Crime Watch No. 40

KRIMINALROMANE Es kommt vermutlich nicht oft vor: Man liest einen Thriller und bekommt dessen Essentials ein paar Tage später in einem Tierfilm im Fernsehen nochmal ...

Es kommt vermutlich nicht oft vor: Man liest einen Thriller und bekommt dessen Essentials ein paar Tage später in einem Tierfilm im Fernsehen nochmal in bunten Bildern erklärt.

Olympiade der Giftmischer hiess der Film beim ZDF, denn knapp vor dem Beginn der olympischen Spiele in Sydney ist Australien ein Thema. Und natürlich ging es nicht wirklich um einen Wettstreit deportierter Familienglieder der Häuser Borgia und Medici, sondern in gruslig-wollüstigen Bildern wurde vor allerhand giftigem Viehzeug gewarnt. Nachdem wir mittels wild planschender Kamera darauf eingestimmt wurden, dass Verzehr durch Hai oder Krokodil ein alltägliches Schicksal von Menschen down under ist, jubelte der Sprecher, dass diese Gefahr überhaupt nichts sei im Vergleich zu allerlei kleinteiligeren Killern. Und dann marschieren sie alle auf: Der abscheuliche Steinfisch, der furchtbare Stechrochen, die widerwärtige Würfelqualle, die mörderische Kugelschnecke, der grausame blaugeringelte Tintenfisch, die urbane Red-Back-Spinne, die tückische Sydney-Trichter-Spinne - und selbst das nette Schnabeltier hat, so lernen wir erschrocken, einen hässlichen Giftsporn.

Das garstigste Tier aber ist der Taipan, die »gefährlichste Schlange der Welt«. Schwarze Mamba und Kobra sind rechte Blindschleichen gegen diese Tötungsmaschine aus der Familie der Elapidae, dessen »glänzende orangefarbenen Augen permanente Wut anzeigen« und dessen »Mund, wenn es soweit ist, sich zu einem triumphierenden Grinsen verzieht, wobei die Muskeln der Giftdrüsen auf dem Kopf markant hervortreten und passenderweise an eine veraltete Stabgranate erinnern«.

Lassen wir mal beiseite, dass es höchstens »Stielhandgranaten« gibt - diese putzig anthropomorphisierende Beschreibung stammt nicht mehr aus dem Tierfilm, sonder aus dem dänischen Thriller Im Zeichen der Schlange von Michael Larsen.

Im ersten Drittel dieses erstaunlichen Romans lernen wir alles über den Taipan und ein paar verwandte Spezies: zoologisch, toxikologisch, mythologisch, freudianisch und touristisch gesehen. Und so wie der Sprecher des Tierfilms nach 44 Minuten »Oh-wie-furchtbar«-Geschrei mit salbungsvoller, benevolent grinsender Stimme verkündet, »die meisten Menschen in Australien aber sterben bei Autounfällen«, so leitet auch Larsen in seinem Thriller allmählich zu anderen, weniger realen Dingen über. Da ist zunächst einmal seine Heldin Annika Niebuhr, die zwar Schlangenforscherin ist, aber auch Genie. Denn sie ist so klug und gebildet, dass sie vermutlich schon pränatal Einstein widerlegt hat. Aber sie hat auch ein gutes Herz und einen Freund beim australischen Geheimdienst. Als der angeblich Selbstmord verübt und andere merkwürdige Dinge vorgehen, die weit ins Para psychologische spielen, wird sie miss trauisch. Und deswegen sind dann plötzlich allerlei omnipotente Dunkelmänner hinter ihr her. Je mehr sich allmählich ein hellseherisches Kind, ein vernichtender Komet, »das Böse« und Superhightech-Forschungslabore ins Bild schieben, desto nebensächlicher werden Schlangen und andere Giftnickel. So wie der TV-Beitrag ein schicker McGuffin aus gegebenem Anlass war, so erweist sich Larsen mit wissenschaftshistorischen Exkursen, wissenschaftstheoretischer Terminologie (seit den guten alten Tagen von Thomas S. Kuhn, Stephen Toulmin oder Imre Lakatos habe ich nicht mehr so viel Einschlägiges aus dieser Ecke versammelt gesehen) und philosophischen Exerzitien als Meister der Täuschung. Er benutzt den ganzen szientologischen Aufwand, um dann plötzlich etwas ganz banal Menschliches zu beschreiben - einen Fluchtinstinkt etwa - wobei der Aufwand plötzlich in die Nähe parodistischer Überzeichnung gerät. Und die ganze Summa der Naturwissenschaften steht in seinem Thriller letztendlich als trügerischer Rahmen für eine lächerliche New-Age-Story übers Para-Normale da.

»X-Files« für die gebildeten Stände könnte man sagen, wenn Larsen nicht so vertrackt komisch wäre. Dass er das alles wirklich so gebrochen und opak gemeint hat, hoffe ich wenigstens.

Denn sonst teilt er mit dem obigen Tierfilm die eine, wenig originelle Botschaft: Die Natur mag grausam sein, wahrhaft tödlich aber ist nur der Mensch, der alte Dumpfsack.

Michael Larsen: Im Zeichen der Schlange. Roman. (Slangen i Sydney, 1997) Aus dem Dänischen von Ingrid Glienke. Carl Hanser Verlag, München 2000. 375 S., 42.- DM

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