Dichter eines fremden Kosmos

Dante Alighieri Vor circa 750 Jahren wurde Dante Alighieri, die Portalfigur am Eingang der abendländischen Moderne, in Florenz geboren.
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Was an Dante interessant ist, ist seine Fremdheit. Er ist eine Figur aus einer anderen Welt. Einer Welt, in der wir manches wie aus einer vagen Erinnerung schemenhaft zu erkennen meinen, die uns aber in ihren zentralen Aspekten mysteriös und fremdartig bleibt. Es ist eine Welt, die nicht nur am anderen Ende unseres abendländischen Kulturzyklus steht und von Echos der antiken Kultur durchdrungen ist, sondern die mit ihrer ptolemäischen Weltsicht eine andere innere Vorstellung vom Kosmos hatte.

Die Vorstellung, dass die Erde das Zentrum des Universums bildet, ist in diesem Zusammenhang weniger eine wissenschaftliche Frage als eine der Weltwahrnehmung. So ist die christliche Religion, die unter diesen Vorzeichen ihren Aufstieg nahm, maßgeblich von dieser Vorstellung geprägt. Das scholastische christliche Weltbild ist in ihren wesentlichen Zügen dem physikalischen Kosmos ptolemäischer Vorstellung nachgebildet.

Darüber hinaus war die ptolemäische Lehre auch als geistiges Ökosystem der ideale Nährboden für die spezifische ideologische Dynamik des Christentums. Der Absolutheitsanspruch der christlichen Religion hat eben auch mit dem Bewusstsein zu tun sich im universalen Zentrum des Interesses zu befinden. Denn im Zentrum des Interesses muss sich auch Gott aufhalten.

Zudem bot das aufgrund der falschen Prämisse Verworrene und Defizitäre des ptolemäischen Systems eben jene Leerstellen des unergründbaren, in denen sich die Vorstellung eines aktiv vermittelnden und korrigierenden Gottes manifestieren konnte. Gerade jene zentrale Grundproblematik der christlichen Scholastik, der unauflösbare Widerspruch zwischen Prädestination und freiem Willen erscheint wie ein Abbild jener verqueren Vorstellung von Erde und Sonne.

Die kopernikanische Wende war für den Fortschrittsglauben der Moderne auch deshalb von zentraler Bedeutung, weil sie überhaupt erst ein Bewusstsein für Richtungen schuf, dafür was oben und unten, vorne und hinten ist. Das christliche Mittelalter war wie ein somnambuler Halbschlaf (der Schlaf ist auch ein immer wieder kehrendes Motiv in der Commedia), der intuitiv schlafwandlerisch durchaus viel tiefes und inneres aufwühlte und offenbarte, von dem noch die ganze abendländische Kultur zehrte, aus dem zu erwachen jedoch unvermeidlich war.

Dass sich die Kirche so sehr gegen die kopernikanische Wende wehrte, hatte durchaus seine Berechtigung. Denn im Grunde haben sich die instinktiven Befürchtungen bewahrheitet. Je exakter die Wissenschaft wurde, desto mehr fiel Gott als vermittelnde Instanz aus den Welt erklärenden Gleichungen. Und die Degradierung der Erde als Trabanten der Sonne in einer von Milliarden Provinzen des Universums hat auch in der spirituellen inneren Topographie der menschlichen Psyche seine Spuren hinterlassen. Gott ist von der allgegenwärtigen Fürsorge weitgehend entlastet, doch damit auch in weite Ferne gerückt.

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Das Ptolemäische Weltmodell hat sich auch in Dantes Commedia eingebrannt. Aus dem antiken Hades wird in Dantes Inferno ein ringförmiger Trichter, der immer weiter in die Tiefe führt bis zu jenem Punkt im inneren der Erde, der das absolute Zentrum des Universums bildet. Dass dort nicht Gott sondern der Teufel wohnt, ist durchaus bezeichnend. Wie auch Nietzsche mehr als ein halbes Jahrtausend noch später feststellte, ist die Angst vor der Strafe die ursprünglichste Triebfeder des christlichen Weltbildes.

Ragt der Läuterungsberg des Purgatorio aus dem abgewandten Teil der Erdoberfläche, ist das Paradiso eine exakte Exemplifikation Ptolemäische Kosmologie mit Sonne, Mond und den damals bekannten 7 Planeten. Der christliche Himmel ist nach Dantes Vorstellung nichts anderes als der in zwiebelartigen Schichten um die Erde sich entfaltende Weltraum.

Dantes Anspruch ist nichts geringeres als eine umfassende Erklärung und Deutung der Welt und die Verkündigung der ultimativen Wahrheit. Dante fantasierte dabei nicht ins Blaue sondern kumulierte alles, was zu seiner Zeit an Wissenschaft und Spekulation, an Schrifttum und Bildung verfügbar war. Auch wenn er durchaus eigensinnige Auffassungen von manchen Aspekten hatte, im wesentlich beruhte, was er aufschrieb, auf zu seiner Zeit allgemeingültigen Sichtweisen, die hauptsächlich von Aristoteles und Thomas von Aquin geprägt waren.

Es ist daher auch vollkommen klar, dass die kopernikanische Wende das unmittelbare Verständnis der Commedia unrettbar beschädigt hat. Das süße Gefühl vom Baum der Erkenntnis zu kosten, das die Commedia seinen Zeitgenossen bot, kann sie dem modernen aufgeklärten Leser nicht mehr vermitteln.

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Jener fundamentale Unterschied zwischen der antiken und mittelalterlichen Welt zur Moderne seit der Renaissance hat auch in den philosophischen und ästhetischen Perspektiven ihre Spuren hinterlassen.

Was sich in der Malerei in der Entwicklung der Zentralperspektive wohl am augenfälligsten zeigt, markiert jene Wende zu einem Blick von außen, der anfängt den Menschen objektiv zu betrachten. Denn der Grundfehler der ptolemäischen Vorstellung, die subjektive menschliche Perspektive absolut zu setzen und alle Erscheinungen dieser Perspektive unterzuordnen manifestiert sich auch im Denken und Dichten.

Was den modernen Leser an der Commedia oft irritiert ist eben jenes Phänomen von partikularen Sichtweisen. In Dantes Welt werden Situationen nicht von einer zentralen objektiven Perspektive betrachtet sondern von einem wandelnden Subjekt aus immer wieder neu kalibriert. Dass beispielsweise in den Kreisen der Hölle der Strafenkatalog von einer anthropologischen zu einer kriminologischen zu einer ordnungspolitischen Perspektive wechselt, widerspricht modernen Vorstellungen von juristischer Konsistenz. Die vielen logischen Inkonsequenzen und Inkonsistenzen, die zahlreiche Kommentatoren im Laufe der Zeit zusammen getragen haben, relativieren sich beträchtlich, wenn man sich klar macht, dass die Welt und das Denken, dem Dante entspringt, multiple Perspektiven zulässt.

Ja mehr noch, dass diese fraktale Brechung von Perspektiven ein ästhetischen Mittel ist, der Komplexität der Weltwahrnehmung Ausdruck zu verleihen. Wie die ptolemäische Physik zur Erklärung der Planetenbahnen ein kompliziertes System von Epizykeln, unsichtbaren Gravitationszentren, entwickelte, so ist auch das antike und mittelalterliche Denken voll fiktiv logischen Mythologemen, die ein faszinierend schillerndes Geflecht von psychologischen und anthroposophischen Beobachtungen intuitiv artikulieren.

Auch die Commedia selbst ist multiperspektivisch, besteht aus mehreren Paralleluniversen. Was so manchen Leser schon zu Beginn erstaunt, nämlich dass ausgerechnet der lateinische Dichter Virgil, dem als Heide das Paradies verschlossen bleibt, Dante als Erklärer und Begleiter durch das christliche Inferno und Purgatorium dient, hängt eben damit zusammen.

Neben der christlich scholastischen und der damit verbundenen biblisch hebräischen Kultursphäre, die besonders im Paradiso an Bedeutung gewinnt, scheint vor allem die antike Welt mit ihrem Hades und Olymp durch die Commedia hindurch. Und so ist Vergil, der zu Dantes Zeit als bedeutendster Dichter der Antike galt, nicht nur ein Stück geliehener Autorität, er repräsentiert und symbolisiert ein Teil der Welt, der für Dante nicht historisch sondern als Kultur, als Bezugs- und Zeichensystem noch lebendig ist.

Dante idealisierte das antike Rom als den Idealzustand weltlicher Herrschaft und identifizierte sich mit Virgil, der der Hofdichter von Augustus war, nicht zuletzt auch dahingehend, dass er sich selbst als jener Hofdichter eines kommenden idealen Kaisers projizierte. Vollends exemplifiziert wird diese Parallelität von christlichem Jerusalem und antikem Rom vor dem Teufel höchstpersönlich, der nicht nur den Christus Verräter Judas kauend verspeist sondern auch die Mörder von Julius Cäsar.

Dichterisch spielen neben Virgils Äneis vor allem Ovids Metamorphosen als Bezugspunkt eine zentrale Rolle. Gerade in den Figuren und Strafen des Inferno ist viel von Ovids psychologisch morphologischem Scharfsinn eingegangen.

Während wir heute gewohnt sind Kultursphären historisch und topographisch zu sortieren und zu differenzieren, nimmt Dante alles als äquidistant wahr. So kann er ohne weiteres zeitgenössische Figuren neben antike und biblische Figuren stellen, kann in seiner traumhaften Sphäre über Raum und Zeit hinweg mit allen parlieren und konferieren.

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Trotzdem ist die Commedia vor allem ein Gedicht seiner Zeit und es ist vor allem die Gegenwart und die mit ihr verknüpfte neuere italienische Historie, die für Dante und seine Zeitgenossen den lebendigsten Bezugpunkt bildeten. Und natürlich ist die Commedia auch eine politische Streitschrift. Dante ist eine Moses Figur, ein "law and order" Mann, der einer aus den Fugen geratenen Welt eine neue Ordnung geben will.

Doch gerade darin ist er uns fremder denn je. Denn wir befinden uns an einem entgegen gesetzten Moment der Geschichte. Dante lebte in chaotischen Zeiten, in denen sich verschiedene Parteien aufs Blut bekämpften, in der Mord und Folter an der Tagesordnung war ohne dass es eine übergeordnete Instanz gegeben hätte, die dem Einhalt gebietet.

Dante war als Politiker in Florenz unmittelbar in solche Vorgänge verwickelt. Zunächst offenbar auf dem aufsteigenden Ast und so kreditwürdig, dass er sich enorme Geldsummen leihen konnte, drehte sich das Rad jedoch gegen ihn und er wurde enteignet und mit seinen Söhnen verbannt.

Dante war erzkonservativ, patriarchalisch und xenophob. Befürworter eines allmächtigen Kaisers, einer Trennung von Staat und Kirche und rigider Gesetzgebung. Dass er damit in unseren liberalen Zeiten wenig Verständnis findet, ist natürlich. Seine Politik- und Kirchenkritik ist denn auch diametral entgegengesetzt zu dem, was die modernen liberalen Gesellschaften fordern. Während wir uns gegen staatliche Kontrolle wehren, fordert Dante einen starken Staat, der Recht und Ordnung in eine von egoistischen Interessen völlig zerrüttete Welt bringen soll. Und während wir von der Kirche, etwa in Fragen der Moral, eine Anpassung an weltlichen Pragmatismus fordern, sieht Dante in der Verweltlichung der Kirche das große Übel seiner Zeit und möchte die Kirche wieder auf reine ideele Geistigkeit zurückgeführt sehen. In diesem optimistisch utopischen Sinn, nämlich dass alles ein gutes Ende finden wird, ist auch die Bezeichnung Commedia zu verstehen.

Dantes Haltung bildet sich auch in der Strafenhierarchie des Inferno ab. Verrat an Vertrauten ist die schlimmste aller Sünden, danach kommt ein Katalog von Vergehen, die das staatlich gesellschaftliche Gefüge destabilisieren. Damit nicht genug, hält Dante dort auch selber Gericht, indem zahlreiche aktuelle Figuren aus Politik und Kirche dort auftreten lässt und mit höllischen Strafen bestraft.

Wahrscheinlich weil dieses Motiv auch in Shakespeares Coriolanus auftauchte, über den ich jüngst schrieb, fiel mir auf, dass die Kannibalismus bzw. Zombie Metapher auch in den tiefsten Tiefen des Inferno eine Rolle spielt. Ugolino, der mit seinen Kindern eingekerkert wird und seine Kinder aufaß, und natürlich bei Luzifer selbst, der die Verräter höchstselbst verspeist. Auch für Dante stand am untersten Ende der Zivilisation das Fressen und Gefressen werden.

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Es ist ziemlich offensichtlich, dass bei Dantes, der ohne Zweifel enorm stolz und selbstbewusst war, auch Revanchismus und Selbstgerechtigkeit bei der Dichtung der Commedia eine Rolle gespielt hat. Denn das ist eine weitere doppelte Dimension, die die Commedia prägt. Sie ist neben den philosophischen, religiösen und ordnungspolitischen überpersönlichen Proklamationen eben auch ein persönliches Bekenntniswerk. Oder besser gesagt, sie ist beides gleichzeitig, denn persönliches und überpersönliches stehen nicht nebeneinander sondern werden nahezu identifiziert. Zwar nimmt er auch darin auf ein berühmtes Werk, Augustinus Confessiones, Bezug, doch gewiss ist es dieser persönliche Aspekt, an den wir rückblickend am ehesten anknüpfen können.

Dass zu allen Zeiten dem Inferno bei weitem die meiste Aufmerksamkeit zuteil wurde, liegt zwar bis zu einem gewissen Grad in der Natur der Sache, sind die niederen Instinkte doch jedem Menschen nachvollziehbar. Doch scheint im Inferno eben auch viel persönliche Identifikation im Spiel, was, die Erfahrung macht man bei Beschäftigung mit Kunst immer wieder, immer auch die stärkste Wirkung auf das Publikum hat. So hat die Francesca da Rimini Episode, dichterisch gewiss eine der schönsten Stellen der Commedia, schon immer viel Neugierde auf sich gezogen.

Ebenso die Episode des Odysseus, der sich ins unerforschte Westliche Meer aufmacht und dabei nicht nur umkommt sondern auch in den Tiefen des Inferno dafür bestraft wird. Die Stelle ist ambivalent, denn auch wenn er als Religionsdogmatiker die Hybris des Odysseus ganz klar verurteilt, ist doch von Seiten Dantes, der ja doch selbst ein leidenschaftlicher Erkenntnissucher war, ohne Zweifel auch Sympathie im Spiel.

Worin sich die doppelte Optik von tief persönlichem und allgemein abstraktem am stärksten offenbart, ist jene Figur, an die Vergil am Ende des Läuterungsbergs die Führung übergeben wird: Beatrice.

Diese Übergabe hat eine eigene innere Logik. Einerseits vollzieht sich darin die Übergabe von antiker Weisheitslehre von Aristoteles, Platon und ihren Exegeten (die zu Dantes Zeit nur über lateinische Quellen rezipiert wurden) hin zu christlicher Scholastik, die von Beatrice im Paradiso referiert und erklärt wird. Andererseits findet aber auch eine ästhetische Stabübergabe statt, die mit dem Wechsel von Latein zur italienischen Volkssprache verknüpft ist. Denn Beatrice war auch Protagonist von Dantes frühem Werk "La vita nuova", das eine Manifest der neueren italienischen Dichtung, des "dolce stil nuovo" war.

Das war auch der Hauptgrund für Dante, die Commedia in italienisch zu verfassen. Der "dolce stil nuovo" war seine Sprache. Die Sprache, in der er sich nicht nur am besten ausdrücken konnte (Petrarca etwa kritisiert Dantes Latein) sondern, die auch in ihrer dichterischen Musikalität seinem Wesen und dem modernen Zeitgefühl entsprach.

Überhaupt kann man den dichterischen Aspekt der Commedia kaum überbewerten. Wer die Commedia nur auf Deutsch liest, bekommt eigentlich keinen rechten Begriff davon. In der dichterischen Schönheit transportiert sich viel von Dantes Vorstellung einer stimmigen und geordneten Welt.

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Viele Leser sind irritiert, wenn sie jener früh verstorbene Beatrice in der Vita Nuova und Commedia begegnen. Wer eine leidenschaftliche Romeo und Julia Geschichte erwartet, wird enttäuscht (übrigens kommen die Montecchi und Cappelletti in der Commedia vor).

Die Sonette und Canzonen des "dolce stil nuovo" haben etwas merkwürdig verrätseltes, das nicht zufällig an den französischen Symbolismus des späten 19. Jahrhunderts erinnert. Dass Stefan George sich als Übersetzter neben den Symbolisten und den Sonetten Shakespeares auch mit Dantes Commedia beschäftigte, sollte eigentlich schon lange darauf aufmerksam gemacht haben, woher der Wind weht. George erkannte als Eingeweihter sofort die Merkmale homoerotischer Maskierung und Sublimierung.

Tatsächlich wird einem vieles in der Vita Nuova klarer, sobald man sich dieser Konstellationen bewusst ist. Man erkennt dann durchaus jenes Schmachten aus der Distanz, jene indirekten Adressierungen und Eifersuchtsspiele, jene Maskierungen und Symbolisierungen wieder, die man auch aus den Werken von Proust und Thomas Mann kennt. Und wenn im Venus-Himmel des Paradiso ein junger, früh verstorbener Mann mit dem Namen Carlo Martello auftaucht und zu Dante sagt: Assai m'amasti (Sehr hast Du mich geliebt) mag man wohl einer weltlichen Inkarnation der Beatrice begegnet sein.

Mancher mag fragen, warum dann ausgerechnet Beatrice als Begleiterin im Paradiso fungiert. Doch ist das vollkommen konsequent. Beatrice ist das Symbol von Sublimierung, jener Transformation von sexuellen und erotischen Energien in einen Zustand weltemphatischer Geistigkeit, der im christlichen Dreiklang von Glaube, Liebe und Hoffnung widerklingt. Das Zölibat, das wir aus einer liberalen und weltlichen Sicht gerne als Schikane verurteilen, ist eigentlich Hilfestellung für jene elitäre Erfahrung höherer christlicher Spiritualität. Auch andere Religionen kennen diese Wege der Sublimation, der Dalai Lama zählt vielleicht zu den wenigen Zeitgenossen, die dieses Ideal nicht nur leben, sondern an dem man auch etwas von der Aura dieses spirituellen Heiligenscheins nachvollziehen kann.

Dieser Erfahrungsweg der Läuterung und Sublimation prägt Dantes Purgatorio und Paradiso maßgeblich und das heutige Desinteresse und Unverständnis dieser Teile reflektiert jene entgegen gesetzte Richtung, in die sich unsere Kultur bewegt. Fasziniert von den kreatürlichen Versuchungen, die Dante ganz zu Beginn begegnen - Löwe, Wolf und Gepard als Macht, Gier und Lust - lassen wir uns fasziniert in die Welt des Inferno ziehen.

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Die Ähnlichkeiten der Commedia mit einem anderen großen Weltgedicht sind schon oft festgestellt worden. Auch Goethes Faust entspringt einem Gefühl der Krise, die wie bei Dante nicht nur Lebenskrise sondern auch das Bewusstsein einer kulturellen Krise ist. Auch Goethe war ein gescheiterter Politiker, der an jenem Widerspruch zwischen idealem Weltentwurf und machtbestimmter und opportunistischer Realpolitik wie an einer schwelenden Wunde litt. Der Faust ist wie die Commedia gleichzeitig Weltdiagnose und Selbstbefragung, idealistische Utopie und Selbsttherapie, Welt- und Kulturchronik und Autobiographie.

Beide brechen an Ostern auf, sich auf die Suche zu machen nach diesem zweiten, neue und richtigen Leben, das für beide in der Himmelfahrt endet. Dass sich Goethe dabei die Zentralfigur aus Dantes Kosmos, den Teufel als Begleiter erwählt, ist von einer durchaus höheren geistigen und kulturgeschichtlichen Konsequenz. Wie Dante die Antike Kultur als historisches Bezugsystem würdigt und integriert, es jedoch gleichzeitig revidiert und umformatiert, so tut Goethe durchaus ähnliches mit der christlichen Kultur.

Das Hybride, das beide Gedichte haben, rührt von jener gemeinsamen Erfahrung des krisenhaften Übergangs. Die modernen Aspekte der bürgerlichen Romantik bei Goethe entsprechen jenem sich im dolce stil nuovo manifestierenden neuen Lebensgefühls, das in Figuren wie Petrarca die unmittelbare Zukunft prägten. Doch da ist gleichzeitig eben auch dieser sehr konservative Zug, der verzweifelte Versuch der Bewahrung einer bereits dem Untergang geweihten Welt.

In der Commedia bewahrheitet sich jenes tiefsinnige Wort Nietzsches, dass man über das, für das man Worte gefunden hat, bereits hinaus sei. Die Commedia feiert die Universalität und ästhetische Stimmigkeit des christlichen Weltbilds. Und markiert damit gleichzeitig dessen Zenit. In der ästhetischen Manifestierung liegt ein Moment der Aus- und Erschöpfung, durch den der historische Paradigmenwechsel der Renaissance, der eben auch einen Prozess der allmählichen Säkularisierung in Gang setzte, indirekt initiiert wird. Darin liegt der Portalcharakter Dantes, der gleichermaßen eine Figur des Abschlusses wie des Neubeginns ist.

Auch bei Thomas Mann und seiner Erfahrung der beiden Weltkriege kann man, am stärksten wohl in der Joseph Tetralogie, jenen verzweifelten Versuch der Bewahrung feststellen, der Dantes Commedia prägt. Doch ist Thomas Mann dann im Doktor Faustus, in dem die scholastische Philosophie nicht zufällig eine wichtige Rolle spielt, im Bewusstsein, dass jener Kulturkreis, an dessen Anfang Dante als Figur des Übergangs von der Antiken Kultur stand, im Begriff ist sich zu schließen.

Gleichzeitig nahm ein italophiler Ire und Dante-Kenner als Ulysses Kurs aufs unbekannte Meer.

12:47 18.07.2015
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Geschrieben von

Thomas.W70

Was vom Leben übrig bleibt
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