch wird das auch nicht mehr zurückkommen. Denn er verkörperte mit seinem Meinungs-Autoritarismus auch ein bürgerlich patriarchalisches Modell, das nicht mehr en vogue ist.

Man mag noch so sehr über den Kulturverfall jammern, doch das demokratische Amazon Abstimmungsmodell, in dem nicht nur die Sternebewertung sondern auch der Verkaufsrang und die Zahl der Beurteilung eine Rolle spielt, ist das unserer populären Konsumkultur angemessene Bewertungssystem.

RE: Warum nicht gegen Elon Musk auf die Straße? | 04.06.2020 | 09:05

"So ist es. Es hat wenig Sinn, Einzeloligar(s)chen für den Zustand der Welt verantwortlich zu machen. Da hängt mehr dran, z.B. die kapitalistische Steuergesetzgebung, die es den Oligarchen dieser Welt erlaubt, ihren Reichtum und die damit verbundene Macht über andere anzuhäufen. Sie haben die Politik im Griff - nicht umgekehrt. Wir wählen unsere vermeintlichen Gesellschaftsgestalter in die Parlamente. In der Realität sind sie nahezu ausnahmlos die Diener der Reichen."

Das macht keinen Sinn. Die Oligarchen sind diejenigen, die sich Macht und Einfluss erkaufen können, und es auch hemmungslos tun, indem sie auch Einfluss auf die Gesetzgebung nehmen. Natürlich muss man genau die kritisieren, die die Macht haben, und das sind eben Gates, Musk, Bezos & Co..

RE: Joko, Klaas und die Männer | 26.05.2020 | 09:06

Da ich seit gefühlt zwei Jahrzehnten kein Pro7 mehr gesehen habe, ist diese Debatte vollkommen an mir vorbei gegangen.

Doch während ich die ziemlich offensichtliche Beobachtung teile, dass Gewalt primär eine männliche Domäne ist und Frauen wahrscheinlich unterm Strich die besseren Menschen sind, halte ich solche feministischen Umerziehungsfantasien für vollkommen abwegig.

Bipolare Systeme bestimmen die Natur vollkommen und zählen gerade in ihrer dynamischen Spannung zu den fundamentalen Kräften des Lebens. Soetwas lässt sich nicht wegtherapieren.

Ich halte Chancengleichheit und den Schutz der Schwächeren vor den Stärkeren für absolut erstrebenswert. Doch die grundsätzliche Machtassymetrie von Männern und Frauen ist nicht eliminierbar. Das zu ignorieren wird dem Feminismus nicht helfen, sondern eher zu allergischen Gegenreaktionen führen. Es gäbe bessere und klügere Wege damit umzugehen.

RE: Der Geist des Kapitalismus | 24.05.2020 | 10:35

Das größte Missverständnis von allen ist wohl, Kapitalismus sei ein modernes Phänomen. Seit die Menschenheit von tribalen zu kommunalen Strukturen übergegangen ist, gibt es dieses Phänomen, dass sich Vermögenswerte kummulieren und in einen exponentiellen Selbstvermehrungsmechanismus übergehen. Bereits in alten ägyptischen und sumerischen Quellen kann man das nachvollziehen. Und die Fugger oder Medici vor Calvin unterscheiden sich im Grunde überhaupt nicht von Jeff Bezos.

Richtig an Webers Beobachtung ist, dass gewisse soziologische Faktoren wie eine calvinistische Selbstdisziplin in einer gewissen Entwicklungsphase von Vorteil sind. Und gewiss war die frühe amerikanische Wirtschaftsgeschichte stark von solchen Selbstdisplinierungsvorstellungen geprägt, die ihren wirtschaftlichen Aufstieg begünstigt haben.

Das ist auch genau das, was man gerade in China beobachten kann, wo man eben jenen Selbstdisziplinierungseifer sieht, obwohl sicher kaum ein Chinese je etwas von Calvin gehört hat.

Doch ist das nur ein Faktor, andere Faktoren wie Risikobereitschaft und vor allem Gier, die denkbar uncalvinistisch sind, spielen am Ende wahrscheinlich sogar eine noch größere Rolle.

Außgerechnet Calvin den Kapitalismus in die Schuhe zu schieben ist allerdings ziemlich verquer. Denn die protestantischen Bewegungen wie der Calvinismus sind eigentlich in ihrem Ursprung antimaterialistisch und wendeten sich gegen die unguten katholischen Praktiken, sich das Seelenheil durch irgendetwas erkaufen zu können.

RE: Baldriantropfen reichen nicht | 22.05.2020 | 15:21

Macht Sie nicht schon die Überschrift "vielleicht größten Korruptionsskandals der Geschichte" etwas stutzig? Die Geschichte ist sehr lang und sehr breit, und was allein Putin an offener Korruption demonstiert - er ist als Präsident eines eher nicht so reichen Landes einer der reichsten Männer der Erde - schlägt was in der Urkaine vorgefallen ist, mindestens um den Faktor 100.