Charmante Banditen

Volksvermögen In der Neuausgabe wirkt Eric Hobsbawms Klassiker "Räuber als Sozialrebellen" etwas aus der Zeit gefallen

Im Gebirge und in Wäldern zwingen Banden von gewalttätigen und bewaffneten Männern, die sich außerhalb der Reichweite von Gesetz und Autorität bewegen, ihren Opfern durch Erpressung, Raub oder auf andere Weise ihren Willen auf. Damit stellt das Banditentum zugleich die wirtschaftliche, soziale und politische Ordnung in Frage, denn es fordert diejenigen heraus, die über Macht verfügen, Recht setzen und die Ressourcen kontrollieren oder zumindest Anspruch darauf erheben. Darin liegt die historische Bedeutung des Banditentums in Gesellschaften, die von Klassengegensätzen geprägt sind, und in Staaten." So beginnt das Kapitel "Banditen, Staaten und Macht", das Eric Hobsbawm 1999 für die überarbeitete Neuausgabe seines Klassikers Bandits von 1969 geschrieben hat. Für die deutsche Ausgabe des Originals, die 1972 bei Suhrkamp erschienen war, hatte man damals nur drei Jahre gebraucht, für die Neuausgabe, die seit knapp zwei Jahren bei Hanser vorliegt, immerhin sieben.

Tempora mutantur - Die Banditen gehört zu den Büchern, zu denen man ein irgendwie nostalgisches Verhältnis hat, eine Erinnerung, ein abgespeichertes Schlagwort. "Räuber als Sozialrebellen", so der Untertitel, hatte ja auch etwas unwiderstehlich Romantisches. Umso schöner also, dass für eine solche Gefühlslage sozusagen die wissenschaftliche Beglaubigung vorlag. Denn 1969 oder 1972 mochte man gerne Sozialrevolutionäres am Werke sehen. Im Italo-Western etwa, wo der Konnex zwischen Banditen und Revolutionären in einem imaginären Mexiko für zeitgeistig korrekte Unterhaltung sorgte. Auch der amerikanische Spätwestern von Sam Peckinpah bis Michael Cimino nutzte die unklaren Grenzen von Verbrechen, Kapital und Ordnungsmacht als Kritik an den Gründungsmythen der USA. Ungefähr gleichzeitig formulierte New Hollywood auch mit den Balladen aus der Great Depression, also mit Bonnie und Clyde von Arthur Penn (1967), mit Diebe wie wir von Robert Altman (1974), mit Dillinger von John Milius (1973) und dem Ma-Barker-Kult (Bloody Mama von Roger Corman, 1970) der Zeit einen systematischen Zusammenhang zwischen Outlaws, Armut, Ausbeutung, Kriminalität, legitimer und illegitimer Gewalt und der Staatsmacht - das FBI - als Gegenspieler, der zudem im Sold des Kapitals - sprich: der Banken - stand.

Echos dieser Konstellationen finden wir noch in Elmore Leonards spätem Roman, Die Gangsterbraut, der diesen Themen- und Motivzusammenhang ironisiert. Und Stephen Beckers kapitaler Roman Der chinesische Bandit von 1973 führte direkt in eine von Hobsbawms "sozialbanditenrelevante" Zeit und Gegend, ins China zwischen den Weltkriegen. Diese Beispiele seien nur angerissen, um die Glorie von Hobsbawms Buch als fester in seinen damals aktuellen Kontexten verankert zu verstehen als das heute vielleicht sichtbar ist.

Der Engländer Eric Hobsbawm, Jahrgang 1917, galt und gilt prononciert als "marxistischer" Historiker, was schon damals als eine wenig einleuchtende Begründung für einen durchaus traditionellen Ansatz gemeint war. Denn die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, deren Ergebnisse nicht allzu schnell mit denen der "Ereignisgeschichte" kurzgeschlossen werden können, sind ja nicht unbedingt eine genuin marxistische Angelegenheit. Hobsbawm selbst hat durchaus die Souveränität, auf Fernand Braudel hinzuweisen, dessen paradigmatisches Werk Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II (1949) er als erste "ernsthafte neuzeitliche Geschichte des Banditentums" liest. Nein, "marxistisch", man muss es befürchten, meinte damals wie heute lediglich eine gewisse forschungs- und publikationsstrategische Exzentrik. Historiker können schrecklich nüchtern sein. Staubtrocken und nüchtern gesehen, blieb schon damals von Hobsbawms Buch wenig Substantielles übrig: Nennenswerte Quellen über das Banditenwesen, das Hobsbawm für alle möglichen agrarischen Gesellschaften vom Balkan über China, Südamerika, Afrika, Australien zurück nach Bayern zu beschreiben trachtet, gibt es natürlich nur sehr wenig und marginal. Evidentermaßen, weil Schriftkultur nicht überall vorhanden war. Und weil vor allem die Quantität der Banditen auf dem flachen Lande - ob nun sozial motiviert und einfach raubgierig -, so rasend groß nie war, dass sie historisch ins Gewicht gefallen wären. Dort, wo Hobsbawm grosse Zahlen nachweisen kann, also für China in den 1920er Jahren, muss man allerdings sofort Begriffsfragen stellen, denen Hobsbawm definitorisch ausweicht. Wo liegt der Unterschied zwischen Warlords und legalen Territorialherren? Wo sind schon nucleushaft nicht-staatliche Strukturen am Werk? Oder "schurkenstaatliche" Strukturen? Die dann natürlich immer in Relation zu den anderen, mächtigen Akteuren der Zeit und der jeweiligen geopolitischen Situation gedacht werden müssen. In "nationalstaatlichen" Epochen funktioniert eine solche Sortierung etwas einfacher als in Zeiten und Gegenden mit weitaus geringerer Regulationsintensität - also fast immer in der Geschichte der Menschheit. Bandit oder Rebell, Räuber oder politischer Gegner, wir kennen das Problem, sind oft lediglich definitorische Unterschiede, interessenabhängig, standpunktinduziert, ideologisch.

Dennoch darf man durchaus behaupten, dass Hobsbawm genau wegen solcher und anderer lästigen Probleme der Präzision und der Trennschärfe ein so erfolgreiches und beliebtes Buch schreiben konnte. Sein Bezugspunkt sind die Mythen und Balladen, das "Volksvermögen" nach Rühmkorf, das er zu unterfüttern verspricht. Robin Hood und Dillinger, italienische Briganten und korsische Banditen, Gauchos aus den Pampas Argentiniens, Heiducken vom Balkan und andere Desperados haben einen anderen, schickeren Nimbus als die plündernde und marodierende Soldateska aller Zeiten. Diesen Nimbus mit Fakten zu stützen war vermutlich die Motivation von Hobsbawm. Aber ist ein Nimbus wirklich stützbar? Eher nicht.

Warum aber eine Neuausgabe dieses wissenschaftsgeschichtlichen Klassikers? Nach einer Aktualisierung sucht man nämlich vergebens. Klar, Banditen, sozial oder nicht, in agrarischen Gesellschaften sind historisch par excellence. Tempi passati. Ebenso die populärmedialen Kontexte, die die Studie damals als ideales "Buch zum Zeitgeist" positionierten. Heute hätten wir gerne Denkansätze zu Themen wie etwa: Wie sozial sind "Verbrecherorganisationen", die die Aufgaben von deregulierten Staaten übernehmen? Wie verbrecherisch sind Staaten und offizielle Organisationen, die das Soziale der Deregulation überlassen? Wer kann wen, um beim Anfangszitat zu bleiben, herausfordern? Und wie sieht heute überhaupt ein "Klassenkampf" aus?

Natürlich soll und kann uns Eric Hobsbawm nicht alle diese Fragen beantworten - aber historisches Material oder den Hinweis auf eine Methode würden schon dankbar angenommen. Leider schweigt er angesichts der spezifischen Verwerfungen unserer Zeit sehr lauthals. Und deswegen ist auch die Neuausgabe der Banditen nur eine hübsche Lektüre, aus der Zeit gefallen und angesichts des Wütens der Welt eine charmant-nostalgische Veranstaltung.

Eric HobsbawmDie Banditen. Räuber als Sozialrebellen. (Bandits, 2000) Aus dem Englischen von Rudolf Weys und Andreas Wirthensohn. Hanser, München 2007. 240 S., 19,90 EUR

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