Thomas.W70

Was vom Leben übrig bleibt
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RE: Die Verzweiflung eines Isolierten | 28.11.2020 | 18:00

Habe mir das Konzert eben in der Digital Concert Hall angesehen. Bin erneut nicht wirklich überzeugt. Orchestral und dirigentisch ist das ausgezeichnet, doch ist Schostakowitsch einer von den Komponisten, wo technische Perfektion nicht nur keine besonders große Rolle spielt, sondern in gewisser Weise sogar kontraproduktiv ist. Das Widerständige, das vielleicht der zentrale Zug an Schostakowitsch, widerstrebt eben auch der handwerklich technischen Bewältigung.

Alle Tempi, gerade auch der dritte Satz, sind eine Spur zu schnell. Alles wirkt etwas zu mühelos und glatt. Es ist eine merkwürdige Sache mit der der Authetizität, doch keine neueren Schostakowitsch Aufnahmen reichen an die der Leningrader mit Mrawinski heran. Und das vielleicht nicht mal so sehr wegen Mravansiki, mit dessen Dirigaten auch Schostakowitsch nicht immer vollkommen einverstanden war, sondern weil es wohl doch so etwas wie einen gemeinsamen kulturellen Erfahrhungshorizont der Stalin-Ära gab.

Die Sinfonie ist in der Tat merkwürdig voll von Reminiszenzen, an eigene wie fremde Werke. Beim Wiederhören habe ich nicht nur Motive aus der 5. und 7. Sinfonie wiedererkannt, sondern auch Beethoven, Tschaikowski, Wagner, Bruckner, Mahler, Prokoffief und Chatschaturjan (wird im dritten Satz nicht der Säbeltanz zitiert?). Auch das angemerkte Brahms Zitat scheint mir zutreffend, zumal der vierte Satz auch eine Passacaglia ist.

Was das alles letztendlich zu bedeuten hat, ist, wie so oft bei Schostakowitsch, schwer eindeutig zu sagen, zumal wie immer auch Ironie und Sarkasmus im Spiel ist. Und selbst bei Schluss (der mich auch an irgendetwas erinnert, worauf ich im Moment nicht komme), den viele für versöhnlich oder hoffnungsvoll halten, bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich der Fall ist.

RE: Die schwarze Bremse | 22.11.2020 | 15:20

"Die Klimapolitik der westlichen Welt, Herr Thomas W.70 "vanity project", ist wie der Green Deal ja nur ein getarntes Konjunkturprogramm eines ins Stottern geratenen neoliberalen Konsummotors..."

Ich will gar nicht päpstlicher als der Papst sein und Konjunkturprogramme und Subventionen grundsätzlich verteufeln. Doch leider wird da tatsächlich auch im grünen Bereich viel Missbrauch betrieben. Es gibt eine von Michael Moore produzierte Dokumentation darüber auf YouTube. Es ist deprimierend dort zu sehen wie die grünen Milliarden Subventionen der Ära Obama unter anderem von den Koch Brüdern ohne jeden ökologischen Sinn und Verstand systematisch abgezockt worden sind.

RE: Die schwarze Bremse | 22.11.2020 | 13:50

Ich bin im Grunde ein Öko der ersten Stunde und habe viele Jahre lang regelmäßig grün gewählt. Doch in den letzten Jahren sind die Grünen für mich unwählbar geworden.

Ich habe es in desem Forum schon oft gesagt, die deutsche Klimapolitik ist ein reines "vanity project". Jeder, der das kleine Einmaleins beherrscht, kann nachvollziehen, dass selbst die Einhaltung des Pariser Abkommens auf die Entwicklung des globalen CO2 Ausstoßes keinen spürbaren Einluss haben wird. Die Wachstumsdynamik in China, Indien und bald auch in Afrika (wo in naher Zukunft mehr Menschen leben werden als in USA und Europa zusammen) ist einfach viel zu mächtig, um dagegen anzukommen.

Es ist schlicht und einfach unverantwortlich, Billionen für diese Projekte auszugeben, nur für das heroische Gefühl im Angesicht des Unvermeidlichen alles mögliche getan zu haben. Vor allem wenn gleichzeitig in Deutschland die untere Hälfte der Einkommen im Abstieg ist. Von den europäischen Problemen ganz zu Schweigen.

Ich will das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Es gibt durchaus Projekte der Grünen, die vernünftig und machbar sind. Und ich bin auch vollkommen dafür, den Energiesektor schrittweise zu decarbonisieren. Doch gerade die großen Hauruck Projekte sind einfach unrealistisch und absurd teuer. Und nochmal: am Klimawandel ändern sich dadurch gar nichts.

Das schlimme ist, dass auch SPD und Linke von den grünen Illusionen infiziert sind, und man weiß eigentlich gar nicht mehr, was man wählen soll.

RE: Spielt, trinkt | 22.11.2020 | 12:17

Ich interessiere mich selber ein wenig für Schach, und spannend ist Schach leider nicht. Dass einem Schachgroßmeister ein "killer" Zug gelingt, passiert vielleicht einmal in 10 Jahren. In Wahrheit sind 90% der Partien ein zähes Ringen um winzige Vorteile. Und das interessanteste ist bei Weltmeisterschaften in der Regel, wenn Experten die Partien im Nachhinein (heute meist mit Computerhilfe) analysieren.

Ich habe mich auch gewundert warum ausgerechnet Schach für eine Emanzipationsgeschichte herhalten muss. Denn die für Feministen wenig erfreuliche Tatsache ist, dass Frauen im Schach in der Weltspitze keine Rolle spielen.

Schach spielt in der Serie denn auch nur eine symbolische Rolle. In Wahrheit ist die Serie eine Superhelden Serie und träumt den für dieses Genre typischen kapitalistischen Urtraum, nämlich es durch eine höhere Eingebung vom Tellerwäscher zum Millionär zu schaffen. Und tatsächlich spielt Geld in der Serie auch durchaus eine wichtige Rolle.

Wie die Autorin richtig feststellt, wird die Serie dadurch auch immer langweiliger und der Schluss, wenn sie, natürlich, am Ende den russischen Großmeister schlägt, ist ärgerlicher Kitsch.

Ich fand die Geschichte von Beths Stiefmutter fast noch interessanter, weil sie als tragische Geschichte von gescheiterten und illusionären Lebensträumen im Grunde wahrhaftiger ist als die völlig unrealistische märchenhafte Geschichte von Beth.

Die Schauspieler sind in der Tat erstklassig. Schon die junge Beth ist ganz wunderbar, und Anya Taylor-Joy wird ohne Zweifel Karriere machen. Doch auch die Nebenrollen, wie Alma, der Hausmeister und selbst der russische Großmeister, der neben seiner sowjetischen Funktionärskühle eine merkwürdige Traurigkeit ausstrahlt, sind ausgezeichnet.

RE: Die Verzweiflung eines Isolierten | 21.11.2020 | 13:13

Ich halte den Vergleich des Stalinistischen Russland mit der heutigen Situation auch für sehr problematisch. Wenn man selbst so fahrlässig mit Verleichen umgeht, dann braucht man sich auch nicht zu wundern wenn es die AfD mit dem Ermächtigungsgesetz ähnlich macht. Dieser Mangel, das rechte Maß zu halten, ist die große Krankheit unserer Zeit.

Ich tue mir schwer mit Petrenko. Er ist ein hervorragender Dirigent, doch nichts hat mich bisher überzeugt, weder Beethovens 9. noch Mahlers 6. noch die eben erschienene 5. von Tschaikowsky. Den Schostakowitsch habe ich noch nicht gehört.

RE: Murmeltier-Politics | 21.11.2020 | 12:07

Wenn die Deutschen es wirklich ernst meinten mit einer CO2 Reduktion, würden sie nicht Regionalflughäfen schließen oder Elektroautos fördern, was beides so gut wie gar nichts bringt, sondern die Kernkraftwerke weiterlaufen lassen.

Was sollen die diffusen Appelle, dass man endlich ernst machen muss mit der Energiewende, wenn man selbst überhaupt keine Ahnung hat, welche Maßnahmen wirklich dazu geeignet sind. Wundert sich keiner darüber, dass wir, obwohl wir inzwischen einen beachtlichen Anteil an Wind- und Solarstrom haben, in den letzten 10 Jahren kaum CO2 eingespart haben? Und das wird uns auch in den kommenden Jahren, wenn die letzten Kernkraftwerke abgeschaltet werden, nicht gelingen.

Ich bin durchaus kein Freund der Kernkraft, doch vor allem wenn man den Zeitdruck berücksichtigt, den ja alle beschwören, wäre das die einzig vernünftige Lösung, um kurzfristig subtantielle Mengen von CO2 einzusparen. Alles andere ist sinnloser Aktionismus.

RE: Nachhaltig ist nicht genug | 21.11.2020 | 11:33

Ist ja alles richtig. Doch, und diese Diskussion wurde hier schon x-mal geführt, es ist völlig egal, was Deutschland macht. Es kommt vor allem auf China, Indien und Afrika an. Und für die ist das Deutsche Luxusmodell von Erneuerbaren Energien (wenn man die dafür nötige Speicherinfrastruktur realistisch mit einberechnet) völlig unerschwinglich.

Wir können noch so lang und hitzig über Elektroautos, Windräder und Häusersanierung diskutieren, für jene Milliarden Menschen, die überhaupt erstmal ein festes Dach über dem Kopf haben wollen und sich vielleicht ein 20 Jahre altes Moped leisten können, sind das absurd abgehobene Diskussionen.

Der weltweite CO2 Austoss ist nur unter Kontrolle zu bringen, wenn es Lösungen gibt, die auch für diese Länder erschwinglich sind. Und sorry, Wind- und Solarstrom und Elektroautos sind es nicht. Diese wirtschaftlich stark wachsenden Länder haben schon so Probleme den stark wachsenden Energiebedarf zu decken, dann auch noch den Verkehr zu elektrifizieren ist zumindest kurz- und mittelfristig völlig kontraproduktiv.

Es ist oft einfach haarsträubend, wie an der Realität vorbei hier in Deutschland mit ökobewegtem Tunnelblick inzwischen argumentiert wird. Und das sage ich als jemand, der im Grunde selbst ein Altöko ist, kein Auto hat, fast auschließlich öffentlichen Verkehr nutzt und auf den eigenen Energieverbrauch achtet.

RE: Zwischen Pest und Cholera? | 01.11.2020 | 20:34

Da ist sicher was dran. Biden ist ganz gewiss noch fadenscheiniger und noch halbseidener als H. Clinton es war und ganz gewiss nicht mal halb so kompetent. Ich kann mich nicht erinnern überhaupt jemals einen halbwegs intelligenten Gedanken von ihm gehört zu haben.

Doch ist das in der Tat im Moment egal. Ich bete trotzdem jeden Morgen und jeden Abend, dass Trump abgewählt wird (was leider den Sieg von Biden impliziert).

RE: Die nächste Welle rollt | 31.10.2020 | 11:25

Eine differenzierte Diskussion zu diesem Thema wäre sinnvoll, denn es lässt sich nicht alles in einen Topf werfen.

Auf YouTube ist der Uploadfilter schon seit vielen Jahren Realität und gerade jene, die aktiv oder sogar professionell mit YouTube arbeiten, haben sich nicht nur daran gewöhnt sondern längst begriffen, dass das Content ID System, wie jener ominöse Uploadfilter bei YouTube heißt, auch ihre eigenen Inhalte vor anderen schützt.

Umgekehrt haben Film- und Serien Produzenten längst verstanden, dass YouTube ein wichtige Platform zur Bekanntmachung ihrer Inhalte ist, und erlauben schon lange auch die Verwendung von Ausschnitten. Nicht dass das System schon perfekt ist, doch im Grunde hat sich dort schon längst eine Praxis etabliert, mit der die meisten ganz gut leben können.

Bei Musikinhalten ist es sogar noch extremer. Viele haben vielleicht noch gar nicht bemerkt, doch durch die Hintertür von YouTube Music ist im Grunde alle Musik auch in YouTube komplett verfügbar. Und viele Labels haben auch die Nutzung für alle YouTube Nutzer freigegeben unter der Prämisse dass die Inhalte dann monetarisiert werden, d.h. die Erlöse gehen für die verwendete Musik dann an die Labels.

In diesen Bereichen hinkt die deutsche Uploadfilter Diskussion im Grunde bereits der Realität hinterher.

Presse- bzw. Textinhalte sind jedoch eine völlig andere Baustelle. Was eben auch damit zusammenhängt, dass es ein anderes Medium ist, in dem weniger der Umfang sondern der Inhalt mit seiner Aktualität und Faktendichte ausschlaggebend ist. Während 20 oder 30 Sekunden aus einem Film oder einem Stück Musik eben tatsächlich nur ein kleiner "Preview" ist, können 1000 Zeichen Text den Inhalt in vielen Fällen bereits vollständig abbilden. Eine parasitäre kommerzielle Ausnutzung, die mit technischen bots auch relativ simpel ist, ist praktisch vorprogrammiert. Die Befürchtungen der BDZV sind daher auch vollkommen nachvollziehbar.

RE: Gestern wird heute | 30.10.2020 | 01:02

Die Thematik scheint aktuell, trotzdem wirkte der Film auf mich wie aus der Zeit gefallen. Wie der nostalgische Blick eines längst im gut situierten progressiven linken Mainstream arrivierten alten Hippies. Das "Pathos der Rechtschaffenheit" fühlte sich für mich denn auch eine Spur zu selbstgefällig an.

Gewiss kein schlechter Film, viele erstklassige Schauspieler und wie gewohnt von Sorkin ein geschliffenes und intelligentes Drehbuch. Doch war ich am Ende selbst ein wenig erstaunt wie gleichgültig mich der Film ließ.