Fack ju Wagner

Opernkritik Wieder vor allem Blödsinn bei den Bayreuther Festspielen
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Fack ju Wagner
Wer als Meister geboren, der hat unter Meistern den schlimmsten Stand.

Foto: Christof Stache/AFP/Getty Images

Vielleicht ist es ja unvermeidlich, dass Bayreuth zerstört werden muss. Die Kunstweihe des 19. Jahrhunderts, für die Wagners Festspiele exemplarisch stehen, ist den meisten Menschen inzwischen suspekt geworden und muss purgiert werden. Es ist ein Gesetz des Epoche-Wandels, dass, was den Vätern heilig war, in einem Akt der Blasphemie ausgetrieben werden muss. Und Katharina Wagner lässt entprechend dem Zeitgeist folgend seit Jahren die Hunde von der Leine, die ihrem Urgroßvater ans Bein pinkeln dürfen.

Natürlich ist das Publikum, und vermehrt auch die Kritik, mit Eifer dabei. Wie zu Wolfram von Eschenbachs Zeiten, als öffentliche Bestrafungen zuverlässig ein zahlreiches Publikum anzogen, war auch die Klima im Festspielhaus, durch sommerliche Temperaturen noch angeheizt, ambivalent zwischen gemütlicher Festspiellaune und Pogromstimmung.

Man kann dem Regisseur Tobias Kratzer daher nicht mal eine gewisse logische Konsequenz absprechen, wenn er die Wartburg im zweiten Akt durch das Festspielhaus ersetzt. Denn ganz richtig: damals stand die Wartburg und ihre adeliges Klientel, die ihr Gottesgnadentum mit der Kanonisierung christlicher Moral erkaufte, für alles, was dem Erotomanen und Pseudo-Revolutionär Richard Wagner alias Tannhäuser persönlich gegen den Strich ging. Wie Wagner die moralisierenden Sänger-Ritter desavouierte, wurden eben jetzt gezielt die Bayreuther Kunstweihe-Rituale auf die Schippe genommen.

Das Problem ist nur, dass das ästhetisch nicht funktioniert. Ähnlich wie die Barockoper im 19. Jahrhundert, als sie mit bürgerlicher Moral gegen den Strich gebürstet wurde, öde und redundant wurde, so wird auch die romantische Oper öde und redundant, wenn man sie mit liberalem Anarchismus gegen den Strich bürstet. In der Oper, viel mehr noch als im Schauspiel, gibt es eine ästhetische Konvergenz der Mittel, der Atmosphäre und der Aussage, die sich nicht auseinanderdividieren lässt.

Was bei dieser Premiere auf der Bühne geboten wurde, war Schülertheater. Was eben rauskommt, wenn heutzutage Deutsche witzig und originell sein wollen. Ein völlig unintegriertes Zusammengeschustere von Slapstick, Zitaten, Sozialkritik, Feminismus, Kapitalismusschelte, Camp und Trash, deren einziger gemeinsamer Nenner war, dass es sich an der hehren bildungsbürgerlichen Kultur reibt. Jeder darf sich etwas aussuchen, woran er sein kleines Mütchen kühlen kann. Und dass selbst der Bayerische Ministerpräsident von der Inszenierung begeistert war, sollte einem zu Denken geben.

Fängt man nur ein paar Sekunden an darüber nachzudenken, was das ganze eigentlich soll, stößt man sofort in sinnentleerte Sackgassen. Ist Clown-Sein Sünde? Ist Wagnertenor zu sein eine existenzielle Daseinsform? Ist ein Aussteigerleben Buße? Darf man als Wagnersopran keinen vorehelichen Sex haben? Hat Schlitzen eine religiöse Komponente? Ist Dichten ein Verbrechen?

Es mag ja sein, dass man diesen Gefühlslagen von hochfliegendem Idealismus und religiöser Ektase, denen man in jenen Jahrzehnten des frühen 19. Jahrhunderts zwischen Byron, Berlioz, Liszt, Schumann, Hölderlin, Mendelssohn und Meyerbeer allüberall begegnet, heutzutage nichts mehr abgewinnen kann. Doch dann sollte man lieber Bayreuth dichtmachen und das Geld gleich in Off-Kultur stecken, statt so zu tun als seien Wagners Arien Musical-Nummern, die man revuemäßig jedem Kontext unterschieben kann.

Dieses völlig Oberflächliche und Zeitgeist-Gesteuerte der künstlerischen Rezeption, ohne jede logische ästhetische Konsequenz oder artistische Abwägung, setzte sich merkwürdig im Applaus und den ersten Kritiken fort. Die Debütantin Lise Davidsen, die durchaus darstellerisches Talent hat, deren Gesang jedoch noch sehr steif und wenig differenziert ist, wird, weil Frau und Opferrolle, sofort zur „Jahrhundertstimme“ hochgejubelt.

Umgekehrt wird Valery Gergiev, weil Putin-Freund und notorisch klimaschädlicher und unpünktlicher Jetsetter, einhellig abgewatscht. Sein Dirigat war vielleicht in der Tat etwas schlampig, doch ganz so schlecht war es auch nicht, hatte durchaus Zug und einen Sinn für große Linien. Da war in den letzten Jahren in Bayreuth langweiligeres und pauschaleres zu erleben.

Stephen Gould und Elena Zhidkova wurden dafür, dass sie sich selbstlos den Selbstentblößungen und Clownerien hingaben, gefeiert. Zhidkova hat durchaus eine komische Begabung, doch sängerisch war das von beiden keine Glanzleistung. Markus Eiche als Wolfram sang Goulds Tannhäuser immer wieder an die Wand, und dass sich Venus und Elisabeth so sehr in diesen ältlichen, stumpf singenden und schmerbäuchigen Tannhäuser verlieben sollten, erforderte ein gehöriges Maß an suspension of disbelief.

Muss man sich in Schale werfen und nach Bayreuth pilgern, um diesen mittelmäßigen Gesang und diese Deutsche Schmalzklamotte anzusehen. Nein, auf alten Platten wird besser gesungen, und Netflix bietet bessere Unterhaltung.

00:20 27.07.2019
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Geschrieben von

Thomas.W70

Was vom Leben übrig bleibt
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