Crime Watch No. 31

KRIMINALROMANE Fräulein von Scuderi

Die schlichte Tatsache, daß Kriminalliteratur in Deutschland keine genuine Tradition hat, kann man mit un tauglichen Argumenten zu leugnen ver suchen: Dabei kommt dann zum Beispiel der Unfug her aus, daß es mit E.T.A.Hoffmanns Fräulein von Scuderi oder mit ein paar Langweiler-Texten von Schiller, Fontane oder Droste-Hülshoff durchaus eine Tradition gegeben habe, für die man dann noch knirschend Walter Serner oder Frank Arnold bemüht.

Man kann aber auch den Traditions-Mangel als Entschuldigung (oder als Argument) für all die unbedarften Übernahmen an glo-amerikanischer, skandi navischer oder sonstweitiger Strickmuster mißbrauchen. Daraus resultierten dann bekanntlich die ganzen Halden ungeschlachter Texte aus Deutschland West und Ost, die Literarizität im Kriminalroman fürchten wie der Teufel das Weihwasser und an scheinend ernsthaft der Meinung sind, Sinn und Bedeutung von "Krimis" hätten mit Sprache nichts zu tun.

Bei beiden Modellen vermißt man schmerzlich den Hinweis auf zwei Traditions stücke deutscher Crime Fiction. Das er ste ist eher ironisch: Niemand wollte bis jetzt laut darüber nachdenken, warum mit der Dreigroschenoper zwar keine Krimi-Tradition entstehen konnte, aber immerhin eine welt bekan nte Kriminaloper ein paar Anknüpfungspunkte bereit gestellt haben könnte.

Das zweite ist ernsthafter: Mit Alfred Döblins Jahrhundertroman Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf gibt es das - auch wieder weltberühmte - Paradigma ern st zunehmender Kriminalliteratur. Die for male Komplexität von Döblins Wurf aus dem Jahr 1929 wurde in gewissem Sinn erst wieder ab Chester Himes' Blind Man with a Pistol (das war 1970) mehr oder minder zum Standard gelungener Kriminalliteratur aus aller Welt. Der thematische Rahmen, also die Geschichte von einem, der "in einer Menschenhaut wohnt" und "vom Leben mehr verlangt als das Butterbrot", ist in unzähligen Romanen des Genres immer wieder variiert worden. Selten allerd ings in Deutschland, weil dort Literatur auf de rart menschlicher Augenhöhe sowieso im Ruch des Trivialen steht.

Aber etwas anderes hätten deutsche Kriminalautoren allerlei Geschlechts eigentlich ganz einfach bei Döblin ver stehen können: Daß es nicht egal ist, wie man etwas erzählt. Döblin hatte das Genre-Ghetto der einfachen Sätze ohne Doppel- und Hintersinn längst geöffnet. Das Aneinanderbosseln narrativer Bausteine wäre nach ihm nicht mehr nötig gewesen. Seit Döblin könnte ein deutscher Kriminalroman Sprache als ak tiven Handlungsträger nutzen, könnte mehr zeigen als erklären, könnte polyphon sein, die Perspektiven rasend wechseln, weil Monoperspektiven der Welt kaum gerecht wer den. Er könnte gar real istisch sein, weil er Sprache als Mittel der Realitätsbearbeitung (und nicht als Mittel der Realitätssimulation) nutzen könnte. Man hätte von Döblin ler nen können, wie man eine Stadt nicht auf die Rolle von Schauplatz oder Setting beschränken muß, sondern sie ebenfalls in die Reihe der handelnden Figuren aufnimmt. Komisch nur, daß eine Menge nicht-deutscher Autoren dieses Prinzip kapiert haben: Siehe Simenons Paris, Himes' Harlem, Wambaughs L.A. oder Taibos Mexiko City. Egal, ob die nun Döblin gekannt haben oder nicht. Die Deutschen hätten ihn zumindest ken nen könnnen.

Und dann ist ja noch die Geschichte vom Franz Biberkopf, dem gebeutelten und gerackelten Lowlifer, über dessen Milieu und die darin wuselnden Menschlein der deutsche Kriminalroman sowieso kaum et was weiß. Wie auch, bei dem Anteil von Beamten, Gattinnen und wohldotierten Mittelständlern, die lieber im gepflegten Eigenheim am Rande des Städtchens leben und sich nur ausmalen, wie die Welt da draußen sein könnte. Auch das hätte man am Armenarzt Döblin studieren können: Daß man, bevor man Romane schreibt, etwas zu erzählen haben muß, was man im Handgemenge mit der Wirklichkeit erfahren hat.

Und weil diese Döblin-Erfahrung mindest 90 Prozent der deutschsprachigen Kriminal literatur empfindlich fehlt, en det diese Kolumne für dieses Jahrtausend mit dem Aufruf, nicht Döblin ab- und nachzuschreiben, aber sich seine Prinzipien ganz genau anzuse hen.

Döblin: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf. Roman. (1929) Sammlung Fischer, Frankfurt am Main 1999, 490 Seiten, 34.- DM

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