Crime Watch

LITERATUR / KRIMIS Laurence Shames:

Jetzt, da aus gegebenem Anlaß gerade mal wieder der olle Hemingway durch die Gazetten gescheucht wird, richten sich die Blicke auf die Keys (besonders natürlich Key West) und Florida. Für dieses Stückchen literarische Landkarte hat Papa Hemingway einen eminent hohen Stellenwert. Wenn auch einen inzwischen eher touristischen. Der letzte große medienstrategische Blickfang war (naja, der Mord an Versace vielleicht ausgenommen) »Miami Vice«, die Stilisierung einer (Stadt)-Landschaft mit beleuchtungstechnischen Mitteln. Aber das ist auch schon wieder fast zwei Dekaden her. Der Koks- und Mordboom im Florida der frühen und mit tleren 80er hatte den »Sun State« zu einem lohnenden Objekt für eine Literatur gemacht, die sich (damals) als skeptisch-illusions freie Stimme wider den Wahn der Reagan-Jahre verstanden hatte. Allein aus dem Miami Herald gingen drei kritische Schwergewichte der Florida-Literatur hervor: Charles Willeford, Edna Buchanan und Carl Hiaasen. Willeford konnte ger ade noch seinen grimmigen Hoke-Mosley-Zyklus beginnen, bevor er starb; Edna Buchanan schrieb gnadenlos komische Polizeireportagen, bevor sie unbedingt gnadenlos ungeschickte Romane zu Papier bringen mußte. Carl Hiaasen kübelte ganze Eimer voll groteskem Gift und Galle über die Politik der Umweltzer störung, über den Tourismus-Wahn und die merkwürdigen Neurosen des Zeitgeistes, bevor auch er der Bestseller-Formel er lag und nur noch hübsch gemeine Büchlein ablieferte. Andere Autoren wie Thomas McGuane und Thomas Sanchez (letzterer hat die his panophone Grundstim mung von Florida in den Mittelpunkt seiner Romane gestellt), sind zumindest hierzulande nichts gewor den. Dafür gelang es der eher hausfraulich biederen Carolina Garcia-Aguilera, das hiesige Publikum zu er obern. Und, seit einiger Zeit, Laurence Shames.

Dessen erstes Buch, Sunburn oder Stille Tage auf Key West hatte noch den leisen iro nischen Charme des Neuen. Nach all den grotesken Loopings von Hiaasen Co. brachte er mit seinen Romanen über pensionierte Mafiosi aus New York einen frischen Farbtupfer auf die Keys. Aber ach, auch Shames erliegt seinem Erfolg. Denn mit dem Erfolg stellt sich bei ihm eine fatale in tellektuelle Erschlaffung ein, um es mal milde auszudrücken. Sein neues Buch, »Die Freunde der russischen Oper« hat zwar noch die Ingredienzen der frühen Werke: Märchenhaft gute Menschen, die sich mit Chuzpe gegen nicht so gute Menschen durchsetzen. Und so kann man auch schwer etwas gegen den liebenswert alzheimerischen Sam Katz haben, dessen Sohn Aaron auf Key West eine Pension be treiben möchte, aber - hier jetzt wird's ulkig - der »Russenmafia« in die Quere kommt. Die Russenmafia ist böse. Sie pütschelt sogar mit Plutonium herum. Aber sie ist nicht nur böse, sondern auch dumm, brutal, tückisch und vor allem häßlich. Daran kann man sie erken nen. Sie ist das genau Gegenteil des friedlichen US-Amerikaners (auch wenn der russische Vorfahren hat, die Mafia hingegen besteht aus »Sowjets«), der den Kalten Krieg noch einmal gewinnen muß und zur Belohnung dafür in Gestalt zweier netter Obdachloser ins Weiße Haus eingeladen wird. Hilfreich gegen die Russen ist die US-italienische Mafia und ihr Know How. Das hat dann schon wieder fast ein tief ere Wahrheit, wenn wir an die Rolle dieser Organisation im Zweiten Weltkrieg denken.

Aber eben nur fast, denn Shames' Schwarzweißmalerei ist ein grob schläch tiger Rückschritt: Alle genannten und viele ungenannte Florida-Thriller (einen schönen Überblick gibt immer noch D.B. Blettenbergs Essay »Florida Thrill« in Underground 3/1991) hatten die schöne Eigenschaft, an den komplizierten poli tischen (Coca-Con nec tion, Exil-Kubaner, Immobilien wirt schaft, Karibik etc.) und den dito ge ographisch-metereologischen Besonderheit en (Everglades, Keys, Hurricans) Floridas feste Wertvorstellungen zu zer reiben und zu zerbröseln. Shames geht, ohne Not, den umgekehrten Weg - mit einem kräftigen Schuß Xenophobie und der ganz und gar unironischen Märchenthese, daß »das Verbrechen« etwas ist, was man aus einer Gemeinde aus merzen kann. Auf daß dann wieder Idyll und Bukolik herrschen. Letzteres ist sicher dem Tourismus-Boom, auch anläßlich von Hemingways 100stem, hoch willkommen.

Laurence Shames: Die Freunde der russischen Oper. (Mangrove Squeeze, 1998). Roman. Dt. von Kristian Lutze. München: Manhattan by Goldmann 1999, 351 Seiten, DM 22.-

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