Crime Watch

Crime Watch Nr. 136

So war das also: Nicht etwa ein gieriger Verwandter des Hauses Baskerville hatte versucht mittels eines phosphorleuchtenden Monsterhundes die Erbfolge des gigantischen Familienvermögens zu korrigieren. Das wollte uns Sir Arthur Conan Doyle in seinem berühmten Schocker Der Hund der Baskervilles nur erzählen. Hinter seinem eigenen Rücken, gegen seinen Willen gar. Alles, was wir bisher nach der Lektüre und nach 24 Verfilmungen der düsteren Mär über das Mördervieh von Dartmoor wissen, ist falsch. Ganz falsch.

Die wirkliche Geschichte konnten wir auch gar nicht kennen, weil wir noch keinen richtigen Begriff von der Disziplin der "Kriminalkritik" haben. Der französische Literaturprofessor Pierre Bayard schafft in seinem Werk Freispruch für den Hund der Baskervilles. Hier irrte Sherlock Holmes Abhilfe: "Kriminalkritik" ist ein "interventionistisches" Verfahren, das sich nicht vom Text eines Kriminalromans beirren lässt. Sie korrigiert die (Justiz-)Irrtümer des Textes notfalls gegen ihn selbst, und schafft so Gerechtigkeit für die literarischen Figuren. Denn die existieren - egal, wie fiktiv sie erscheinen mögen -, nicht nur im Text, sondern mischen sich in die Realität ein und haben deshalb Anspruch auf Minderheitenschutz, Gerechtigkeit und Wahrheit. Im Fall der Baskervilles heisst das in Kurzfassung: Conan Doyle hasste Sherlock Holmes, weil der ihn biografisch belastete und ihn zwang, pausenlos neue Holmes-Stories zu schreiben. Deswegen konnte es passieren, dass neben Conan Doyle eine dominante Ko-Autorin auf den Plan trat: Die Figur aus dem Roman, die den einzigen wirklichen Mord begangen hat, nämlich den an dem uns von Conan Doyle und Sherlock Holmes unbedachter-, inkompetenter- und unberechtigterweise als Bösewicht präsentierten Insektenforscher. Und in diese Mörderin aus dem Jahr 1901 (da ist der Roman entstanden, da spielt er) hat sich eine historische Person aus dem Jahr 1742 "eingeschrieben", in gut Lacancanscher und Derridadascher Manier: Das Ur-Opfer, die arme Landmaid, die dunnemals lieber gestorben war als sich den empörenden Gelüsten von Sir Hugo Baskerville zu ergeben.

Somit hat Pierre Bayard einen Klassiker der Weltliteratur nicht de-, sondern re-konstruiert, gegenläufig reloaded, sozusagen. Das ist spaßig.

Man könnte auch sagen: Die eine hanebüchene Geschichte durch eine andere hanebüchene Schote ersetzt und damit dem Liebhaber-Genre der "Holmesiana" eine neue Variante intellektueller Spielerei hinzugefügt. So sollte man die Studie lesen, denn so entfaltet sie ihren Charme besonders für eine Klientel, die sich daran erfreut, fiktionale Texte so zu behandeln, als seien die dort vorkommenden Dinge und Personen lebensweltlich existent: Harry-Potter-Fans, Herr-der-Ringe-Fans, überhaupt Fans, die an ihrem Hobby viel Spaß haben.

Bayard, wir kennen das Prinzip aus seinem letzten Buch Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat (Freitag 05/2008), setzt bei der Holmes-Devotionalie allerdings noch eine Ebene drauf. Ausgehend von dem rezeptionsästhetischen Gemeinplatz, dass sich Texte in ihrer jeweiligen Rezeption jeweils neu konkretisieren, verwischt Bayard die logischen Unterschiede zwischen "fiktional" und "nicht-fiktional". Manchmal komisch, manchmal länglich, manchmal unkomisch dekliniert er sodann diverse literaturwissenschaftliche, psychoanalytische und kultursemiotische Interpretationsansätze durch. Das ist amüsant, wenn er fünf Seiten ausgibt, um philologisch die Beziehung zwischen Hund, Detektiv und Schnüffler herzustellen. Manchmal ein wenig aufgeblasen, wenn er sprachlogische Großmeister wie Saul Kripke an irrelevanten Stellen kurz einstreut, und langatmig, wenn er versucht, noch im Scherz allzu ernsthaft die Tragfähigkeit seines logischen Nonsens zu belegen. Weil Bayard dabei aber den intellektuellen Buster Keaton gibt und nicht ein einziges Mal die Miene verzieht, seien ihm solche Sperenzchen verziehen. Ein hübscher literarischer Spätsommernachmittagsscherz ist das Büchlein allemal.

Pierre Bayard Freispruch für den Hund des Baskersvilles. Hier irrt Sherlock Holmes. (L´affaire du chien des Baskervilles, 2008) Studie. Deutsch von Lis Künzli. Kunstmann, München 2008, 206 S., 16,90 EUR

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