Ende in Sicht für Richard Wagner

Wagner Debatte Anmerkungen zu Alain Badious "Fünf Lektionen zum ›Fall‹ Wagner"
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Ein merkwürdig verqueres Buch. Voller interessanter Anmerkungen zum Werk Wagners - man merkt, dass Badiou leidenschaftlicher Wagnerianer ist - und gleichzeitig in seinem Hauptanliegen, einer Verteidigung Wagners gegenüber seinen Kritikern, völlig windschief.

Das Missverständnis des Buches besteht darin, dass er die von Lacoue-Labarthe formulierte Kritik von Wagners Kunst als etwas, das den Faschismus der Nazis ästhetisch präfiguriert hat - eine These die nicht neu, doch leider nicht von der Hand zu weisen ist - unzulässig mit der Wagnerkritik von Nietzsche, Heidegger und Adorno vermengt.

Denn die Kritik von Nietzsche, Heidegger und Adorno hat eine vollkommen andere Stoßrichtung als die Lacoue-Labarthes. Nietzsche und Heidegger, und ja, auch Adorno, gehören gleichermaßen zu jenen Präfigurierern. Ihre Kritik an Wagner zielt in die entgegengesetzte Richtung. Sie kritisieren weniger die ideologisierenden Potenziale, sondern vielmehr die mangelnde Radikalität und ideologische Ernsthaftigkeit Wagners. So unterschiedliche Positionen sie selber vertreten, alle drei stießen sich vor allem am Hedonismus, Privatismus und dem technischen Budenzauber von Wagners Werken.

Der totalitäre Erlösungs- und Reinheitswahn, den Wagner eher träumerisch antizipiert, war diesen dreien noch nicht rein und absolut genug, mit zuviel theatralischen Kompromissen vermengt. Absurderweise versucht Badiou nun Wagner gegenüber dieser Kritik zu verteidigen, indem er Wagners Kunst in diesem Sinne interpretiert, sie also, überspitz formuliert, in ihren faschistoiden Eigenschaften verteidigt.

Der Sündenfall der deutschen Kunst und Philosophie, die in der Figur Wagners zu einer fatalen Gleichschwingung kamen, besteht in ihrer idealistischen Überhöhung zum Religionsersatz. Die Wagnersche Tendenz von der traditionellen Oper weg, deren Arien-Schematismus den Spielcharakter von Kunst beglaubigt, hin zu einem rituellen, totalitären Kunstverständnis, war eine höchst problematische, wenn auch vielleicht unvermeidliche Entwicklung. Darin spiegelt sich ein religiöser Urtraum von Identität, der vermeintlich nur in einer totalen Gleichschaltung zu erreichen ist. Und Nietzsche, Heidegger und Adorno träumten auf ihre Weise diesen Traum weiter.

Das Monströse des Holocausts besteht eben darin, dass es sich dabei nicht nur um ein machtpolitisches Projekt handelt. Dazu hätte es ausgereicht die reichen und einflussreichen Juden zu enteignen bzw. zu entmachten. Es steckt ein religiös ästhetischer Reinheitswahn hinter der Auslöschung einer Rasse, im Glauben, dass Erlebnis der Identität nur unter Ausscheidung aller heterogenen Elemente zu erreichen sei.

Dieses Erlebnis der Identität ist, unter verschiedenem Namen, auch das Ziel von Nietzsche, Heidegger und Adorno. So unterschiedlich ihre Ansätze im einzelnen sind, immer geht es um eine ideologische Reinigung, um einen radikalen Neuanfang, um ein Purgatorium, das es zu durchschreiten gilt.

Adorno spielt in diesem Zusammenhang eine besonders zwiespältige Rolle. Denn als selber Verfolgter, scheint er ideologisch zunächst unverdächtig. Doch sein Diktum, dass nach Auschwitz kein Gedicht mehr geschrieben werden können, das Badiou in Zusammenhang mit der Negativen Deialektik diskutiert, ist eine monströse Obszönität. Adorno, zweifellos einer der intelligentesten Männer des 20. Jahrhunderts, war sosehr in seiner dialektischen Mechanik befangen, dass ihm wohl überhaupt nicht bewusst wurde, was er tat. Nämlich auf ein ästhetisch monströses Reinheitsgebot mit einem neuen ästhetischen Reinheitsgebot zu antworten.

Wer diese unheilvollen Zusammenhänge mit bemerkenswerter Klarheit erkannte, und sich selbst dabei als befangener nicht ausnahm, war Thomas Mann. Er war weniger der analytisch scharfe Denker (in seinem Tagebuch gesteht er offen, dass er Adornos Bücher nur halb versteht), doch mit einem phänomenalen mentalitätsgeschichtlichem Sensorium ausgestattet. Und es ist sicher mehr als ein kurioser Zufall, dass ausgerechnet jene drei Protagonisten Nietzsche, Heidegger und Adorno alle in Doktor Faustus ihre Rolle spielen. Von Nietzsche kommt die syphilitische Konstellation Leverkühns, von Heidegger das altdeutsche Universitätsmilieu und Adorno war der teuflische Einflüsterer mit der Hornbrille.

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Um zu Badiou und Wagner zurückzukommen: Wagners Werk lässt sich nicht von gewissen bedenklichen ideologischen Zügen reinwaschen. Es lässt sich nicht leugnen, dass in Siegfried ein rassistisches, in den Meistersingern ein nationalistisches und Parsifal ein moralisches Superioritätsdenken zum Ausdruck kommt, das vor allem deswegen so bedenklich ist, weil es das andere nicht gelten lässt und auslöschen will.

Hunding und Mime werden mit einem Handstreich hinweggefegt, Klingsors Welt wird ausgelöscht und Hans Sachs Verdikt um "welschen Tand" mangelt in seiner entwertenden Formulierung jeder pragmatische Zug von Leben und Lebenlassen, dem Anerkennen und Tolerieren des kulturell fremden und andersartigen.

Badious Verteidigung Wagners, vor allem gegenüber Adorno, ist dagegen ein Streit um die Frage ästhetischen Gelingens. Damit rennt Badiou im Grunde offene Türen ein. Denn in diesem Punkt hat Wagner überhaupt keine Verteidigung nötig. Seine bis heute ungebrochene Wirkungskraft wäre eigentlich schon Beweis genug dafür. Tatsächlich ist Wagner in diesem Punkt Wagner eigentlich unverwundbar. Bei Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms und Bruckner steht die Frage ästhetischen Gelingens immer auch als Problemstellung im Raum, an der sich diese Komponisten produktiv abarbeiten ohne sie immer zu erreichen, oft liegt die künstlerische Bedeutung eher im moralischen Akt der Anstrengung als im tatsächlichen Gelingen.

Nietzsche war wohl musikalischer als Adorno und hat Wagner selbst in den heftigsten ideologischen Polemiken als Artist seines Faches nie in Zweifel gezogen. Selbst über die Musik des Parsifal schwärmt er, nachdem er die übelste Häme über den seichten Katholizismus des Werkes ausgeschüttet hat, verzückt in höchsten Tönen.

Adornos "Versuch über Wagner", ein hochintelligentes Buch, das vor allem wegen seinen Anmerkungen zur Orchesterbehandlung überaus interessant ist, läuft vor allem deswegen ins Leere, weil Adorno sich darin an Konstellationen abarbeitet, die für Wagner eigentlich überhaupt keine Rolle spielen. Adorno betrachtet Wagner noch ganz von Beethovens Ästhetik her. Wenn er dem Tristanvorspiel vorwirft, dass es ihm an thematischer Entwicklung mangelt, ist das von einem klassischen Kompositionsbegriff her nachvollziehbar.

Doch gleichzeitig ist es natürlich albern, denn das Tristanvorspiel ist gewissermaßen eines der ikonographischen Beispiele des ästhetischen Gelingens. Das Nichtentwickeln des Themas, das neurotisch in sich kreisen, ist ja gerade das Merkmal des Gelingens, der Identität von Form und Inhalt, jenes einzigartigen Vermögens Wagners seelische Zustände in einem osmotischen Prozess scheinbar unmittelbar in Musik zu gießen.

Jenes berühmt berüchtigte Wort Thomas Manns vom "ins Geniale gesteigerten Dilettantismus" ist tatsächlich eines der hellsichtigsten Worte über Wagners künstlerische Physiognomie. Das große Missverständnis, das es darum gab, besteht darin, dass Dilettantismus in diesem Zusammenhang nicht Unvermögen bedeutet, sondern die Genese von Wagners Schaffensprozess beschreibt.

Anders als Beethoven bewegt sich bei ihm der Kompositionsprozess nicht im Spannungsfeld zwischen thematischem Gehalt und vorgegebener Form, sondern Wagner komponiert, salopp gesagt, drauf los (worin eben der "dilettantische" Zugriff besteht), und lässt gewissermaßen die Musik sich selber formen, was natürlich nur dann möglich ist, wenn man über das phänomenale Talent Wagners verfügt, alle sensorischen und handwerklichen Instinkte zu einem Brennpunkt zu bündeln. Darin besteht auch das Geheimnis des ästhetischen Gelingens bei Wagner. Wagner arbeitet sich nicht wie Brahms mit mehr oder weniger Erfolg an klassischen Formen ab. Die Form ist bei Wagner von vornherein mit der Musik identisch.

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Auch wenn Badiou die falschen Fragen stellt und die falschen Fragen beantwortet, die eigentliche, ungestellte und unbeantwortete Frage bleibt natürlich nach wie vor im Raum stehen. Jene Frage, die auch in den letzten Wochen in Bayreuth wieder, wenn auch wieder wie sooft in heillosem Kuddelmuddel (die Harmlosen wurden auf die Anklagebank gesetzt während die scheinheiligen Ideologen die Ankläger spielten), auf der Tagesordnung stand.

Die Frage lautet: Wie geht man mit Wagners Werken um? Darf man sie unbedenklich konsumieren? Darf man sie nur bedenklich konsumieren? Darf man sie überhaupt konsumieren?

Einmal gestellt, kann man diese Fragen auch gleich wieder verwerfen. Sie zeugen von einem Missverständnis gegenüber Kunst. Kunst beantwortet keine Fragen, Kunst stellt auch keine Fragen. Kunst ist repräsentierte Menschlichkeit. Es ist das geträumte Parallelbewusstsein der Menschheit. Kunst zu verbieten oder den Umgang mit ihr vorschreiben zu wollen, ist wie der Versuch den Träumen zu gebieten. Da mag noch so viel Text-Exegese betrieben werden und einen Inszenierung noch so sehr mit dem didaktischen Zaunpfahl winken, letztendlich erkennt jedes Individuum seine eigenen Traumbilder in der Kunst wieder.

Das Werk Shakespeares enthält mindestens ebensoviel bedenkliche Ideologie wie Wagners Werk, freilich eine historisch vollkommen andere und daher für uns undeutlich und abstrakt geworden. Und genaugenommen sind die nationalistischen und rassistischen Ideologien, die Wagners Werk fraglos unterminieren, auch bereits verblasst. Die nazistische Gefahr und ihre Beschwörung ist heutzutage eher Politik- bzw. Theaterfolklore. Die aktuellen und akuten ideologischen Gefahren sind ganz andere.

Übrigens hat auch Wagner diese neuen Gefahren nicht vorhergesehen oder vorhersehen können. Die Kapitalismusparabel des Ring bildet doch ziemlich genau den Kapitalismus des späten 19. Jahrhunderts ab. Fafner, Mime und Alberich erwiesen sich dann doch als viel cleverer und lernfähiger und machten Siegfried tatsächlich zu ihrem effektiven Werkzeug. Wotan hätte heute gar keine Gelegenheit zur genussvollen Selbstvernichtung, er wäre längst entmachtet.

Auch Alain Badiou wirkt mit seiner Beschwörung "Großer Kunst" in der Nachfolge Wagners seltsam aus der Zeit gefallen, wie jemand der immer noch an den ideologischen Fäden des 19. und 20. Jahrhunderts spinnt ohne zu merken, dass es die Spinnweben einer verlassenen Abstellkammer sind.

Alain Badiou

Fünf Lektionen zum ›Fall‹ Wagner

Diaphenes Verlag, Zürich 2012

Aus dem Französischen von Thomas Laugstien

160 Seiten, Klappenbroschur

ISBN 978-3-03734-220-6

€ 19,90 / CHF 30,00

13:05 12.08.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Thomas.W70

Was vom Leben übrig bleibt
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