Crime Watch No. 35

KOLUMNE Schnappt Chili (im Original: Be Cool) ist die Fortsetzung von Schnappt Shorty (Get Shorty). Der neue Roman von Elmore Leonard handelt demnach von den ...

Schnappt Chili (im Original: Be Cool) ist die Fortsetzung von Schnappt Shorty (Get Shorty). Der neue Roman von Elmore Leonard handelt demnach von den weiteren Abenteuern des Kredithais Ernest "Chili" Palmer, der am Ende von Get Shorty mit dem Film Schnappt Leo ein erfolgreicher Hollywood-Produzent geworden ist. Hier am Anfang des neuen Romans lernen wir, dass die Fortsetzung von Schnappt Leo mit dem schön blöden Titel Schnappt zu ein veritabler Flop war - weil - Schicksal der Kleinwüchsigen - der Schauspieler Michael Weir (im richtigen Film Get Shorty hieß der Kleinwüchsige Danny DeVito) im Sequel nicht auftreten wollte und ein neuer Hauptdarsteller hermusste. Deswegen allerdings musste der Rolle in Schnappt zu eine Amnesie ins Drehbuch geschrieben werden, was den Produzenten Chili Palmer eine Menge Geld gekostet hat. So, alle Klarheiten bis dahin beseitigt?

Elmore Leonards übermütiges Verwirrspiel geht aber noch weiter: Weil also Chili Palmer in der Forsetzung von Schnappt Shorty Geld beziehungsweise einen fetten Erfolg braucht, beschließt er, einen Film zu drehen, von dem er nur eins weiss: Dass die weibliche Hauptrolle irgendwas mit Partnervermittlung zu tun haben soll. Den Rest der Geschichte will er sich aus den jeweiligen Situationen entwickeln lassen - die Story dieser Entwicklung ist die Handlung des Romans Schnappt Chili.

So zusammengefasst hätten wir einen typisch postmodernen selbstreferenziellen Schleifenroman vorliegen, zumal Leonard noch eine ganze Menge kleinerer Binnenscherze einarbeitet - zum Beispiel die Verfilmung eines Romans, der vor hundert Jahren auf Kuba spielt, womit sein eigener gemeint ist, nämlich Cuba Libre. Selbstreferenzielle Schleifenromane sind aber zumeist recht eitle bis alberne Veranstaltungen und werden seit Robbe-Grillets Zeiten eigentlich nur noch von elfenbeintürmlerischen Subventionsliteraten für satisfaktionsfähig gehalten. So einer ist Elmore Leonard bekanntlich nicht, im Gegenteil. Im Gegensatz zu den europazentrierten und in Europa bedeutend intensiver wahrgenommenen Schriffstellern wie Philip Roth oder John Updike weiß Elmore Leonard amerikanische Befindlichkeiten zu erzählen, ohne direkten Bezug auf den europäischen Literaturbegriff und -betrieb. Als Genreautor kann man ihn auch schon lange nicht mehr verstehen - der Umstand, dass auch hier wieder jede Menge gewalttätige Leute auftreten, hat wirklich nichts mit Genre-Konventionen zu tun, sondern mit Realitäten. Für seinen Film möchte Chili Palmer die Sängerin Linda Moon aus Odessa, Osttexas, zum Rockstar aufbauen und kommt nicht nur kleinwüchsigen Haarteilträgern der russischen Schutzgeldbranche in die Quere, sondern dem gesamten Verhau aus Musikindustrie, Payola (Bestechungsformen der sogenannten "Promoter", ohne die in der Tat nichts läuft im Geschäft) und interessierten Investoren der verschiedensten Couleur. Dabei fallen, wie immer bei Leonard, jede Menge grandioser Dialoge ab, und vor allem bevölkern nur allzu plausible und höchst einprägsame Typen das ohnehin nicht farblose Los Angeles.

Den Vogel schießt zweifelsohne ein riesengroßer schwuler samoanischer Bodyguard ab, in dem eine Menge verborgener Talente stecken. Und Leonard, auch das gehört zu seinem selbstreferenziellen Spiel, lässt sogar echte Menschen aus dem Showbiz aufreten (beziehungsweise erfreut er uns mit vielen schönen Anekdoten: Als Robert Mitchum beim Drehen einen Mann mit Haarteil sieht, brüllt er über den Set: "Das Toupé von dem Typ sieht aus wie die Muschi von Joan Crawford!") - und treibt damit die Vermischung von Fiktion und Wirklichkeit genau dahin, wo er sie haben will: Bis zur Karikatur des American Way of Life, bei dem nur Lügen, Betrügen und Hereinlegen zählt. Am Besten fährt der, der das alles mit der meisten Grazie betreibt. Und da wird die Karikatur zum reinsten Naturalismus: Linda Moon hat deswegen so großen Erfolg, weil sie derart manipuliert wird, dass sie ihre Manipulation am Ende besser findet als ihr originales Selbst. Wenn man das hochrechnen will auf alle Arten von Kunstwerken, dann hat man eine fröhlich-anarchistische Vision der Brave New World, bei der selbst der Horror noch unterhaltsam ist.

Elmore Leonard: Schnappt Chili. (Be Cool, 1999) Roman. Deutsch von Hans M. Herzog. Manhattan by Goldmann , München 2000, 288 Seiten, DM 22.-

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