Vergils „Aeneis“ und John Williams „Augustus“

Mythos und Historie Das römische Epos und der amerikanische Briefroman erzählen von Zeiten krisenhaften Übergangs. Eines Übergangs, der vielleicht auch unserer westlichen Kultur bevorsteht.
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Es bleibt wohl für immer eine fromme Illusion, die Menschheit könne aus der Geschichte lernen. Tatsächlich bleibt das Zeitalter der Vernunft, das die Lehren aus der Vergangenheit ziehen könnte, immer nur Episode. In jedem Kulturzyklus kommt irgendwann der Punkt, an dem die vitalistischen und antihumanistischen Kräfte wieder die Oberhand gewinnen und alles, was eine gewachsene Kultur der Aufklärung an Philosophie, Idealismus, Bildung, Maß und Ausgleich in die Welt gebracht hat, wieder untergeht.

Das römische Jahrhundert vor Christi Geburt, das in der Augusteischen Regentschaft mündete, ist die Blaupause dieses Übergangs. Und was sich in aktuellen Entwicklungen in den USA andeutet, ähnelt auf gespenstische Weise jenem Paradigmenwechsel. Denn natürlich ist der Aufstieg des Donald Trump, den viele vor einem Jahr noch für undenkbar hielten, ein Symptom. Es ist der Auftritt jenes Typus von narzisstischen Monstren von Sulla über Julius Caesar und Marcus Antonius bis zu Augustus, die das republikanische System aushebelten und die Macht skrupellos an sich rissen.

Was den Boden bereitete für den Untergang der römischen Republik waren ähnliche Entwicklungen, die auch heute längst in Gang sind. Eine Unterwanderung der staatlichen Strukturen durch immer drastischere Einflussnahme des Geldes, das Zerbrechen einer Kultur des Gemeinsinns und der Kompromissbereitschaft, eben das, was man mit dem hemmungslosen Lobbyismus und der republikanischen Blockadepolitik in Washington in den letzten Jahren beobachten konnte.

Marcus Tullius Cicero, eine zentrale und höchst zwiespältige Gestalt im politischen Betrieb der späten römischen Republik, hatte in seiner an Aristoteles angelehnten Staatenlehre bereits vorhergesagt, dass die Demokratie zwangsläufig untergehen müsse, da das demokratische Paradigma der Freiheit an irgendeinem Punkt in Chaos umschlägt.

Und ist es nicht in der Tat eine geheime Lust an der chaotischen Auflösung, eine Sehnsucht nach einer zerstörerischen Simplifizierung, die dafür verantwortlich ist, dass die Amerikaner bereit sind einem unberechenbaren Narzissten und notorischen Lügner das Amt des mächtigsten Mannes der Erde anzuvertrauen?

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Die Lektüre von Vergils Aeneis in den letzten Monaten war ein merkwürdiges Erlebnis. Nicht nur fühlte sich Vergils Epos gänzlich anders an als die Erinnerung daran aus dem Lateinunterricht. Als Kommentar zur damaligen römischen Gegenwart erwies es sich, trotz der historischen Distanz, die nicht zu leugnen ist, als atmosphärisch erstaunlich kompatibel mit der aktuellen Gegenwart.

Auf John Williams’ Augustus-Roman stieß ich zufällig bei begleitenden Recherchen zur römischen Geschichte. Auch hier war ich nicht nur gefesselt vom psychologischen Scharfsinn des Buches sondern spürte eine ganz ähnliche Aktualität. Schon der Überraschungserfolg von Stoner vor ein paar Jahren kam wohl nicht von ungefähr. Was John Williams’ Romane Stoner, Butcher’s Crossing und Augustus gemein haben, ist eine ahnungsvolle Skepsis gegenüber den Verheißungen des modernen, enthemmten Liberalismus, ein melancholischer Fatalismus, der der amerikanischen, von 9/11 und Finanzkrise getrübten Stimmung der Millennium Jahre ziemlich gut entsprach.

Und natürlich verbirgt sich in Williams Augustus Roman hinter dem historischen Gewand auch eine Zeitdiagnose des Amerikas der 60er Jahre als der Liberalismus an Fahrt aufnahm. Während der 10 Jahre jüngere John Updike sich von dieser Welle berauscht und verwirrt mitreißen ließ und die neuen sozialen, sexuellen und finanziellen Freiräume mit knabenhafter Neugier ausschritt, blickt John Williams mit einer Mischung aus Faszination und besorgter Skepsis auf diese Entwicklungen.

Wenn in Williams Augustus-Roman ein griechischer Gelehrter zum ersten Mal nach Rom kommt und von der Energie der Stadt fasziniert ist und doch gleichzeitig über den Freiheitskult und die kindliche Naivität ihrer Bewohner den Kopf schüttelt, reflektiert das wohl auch seinen eigenen Blick auf die Woodstock Generation. Und die Skepsis der Römer gegenüber einer humanistischen Gelehrsamkeit ohne praktischen Nutzen ist wohl auch die Beobachtung eines amerikanischen Akademikers, der sich selbst mit elisabethanischer Dichtkunst beschäftigte.

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Der römische Bürgerkrieg und der Terror unter dem Triumvirat von Octavian (Augustus), Marcus Antonius und Lepidus, die alle Gegner systematisch ermorden ließen, um ihre Macht zu sichern und um an konfisziertes Vermögen zu kommen, zählte zu den prägenden biographischen Erfahrungen von Vergils jungen Jahren, dessen Familie enteignet wurde, um mit dem Besitz Söldner zu entlohnen.

Als Vergil dann als Dichter Karriere machte führte ihn das über Maecenas, der zur Machtclique von Augustus gehörte und eine Reihe von Dichtern förderte, in Augustus Nähe und als deren Günstling wohl auch zu einigem Wohlstand. In den letzten Jahren war ihr Verhältnis nicht nur nahezu freundschaftlich, Augustus bekundete auch persönlich Interesse an Vergils Dichtung.

Doch Vergils Verhältnis zu Augustus bleibt ambivalent. Es ist nicht zu leugnen, dass es einige Aspekte in der Aeneis gibt, die ganz im Sinne augusteischer Propaganda sind. Doch liest man die Aeneis in Gänze, stellt man fest, dass die dichterische Ausstrahlung des Epos alles andere als triumphal oder affirmativ ist. Es herrscht eine tief skeptische, von Selbstzweifel, Verlust und Entsagung getränkte Stimmung, die vor allem auf einer moralischen Ebene in Opposition zum hedonistischen und zynischen Zeitgeist der Augusteischen Ära steht.

Das merkwürdig überdeutliche Anknüpfen an die Epen Homers, das weit über die Anlehnung an ein klassisches Modell hinausgeht, und der fast obsessiv in den Vordergrund gerückte Begriff der “Pietas”, der weniger als christliche Frömmigkeit als vielmehr eine Art kantianischer Verantwortungsethik zu verstehen ist, sind Ausdruck einer Sehnsucht zurück in einen platonischen Humanismus, dessen am Prinzip der Gerechtigkeit und des demokratischen Ausgleichs ausgerichtete Staatslehre in krassem Gegensatz zur von absolutistischer Willkür geprägten diktatorischen Regierung Augustus stand.

Vor allem Historiker sehen Vergil gerne ganz auf der augusteischen Linie und warnen davor moderne Vorstellungen von einem renitenten Künstlertum auf antike Dichter zu übertragen. Doch noch abwegiger ist es zu unterstellen, die Römer seien naiv gewesen. Niemand im Milieu, an das sich diese Art von Dichtung richtete, wäre ernsthaft auf die Idee gekommen, Augustus, der, unter anderem mit den Ehefrauen seiner schwulen Dichterfreunde, hemmungslos herumhurte, der durch systematische Ermordungen ein gigantisches Vermögen in die eigene Tasche wirtschaftete und dessen sadistische Anwandlungen gefürchtet waren, mit dem frommen Aeneas zu identifizieren.

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Die Lektüre der Aeneis ist kein einfaches Unterfangen. Zwar bestehen kaum unmittelbarere Verständnisschwierigkeiten, Vergils Stil ist, das lässt sich auch in Übersetzungen noch nachvollziehen, von kristalliner Klarheit und Präzision. Doch spürt man immer, dass viel Subtext mitschwingt, den man, zumal aus einer großen zeitlich-kulturellen Distanz, nicht leicht erfasst und der wohl selbst durch einen kundigen Kommentar-Apparat nicht vollständig erhellt werden kann. Der gleichwohl aber auch wesentliches Merkmal der Fülle und Dichte dieses Werkes ist, das zu den einflussreichsten Kunstwerken der Menschheitsgeschichte zählt.

Als ästhetisches Phänomen ist die Aeneis ein vexatorisches Gebilde, das mit raffinierten Spiegelungen arbeitet. Homers Ilias und Odyssee sind nicht nur zentrale Anknüpfungspunkte für bestimmte Handlungselemente und dramaturgische Muster. In der Art wie diese Elemente zitiert, variiert, modifiziert und konterkariert werden, verbirgt sich eine zusätzliche Bedeutungsschicht.

Schon antike Exegeten stellten fest, dass sich in der Aeneis in der Anlage der 12 Bücher Ilias und Odyssee spiegeln. Die Irrfahrten des Aeneas nach der Flucht aus Troja in den ersten 6 Büchern entsprechen den Irrfahrten des Odysseus und der Kampf um das italienische Latium in den letzten 6 Büchern dem Kampf um Troia der Ilias. Bereits in den ersten drei berühmten Worten der Aeneis “Arma virumque cano” wird in den Begriffen “Waffen” und “Mann” dieser doppelte Bezug hergestellt.

In jedem Buch der Aeneis gibt es zahlreiche Verbindungen zu Homer in diversen Brechungen. Was daran interessant ist, ist das zirkuläre Element, das vom gemeinsamen Fixpunkt, dem Fall Trojas, der von Aeneas aus der trojanischer Perspektive nochmal nacherzählt wird, einen Bogen zurück schlägt. Denn der Schluss der Aeneis, als Aeneas im Zorn Turnus tötet (“furor et ira”), knüpft an den Beginn der Ilias an, der vom Zorn des Achilles singt (“Menin aeide…”).

Die bereits angedeutete moralische Konzeption der Aeneis findet Ausdruck in diesem ästhetischen Konzept. Es geht darum, einen neuen Bogen zu schlagen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, die Geschichte in eine neue richtige Richtung zu lenken.

Auf eine Formel gebracht geht es in der Aeneis um den Gegensatz von Thymos und Nous, in moderneren Begriffen Vitalismus und Humanismus oder Selbstgefühl und Vernunft. Um eine Zähmung des ersteren durch das letztere. In diesem Sinne ist Aeneas Gegenfigur zu Achilles und Odysseus. Seine Rolle als verantwortungsvoll handelnder “Pater Aeneas” oder “Pius Aeneas” steht im dezidierten Gegensatz zu den egoistischen Perspektiven von Achilles’ Narzissmus und Odysseus’ Zynismus.

Ist die Odyssee der Selbsterfahrungstrip eines kreativen Abenteurers, sind Aeneas’ Irrfahrten Exerzitien der Selbstbefragung und Läuterung. Entsprang der Zweikampf des Achilles mit Hector der persönlichen Rache Achilles’ für den Tod seines Freundes Patrokles, tötet Aeneas seiner Gegenspieler Turnus aus einer höheren moralischen Notwendigkeit. Auf jene Schlussszene der Aeneis, wenn Aeneas den bereits besiegten Turnus nicht verschont sondern tötet, die über die Jahrhunderte zu vielen Diskussionen Anlass gegeben hat, wird noch zurück zu kommen sein.

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Bei Homer und Vergil spielen die Götter als Bezugssystem eine zentrale Rolle. Es wäre allerdings naiv, die Menschen nur als Spielball der Götter zu betrachten. Die Identifikation mit Göttern ist vielmehr in ihrer ursprünglichen religiösen Dynamik eine Selbsterwählung, die dem eigenen Leben Sinn und Bedeutung verleiht. Ich erwähle mir meinen Gott und unterwerfe mich gleichzeitig dessen Gesetz und schicksalhafter Dynamik. In diesem Spannungsfeld ist Atheismus nur die Resignation in die eigene Bedeutungslosigkeit.

Die griechische Götter-Mythologie, die von den Römern weitgehend übernommen wurde, stellt ein überaus sinniges System an gesellschaftlichen, sozialen und anthropologischen Strukturen dar, das dem antiken Menschen ein breites Angebot bietet über Identifikation seinen Platz in der Welt zu finden.

Bildet die Eltern Generation um Jupiter und Juno mit ihren Geschwistern Neptun (Meer), Pluto (Unterwelt), Vesta (Herdfeuer) und Ceres (Fruchtbarkeit) die Erfahrungswelt einer frühen tribalen und von den Naturgewalten abhängigen Kultur ab, zeichnet sich in der Kindergeneration mit Minerva (Kultur), Apollo (Kunst), Diana (Jagd), Mars (Krieg), Venus (Liebe), Mercurius (Handel), Vulcanus (Schmiedekunst), Persephone (Halbwelt) und Bacchus (Rausch) eine fortgeschrittene städtische Zivilisation ab.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Ausdifferenzierungen. Jupiter und Juno repräsentieren Familie, Minerva und Apollo Gesellschaft, Mars und Venus private Beziehungen, gleichzeitig stehen diese drei Gruppierungen auch für politisch gesellschaftliche Strukturen, nämlich aristokratische elitäre, idealistisch bürgerliche und liberal populäre. Auch intime Beziehungen werden abgebildet. Narzisstischer Eros bei Jupiter und Juno, die gleichzeitig Geschwister und Ehepaar sind, heterosexueller Eros in Mars und Venus, die Geliebte sind (Venus ist mit dem lahmen Schmied Vulcanus verheiratet) sowie homosexueller Eros im Zwillingsgeschwisterpaar Apollo und Diana.

Aeneas ist ein Sohn der Venus, und Julius Caesar und Augustus sahen sich in der Linie der Julier (nach Vergil von Aeneas Sohn Julus abstammend) ebenfalls als Abkömmlinge von Venus und Aeneas. Dass diese Konstellation wie auch die in der Aeneis erzählte Geschichte historisch höchst unwahrscheinlich ist, dürfte auch den Römern klar gewesen sein. Doch wie die meisten mythischen Geschichten sind auch die Epen Homers und Vergils eine “erwählte” Version der Historie.

Die Zuordnung der Trojaner zu Venus, neben Mars und Apollo, ist bereits bei Homer angelegt (Venus und Mars dort unter griechischen Namen Aphrodite und Ares), im Gegensatz zu Juno und Minerva (Hera und Athene), die auf Seite der Griechen stehen. Was sich darin ausdrückt ist der Gegensatz einer konservativ dynastischen und intellektuellen Kultur auf griechischer Seite und einer liberalen und hedonistischen Kultur auf Trojanischer Seite.

In diesem Gegensatz von Griechenland und Troja ist bereits der Gegensatz von Griechenland und Rom zu erkennen, der in vielen Aspekten dem Gegensatz von altem Europa und der Neuen Welt Amerika ähnelt. Die Wahl des Trojaners Paris, der wählen muss, wer von den drei Göttinnen Juno, Minerva und Venus (Hera, Athene und Aphrodite) die schönste ist, und Venus wählt ist eben auch die amerikanische Wahl einer liberalen Kultur.

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Man braucht sich nichts vorzumachen, die Eroberung Trojas war ein rein machtpolitisches Unterfangen. Die Stadt war als Tor zum Orient strategisch wichtig und legendär wohlhabend. Der Raub der Helena (Ehefrau des Griechen Führers Agamemnon) war lediglich ein willkommener Vorwand (wie die Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussain). Und dass sowohl Dido, die Königin Karthagos, sowie Latinus, der König von Latium, Aeneas und die seinen bereitwillig aufnehmen wollen, entsprang ebenso durchaus eigenem Interesse, boten diese doch auch als Flüchtlinge noch beträchtliche militärische und materielle Ressourcen.

Der Götterkonflikt der Aeneis findet zwischen Venus und Juno statt, wobei Venus ihren Vater Jupiter immer wieder an sein Versprechen gemahnt, ihrem Sohn Aeneas im Ausgleich für die Trojanische Niederlage ein neues Königreich in Italien in Aussicht zu stellen. An dieser Stelle schloss sich tatsächlich ein Kreis zur römischen Gegenwart von Julius Caesar und Augustus (Augustus war der Großneffe Caesars und wurde offiziell als sein Erbe eingesetzt). Denn die beiden Diktatoren rissen die Macht gewaltsam an sich nicht zuletzt im Selbstbewusstsein dieser mythischen Nachkommenschaft.

Auch John Williams sind die Sinnigkeiten der Götter Mythologie nicht entgangen. Augustus Tochter Julia wird bei einem Aufenthalt in Griechenland von der Bevölkerung einer Insel als Göttin Aphrodite (Venus) verehrt und berichtet davon in ihrem Tagebuch als einem Erlebnis, bei dem sie „sie selbst“ war wir nie wieder in ihrem Leben.

Augustus letzte Ehegattin Livia, Mutter von Augustus Stiefsohn Tiberius, die mit zäher Hartnäckigkeit und Skrupellosigkeit dafür sorgte, dass ihr Sohn Kaiser wird, ist wiederum eine archetypische Verkörperung Junos. Und Augustus steht bei John Williams tatsächlich ähnlich zwischen den Interessen von Gattin und Tochter wie Jupiter von Juno und Venus in der Aeneis.

Marcus Antonius wird dagegen als Verkörperung des Gottes Dionysos (Bacchus) verehrt, was eine treffende Beobachtung ist. Trotz seines kolossalen Größenwahns und seiner heillosen Selbstüberschätzung, die ihm am Ende das Leben kostete, war er beim Volk sehr populär. Eine gewisse Ähnlichkeit mit Donald Trump ist nicht zu leugnen. Von diesem dionysischen Element, sich ganz enthemmt dem narzisstischen Selbstgefühl zu überlassen, ließen sich auch Trumps Anhänger mitreißen.

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Die Ermordung von Julius Caesar 44 vor Christus (Augustus war 18, Vergil 25) war nicht nur die Stunde Null für die Karriere Octavians. John Williams beschreibt die Szene eindrücklich als Moment der Epiphanie, in dem Octavian plötzlich sein Schicksal erkennt. Es war auch der Moment als das Schicksal der Republik endgültig besiegelt war.

Denn dadurch, dass Brutus und Cassius als Verteidiger der Republik mit der Ermordung Caesars den Boden der Legitimität verließen, haben sie ihren Gegnern das Spiel nach neuen Regeln eröffnet. Denn alle staatlichen und gesellschaftlichen Regeln waren damit außer Kraft gesetzt und Marcus Antonius und Octavian konnten von da an frei agieren und brutal mit dem Recht des Stärkeren ihre Interessen durchsetzen. Was vor einigen Monaten mit dem Militär Coup in der Türkei passierte, folgt einer ganz ähnlichen Dynamik und Erdogan nutzt die Gunst der Stunde um seine Autokratie zu zementieren.

John Williams beschreibt mit bemerkenswerter Nüchternheit wie Octavian die Regeln dieses neuen Spiels trotz seiner Jugend sofort intuitiv versteht. Ja dass er durch seine Jugend in diesem Spiel sogar einen Vorteil hat, weil es für ihn noch keine gewachsenen Loyalitäten und Abhängigkeiten gibt, auf die er Rücksicht nehmen müsste. Sein großer Trumpf ist, dass er von Julius Caesar als Erbe eingesetzt ist, was ihm vor allem beim Militär viel Rückhalt gab.

In diesem archaischen Spiel sind Macht und Gewalt die einzige Währung und wer sich Sentimentalitäten oder gar Idealismus erlaubt, ist schnell draußen. Octavian war völlig skrupellos, doch, anders als Marcus Antonius, auch mit einer realistischen Selbsteinschätzung. Er bildete sich nicht ein selbst alles am besten zu können sondern überließ viel seinem zweiten Mann Marcus Agrippa im Vertrauen auf dessen praktischem Verstand.

Dem Typus nach hat Augustus bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Vladimir Putin, nicht zuletzt in seinem symbiotischen Verhältnis mit Medwedew, das an jene Beziehung Augustus mit Marcus Agrippa erinnert. Auch Putin ist ein genialer Mechaniker der Macht, der, ob in Tschetschenien, in der Ukraine oder jetzt in Syrien, immer haargenau weiß wieviel machtpolitischen Spielraum er hat.

Das fatale an diesem archaischen Spiel des survival of the fittest, ist, dass dieses Spiel seinen Gegnern seine Regeln aufzwingt. In Putins Spiel ist der Konsenszwang der EU als schwächender Faktor längst mit einkalkuliert, was die Gegenseite zum Reagieren verdammt. Und jeder Zweikämpfer weiß, dass der, der nur reagiert, am Ende der Verlierer ist.

Auch im aktuellen US Wahlkampf war symptomatisch, wie viele Tabus und Regeln gebrochen wurden. Zwar wurde auch in der Vergangenheit mit harten Bandagen gekämpft, doch wie diesmal von vornherein alles Diskursive und Argumentative überhaupt keine Rolle mehr spielte und Trump Ressentiment und Lautstärke zur alleinigen Entscheidungsgrundlage machte und seine Gegner Zwang, dieses Spiel mitzuspielen, war bemerkenswert und beängstigendes Zeichen dieses Paradigmenwechsels.

In Bezug auf auf Hillary Clinton ist bemerkenswert, dass sie als Figur eine ähnlich zwiespältige Position einnimmt wie Cicero. Nicht zufällig sind beide Anwälte und bei beiden, obwohl sie wohl am Ende überzeugte Demokraten waren, hat die für Anwälte typische moralische Flexibilität zusammen mit Opportunismus und Karrierismus mit dazu beigetragen, die moralische Integrität des Staatswesens stark zu beschädigen.

Vielleicht muss man ehrlich sein und feststellen, dass die Idee der Demokratie in Wahrheit die idealisierte Projektion eines bürgerlichen Bewusstseins ist. Dass das Volk, je mehr es mit den eigenen pluralistischen Entscheidungen konfrontiert wird, sich gar nicht mehr selbst regieren will. Die breite Zustimmung, die Putin, Erdogan in der eigenen Bevölkerung finden und das Liebäugeln mit autokratischen Figuren in vielen europäischen Ländern muss einen zumindest nachdenklich machen. Letztendlich war auch die von Augustus eingeleitete imperialistische Periode eine anhaltend stabile Ära. Ein Leben in stabiler eingeschränkter Freiheit ist dem Volk offenbar dann doch lieber als ein unruhiges Leben in absoluter Freiheitsverheißung.

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Schon im Zusammenhang mit John Williams Stoner war öfter von Stoizismus die Rede. Auch der Augustus Roman trägt ganz deutlich diese stoizistischen Tendenzen. Vor allem die beiden Hauptfiguren Augustus und dessen Tochter Julia reflektieren die Welt aus einer stoischen Perspektive. Es geht dabei darum, die eigene Rolle in der Welt zu erkennen und als eigenes Schicksal anzunehmen.

Die Form des Briefromans, die John Williams wählt, eignet sich sehr gut dazu, auch wenn das den Einstieg etwas erschwert. Man braucht ein wenig bis man sich bei den vielen römischen Namen Orientierung verschafft hat (völlig harmlos allerdings im Vergleich zu Vergil, wo man mit hunderten von Namen bombardiert wird). Doch die Betrachtung der Welt aus vielen verschiedenen Einzelperspektiven illustriert sehr anschaulich dieses merkwürdige Zusammenspiel von individuellen Rollen, die sich zu einem individuellen und universalem Schicksal formen.

Gerade der Verzicht auf eine zentrale auktoriale Perspektive reflektiert den individualistischen Aspekt des Stoizismus. Einen Aspekt, den der Stoizismus übrigens mit der anderen philosophischen Strömung des römischen Kaiserreichs, dem Epikureismus, teilt. Was kein Zufall ist, da sich mit dem Zerbrechen der Republik das philosophische Selbstbewusstsein zwangsläufig von der Gesellschaft auf das Private verlagern musste.

Es ist durchaus faszinierend, das who is who der römischen Welt vorbei ziehen zu sehen, neben den politischen Protagonisten von Julius Caesar bis Cleopatra haben auch die berühmten Dichter der Epoche Horaz, Vergil und Ovid ihren Auftritt. Doch auch Freunde, Familie, Diener und Soldaten kommen zur Sprache.

Wie bei Stoner kann man auch bei Augustus und Julia darüber streiten, ob deren Leben ein glückliches ist oder nicht. Es gab Momente des Rausches und des Glücks doch auch Katastrophen und lange Phasen zäher Pflichterfüllung. In allen Fällen liegt im Rückblick eine Atmosphäre tiefer Melancholie, bei der man schwer sagen kann ob sie nun tröstlich oder tragisch ist.

Wenn man will, kann man im bereits erwähnten John Updike die epikureische Gegenperspektive sehen. Und ich wüsste nicht welcher Richtung ich der Vorzug geben wollte. Ich habe ungeheure Sympathie für Updikes Blick auf die Welt, der bei aller Ernsthaftigkeit doch immer gelassen und lebensfreundlich bleibt. Doch eben auch großen Respekt vor dem idealistischen Lebensernst von John Williams.

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John Williams hat selber gesagt, dass Augustus kein historischer Roman ist. Er ist vielmehr eine ins universal historische vergrößerte Parabel der eigenen Lebenserfahrung, die dramatischer und bewegter war, er erlebte die große Depression und den zweiten Weltkrieg als Soldat hautnah, als die der meisten heutigen Leser, doch eben nicht das Schicksal einer historischen Figur.

Es ist daher müßig festzustellen, dass sein Bild von Augustus, Julia und anderen wohl kaum der Wirklichkeit entspricht. Vor allem der stoische Idealismus, den er diesen Gestalten unterschiebt, ist eine Fiktion. Narzissten vom Format eines Augustus haben überhaupt kein Organ für so etwas. Alleine der selbst verfasste Tatenbericht („Res gestae divi Augusti“), der sich ohne die geringste Scham unter Beschönigungen und Lügen selbst preist, zeigt völlig unverstellt, wes Geistes Kind er war.

Und das Verhältnis von Augustus zu seiner Tochter Julia war wohl weniger ein Lear Cordelia Verhältnis wie John Williams suggeriert als eines von Lear zu Goneril. An den Gerüchten, dass sie in eine Verschwörung zur Ermordung ihres Vaters verwickelt war, ist wohl etwas dran. Wie ja überhaupt in dieser Welt, in der der Humanismus suspendiert war, permanent zum Machterhalt oder Machterwerb gemordet wurde. Auch Julia selbst starb kurz nach Augustus Tod unter mysteriösen Umständen und es gab Gerüchte, dass Livia beim Tod von Julias Söhnen ihre Hände im Spiel hatte, um die Interessen ihres eigenen Sohnes Tiberius zu wahren.

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Vergil begann mit der Dichtung der Aeneis um 30 vor Christus, eben als Augustus nach dem Tod von Marcus Antonius die Alleinherrschaft erlangt hatte. Dem war eine Dekade blutigen Gemetzels vorausgegangen mit Ermordungen, die in die Tausend gingen. Eines der ersten Opfer dieser sogenannten Proskriptionen war Marcus Tullius Cicero gewesen, dessen Kopf und Hände auf dem römischen Forum ausgestellt wurden.

Die Aeneis beginnt vielleicht nicht zufällig mit einer Sturmszene, an deren Ende die dezimierten Schiffe des Aeneas an der Küste vor Karthago landen. Nach der freundlichen Aufnahme durch Dido wird die Geschichte vom Fall Trojas, der Flucht und den Irrfahrten in einer Rückblende von Aeneas erzählt.

Interessant an der Troja Erzählung ist die Rolle des Laokoon, eines Priester des Apoll, der nicht nur wie Kassandra den Untergang vorhersagt sondern explizit darauf hinweist, dass sich im Trojanischen Pferd griechische Krieger befinden. Dass niemand auf ihn hören will und er dann von zwei Seeungeheuern zerfetzt wird, ist vielleicht eine verstohlene Andeutung auf Cicero, der der große Warner vor dem Untergang der Republik war, der aber genauso wenig erhört wurde wie die Warnungen der New York Times im zurückliegenden Wahlkampf.

Die Liebesgeschichte zwischen Dido und Aeneas, die die Kalypso Episode der Odyssee spiegelt und kulturhistorisch die langanhaltenste Wirkung hatte, exemplifiziert in Aeneas das Element der Entsagung, das von Moral und Vernunft untrennbar ist. Dido steht wie Turnus im zweiten Teil für die thymotischen Affekte, das Ausleben des Selbstgefühls.

Eine stabile demokratische Gesellschaft ist nur möglich, wenn alle bereit sind Opfer zu bringen. Diese Opferbereitschaft wird durch Liberalismus und Hedonismus immer wieder ausgehöhlt bis jenes Bündnis der gemeinsamen Verantwortung zerbricht. Es scheint eine fatale Illusion zu sein, es könne eine gleichzeitig aufgeklärte und liberale Gesellschaft dauerhaft geben. Liberalisierung erzeugt einen Sog der Dekadenz, der eine explosive Mischung aus Gier und Neid heranzüchtet.

Kann man jemanden wie Donald Trump zehn Jahre als Reality Show Star den Kult des Egoismus zelebrieren lassen, eine Gesellschaft jahrzehntelang mit Superhelden Größenwahn Fantasien berieseln, ohne dass das Auswirkungen auf das Selbstgefühl einer Gesellschaft hat?

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Wenn Aeneas und die seinen in Latium ankommen, ist König Latinus ja bereit, sie aufzunehmen und durch die Vermählung von Aeneas mit seiner Tochter Lavinia das Bündnis zu besiegeln. Es ist Juno, die den stolzen Turnus, der Lavinia liebt, durch Alekto (eine der drei Furien, die bezeichnender Weise für Wahn, Neid und Rache stehen) zum Widerstand aufstachelt und den Krieg anzetteln lässt. Im Krieg wird der jugendliche Pallas, Sohn eines mit Aeneas verbündeten Königs, von Turnus, obwohl Pallas als Knabe unterlegen ist und sich ergibt, getötet.

Das letzte Buch beginnt mit dem allgemeinen Beschluss zwischen Latinus und Aeneas und seinen Verbündeten, den Ausgang des Krieges durch einen Zweikampf zwischen Aeneas und Turnus entscheiden zu lassen. Doch die Kämpfer um Turnus missachten diesen Beschluss und stürzen sich erneut in Gefechte. Das heißt, es gibt kein gesellschaftliches Überich mehr, das von allen akzeptiert wird.

Für den bereits erwähnten Schluss der Aeneis ist dieser Kontext von entscheidender Bedeutung. Immer wieder wurde angemerkt, Aeneas verletze mit der Tötung des Turnus seine Pietas. Doch wenn es diesen gemeinsamen Konsens nicht mehr gibt, sind auch die Regeln des Humanismus außer Kraft gesetzt. Es gelten die archaischen Regeln des Überlebens, des entweder Du oder Ich, wie es auch nach der Ermordung von Julius Caesar der Fall war.

Turnus, das Symbol des Egoismus, muss getilgt werden, um eine Heilung des Gemeinwesens überhaupt erst wieder möglich zu machen. Der Name des Jünglings Pallas, durch die Erinnerung an dessen Tod Aeneas in jenen Zorn versetzt wird, ist in diesem Zusammenhang kein Zufall. Pallas ist auch der Name von Minerva bzw. Athene, eben jener Göttin der Kultur, der Städte und des Gemeinwesens.

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Ganz gewiss ist Vergil im Spannungsfeld von Stoizismus und Epikureismus ersterem zuzuordnen, doch gibt es bei Vergil jenes utopisch transformative Element, das über den Stoizismus hinausgeht. Zwar wäre er wohl deprimiert gewesen darüber wie sich Rom nach seinem Tod weiter entwickelte, das mit Tiberius, Caligula, Claudius und Nero in der Dekadenz immer weiter fortschritt (der Schluss von John Williams Roman enthält auch eine entsprechende Pointe).

Doch in das moralische Vakuum dieser Zeit stieß kein anderer als Jesus Christus. Vergil wurde denn auch vom Christentum als Prophet Christi gesehen, was zwar historisch unmöglich doch mythologisch durchaus folgerichtig ist. Nicht umsonst erwählte sich Dante Alighieri für seine Commedia niemand anderen als Vergil zum Begleiter. Auch Dantes Zeit war eine Zeit der Dekadenz und der Krise, in der die Furien ihr Unwesen trieben. In der die christlichen Päpste einen ähnlichen Zynismus entwickelt hatten wie die frommen Römer zur Zeit Augustus.

Der Beginn der Ära Trump ist nicht der Untergang der Welt, doch ganz gewiss der Beginn einer Ära des Zynismus, in der der Humanismus sich auf eine Eiszeit einrichten muss.

14:38 11.11.2016
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Geschrieben von

Thomas.W70

Was vom Leben übrig bleibt
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