Der Querschläger

Nikolaus Harnoncourt Nachruf auf den Dirigenten Johann Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt
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Der Querschläger
Nikolaus Harnoncourt

Bild: ROLAND SCHLAGER/AFP/Getty Images

Groß war das Wehklagen als vor einigen Tagen die Nachricht vom Ableben Nikolaus Harnoncourts durch die Musikwelt ging, spürbar größer als bei anderen berühmten Dirigenten, die in jüngerer Zeit gestorben waren. Man spürte, dass es nicht nur um den Verlust eines Musikers ging, der die klassische Musikkultur der letzten 50 Jahre maßgeblich mitgeprägt hat. Viel mehr noch schmerzt der Verlust der Persönlichkeit und Identifikationsfigur Nikolaus Harnoncourt.

Er war im Laufe der Jahre in eine zentrale Rolle als bürgerlicher Kultur-Repräsentant hineingewachsen. Eine Rolle für die er prädestiniert war, die ihm aber auch deswegen zufiel, weil andere diese Rolle nicht mehr übernehmen wollten. Komponisten hatten sich in babylonische Elfenbeintürme zurückgezogen, und wiesen jede Forderung nach Allgemeinverständlichkeit als Affront gegen ihren kunstreligiösen Individualismus von sich und berühmte Musikerkollegen eiferten lieber modernen Mythen von kapitalistischen global playern nach, für die das Publikum in erster Linie zu Konsumenten wurden.

Sein handgeschriebener Abschiedsbrief ans Publikum, mit dem er sich vor einigen Monaten aus dem aktiven Musikleben zurückzog, illustriert sehr schön dieses Selbstverständnis von "ich bin einer von euch", das ins Herz der bürgerlichen Musikkultur zielt und dessen Aspekt von gesellschaftlicher Identifikation durch "Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen" und "Seid umschlungen Millionen" hindurch klingt.

Gerade sein enges Verhältnis zur oratorischen Kultur, mit den Chören als Schnittstelle ins bürgerliche Leben hinein, war Ausdruck jenes bürgerliche Konservatismus, auf dem Harnoncourts Künstlertum fußte. Seine adelige Herkunft, dessen bürgerlich idealisierte Form auch immer ein ausgeprägtes Verantwortungsethos implizierte, hat dazu gewiss beigetragen.

Dass Nikolaus Harnoncourt gleichzeitig wie kaum einem anderen Dirigenten der Nimbus eines Revolutionärs und Widerständlers anhängt, ist kein Widerspruch. Harnoncourt hatte vollkommen verinnerlicht, dass der Schlüssel zur Bewahrung von Kultur eben nicht in der sakrosankten Reproduktion liegt sondern ganz im Gegenteil nur der beständige Wandel eine Kultur lebendig hält. Und dafür, Kunst und Kultur am Leben zu erhalten, kämpfte er mit der ganzen Leidenschaft, die ihm zu Gebote stand.

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Nikolaus Harnoncourt war einer der prominenten Vorreiter der historische Aufführungspraxis, wenn auch natürlich weder der erste noch der einzige. Und gewiss verdankt Harnoncourt seinen Aufstieg auch der Tatsache, dass diese Bewegung zur großen, und genau genommen leider auch einzigen signifikanten ästhetischen Erneuerungsbewegung in der Klassischen Musik der letzten 50 Jahre wurde.

Die Neue Musik blieb, ungeachtet ihrer ästhetischen Qualität, zu spezialistisch, um je ein größeres Bewegungsmoment zu entfalten, und aus einem durchaus verständlichen Mangel an neuer Nahrung, begann das Regietheater die Oper durch Kannibalisierung zwangszuerneuern. Während Harnoncourt durchaus bereit war, mit dem Regietheater zu paktieren, wenn dieses Lebendigkeit versprach, hielt er sich, obwohl er den Concentus Musicus urprünglich für Alte und Neue Musik gegründet hatte, von Neuer Musik dann doch fern, weil er deren Mangel an überlebensfähiger Erneuerung wohl instinktiv verspürte.

Doch war für Harnoncourt auch die historische Aufführungspraxis eher Mittel zum Zweck, mehr Inspirationsquelle zum Wandel als wissenschaftliches Projekt. Sein berühmtes Buch "Musik als Klangrede" ist denn auch vor allem ein ästhetisches Manifest. Zwar ist es in seinen wissenschaftlichen Ansätzen durchaus fundiert, doch sind die Auslegungen oft idiosynkratisch und in manchen Teilen anfechtbar oder mittlerweile überholt.

Unberechenbar zu bleiben, war ihm am Ende viel wichtiger als wissenschaftliche Fundiertheit. So präsentierte er etwa in Salzburg einen demonstrativ langsamen Mozart, der im Grunde allen Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis, die er selber noch Jahre zuvor propagiert hatte, widersprach. Schnelle Tempi waren inzwischen bei vielen Dirigenten zur Mode und Manie geworden, und es anders zu machen war für seinen produktiven Widerspruchsgeist das Gebot der Stunde. Auch in seinem zuletzt begonnen Zyklus der Beethoven Sinfonien, relativierte er Beethovens Metronombezeichnungen inzwischen und näherte sich wieder Karajanschen Tempi an.

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Überhaupt Herbert von Karajan. In untergründiger und ambivalenter Weise war Karajan wohl die zentrale Figur in Harnoncourts Leben. War Harnoncourts künstlerische Vaterfigur, und darin Vorbild und Feindbild zugleich.

Die Aufnahme von Harnoncourt bei den Wiener Sinfonikern, deren Chef Karajan damals war, trug Züge einer Initiation. Karajan war von Harnoncourts Auftreten, wie er hereinkam und auf dem Stuhl Platz nahm, beeindruckt. Sein Cellospiel scheint eher durchschnittlich gewesen zu sein, doch er engagierte Harnoncourt trotzdem, gegen den Widerstand des Orchesters.

Karajan erkannte sofort, dass dieser junge Mann das hatte, was ein Künstler vor allem anderen braucht: Charakter. Dass die Geschichte dann eine tragisch ödipale Wendung nahm, war vielleicht unvermeidlich. In gewisser Weise wiederholte sich eine ähnliche Konstellation wie zuvor zwischen Karajan und Furtwängler. Auch Karajan profilierte sich in jungen Jahren mit einer an Toscanini orientierten Ästhetik, die ästhetisch dezidiert gegen Furtwängler gerichtet war.

Und so war Harnoncourts Ästhetik eben nicht nur von der historischen Aufführungspraxis inspiriert sondern intuitiv immer auch gegen Karajans gerichtet. Das kantige und raue, das Harnoncourts Aufführungen prägt, und sich von Beginn an auch immer deutlich unterschied von dem, was etwa englischen Alte Musik Dirigenten präsentierten, war eben auch eine Antwort auf Karajans geschmeidige und abgerundete Ästhetik.

Perfektionist war Harnoncourt ganz gewiss nicht, doch das weniger aus Nachlässigkeit als vielmehr weil der Idee des Perfektionismus jener Arrivismus musealer Kunst innewohnt, die ihm ein Greuel war und die eben gerade die späten Karajan Aufnahmen bedrohte. Auch Professionalismus war ihm im Grunde zuwider. Anders als die allermeisten Dirigenten erwartete er von den Musikern nicht, dass sie genau das musikalische Ergebnis abliefern, was er von ihnen verlangte, sondern, und das ist im Grunde viel anspruchsvoller, dass sie mit dem Herzen dabei sind.

Und so haben Harnoncourts Aufnahmen immer auch etwas von der Verwachsenheit wild gewachsener Früchte. Unsauberkeiten, Unausgewogenheiten, schwankende Tempi. Sein ganze Ästhetik etwas Querständiges und unnormiertes. Doch wäre es unsinnig, das zu monieren, da es eben zu dem dazu gehörte, was Harnoncourt als Charakter und Künstler war. Dass sich Harnoncourts Ästhetik bei manchen Komponisten besser bewährte als bei anderen, liegt in der Natur der Sache und war bei Karajan und Furtwängler nicht anders.

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Natürlich hat sich die Ästhetik der historischen Aufführungspraxis, die längst im Mainstream angekommen ist, seinerseits inzwischen erschöpft. Und das Neue, das kommen müsste, hätte Harnoncourt vielleicht genauso entsetzt wie seine Ästhetik seinerseits Herbert von Karajan. Wie eben alles, das wirklich neu ist, zunächst als unangenehm empfunden wird. Man hat eben inzwischen vergessen, wie obskur die Alte Musik Bewegung in ihren Anfängen war. Wie man vor fast leeren Sälen spielte und den Spott und die Ignoranz von Kollegen und Kritikern ertragen musste.

Was genuine Künstler wie Harnoncourt auszeichnet, ist neben den künstlerischen Ideen eben auch eine gewisse Hartnäckigkeit. Und worin Harnoncourt auch heutigen Künstlern als Vorbild dienen kann, ist jene Form von Courage, einer Idee zur Erneuerung allen Widerständen zum Trotz zu dienen. Der letzte Teil seines langen adeligen Namens lautete Unverzagt. Und in der Tat lehrte Harnoncourt einen, nicht zu weinen und zu klagen, nicht zu sorgen und zu zagen, sondern sein Herz in die Hand zu nehmen und unverzagt voranzuschreiten.

14:32 12.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Thomas.W70

Was vom Leben übrig bleibt
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