Crime Watch No. 44

KRIMINALROMANE Musik ist Kultur, und Kultur repräsentiert individuelle und kollektive Erfahrungen. Zu den mächtigen und kontinuierlichen Erfahrungen der Menschheit ...

Musik ist Kultur, und Kultur repräsentiert individuelle und kollektive Erfahrungen. Zu den mächtigen und kontinuierlichen Erfahrungen der Menschheit gehört Gewalt. Egal, in welchem Aggregatzustand, egal, in welchem Definitionsrahmen. Gewalt ist eine allgegenwärtige Konstante in den Beziehungen von Menschen untereinander.

"Der Habitus der Gewalt kennt vielerlei Formen", heißt es bei Wolfgang Sofsky. Warum sollte also Musik frei davon sein? Die Kulturpraxis Musik ist nicht ohne die Kulturpraxis Gewalt denkbar. Sogar dann nicht, wenn Musik für ein friedliches Miteinander der Menschen erklingt. Die Ode an die Freude ist ein Plädoyer für ein Konzept von fraternite und somit ganz bewusst gegen eine andere Realität von Brüderlichkeit gesetzt: Die von Kain Abel. Man muss nicht etwas gegen etwas setzen, wenn es dafür nicht einen Grund oder ein Bedürfnis gibt. Beethoven hatte dieses Bedürfnis, verständlicherweise, betrachtet man seine Zeit. So ist Gewalt eine Matrix von Musik, selbst in ihrem hymnischsten Ausdruck.

So umständlich muss man aber gar nicht argumentieren, man muss nur bemerken, was man zu welchem Anlass hört: Mit zackigen Märschen oder frommen Gesängen geht's ab in die Schlacht. In Opern spritzt das Blut eimerweise, der Gangsta Rap hetzt zu bewaffnetem Kampf und Vergewaltigung. Zu Wagner-Klängen stürzte das Dritte Reich in den Abgrund, Blues und Tango erzählen von Messerstechereien und Mord, Flamenco ist nicht nur Balz-, sondern auch Todesritual, Stiere werden zu den Klängen von Pasos Dobles geschlachtet. Düstere Geister wie Lou Reed Marianne Faithfull besingen Selbstmord und Drogentod. Zu grusligsten Gemetzeln auf der Leinwand werden liebevoll dito Musiken komponiert, und Oratorien feiern rauschend eine Hinrichtung am Kreuz, während Bänkelsänger von Schauertaten next door berichten. Rassenkämpfe werden musikalisch ausgetragen, zum Klassenkampf wird mit Musik aufgerufen. Jimi Hendrix erklärte einer ganzen Gesellschaft musikalisch und mit Musik den Krieg, und leise Barden von Randy Newman bis Georg Kreisler tröpfeln still lächelnd ihr tödliches Gift. "Doitsch-Rock" hat endgültig mit dem Unfug aufgeräumt, Pop-Musik sei irgendwie per definitionem subversiv. Live Music sorgt für echte Schlägereien seit Puccinis und Glucks Zeiten, tobende Zuhörermengen machen Kleinholz aus Sitzmöbeln, und Altamont haben wir alle in schlechter Erinnerung. Scheiterhaufen brannten zu schönen Gesängen frommer Brüder, und zarte Romantiker komponierten blutrünstige Kriegslieder wider den welschen Erbfeind. Und so weiter fort.

Insofern ist eine CD, die uns sui generis gewalttätige Musik, nämlich La Musica della Mafia präsentiert, nicht unbedingt eine Sensation. Interessant hingegen ist sie schon. Die Gesänge aus den sechziger und siebziger Jahren, die die drei Produzenten Francesco Sbano, Maximilian Dax und Peter Cedera auf einer schön ausgestatteten CD (glücklicherweise mit übersetzten Texten) versammelt haben, bieten zu netten, karg instrumentierten (Akkordeon, Gitarre, Maultrommel) Tarantellen identitätsstiftende Songs vornehmlich der kalabresischen 'Ndrangheta. Die großen Themen sind der Verrat, das Schweigen, die Rache, das Dichthalten im Knast, die in vielen Variationen dekliniert werden. Was fröhlich im Viervierteltakt dahergeschrammelt kommt, ist im Grunde eine einzige Drohgebärde: Am perfidesten vielleicht in dem Trinklied A'mbasciata (Die Botschaft). Da erinnert die Kluft zwischen Musik und Text an den lächelnden Gangster-Boss, der ganz nebenbei ein monströser Mörder ist. Wir kennen ihn aus allerlei Mafia-Filmen. Wobei wir beim Stichwort wären: Mafia-Folklore. Il Canto Di Malavita bildet den idealen Soundtrack zum Bild der alten "Moustache-Pedros", ob auf Sizilien, in Neapel oder dem Brooklyn des frühen 20. Jahrhunderts virulent. Die guten, alten Verbrecher haben jetzt auch ihre Folk Music, wie die Narco-Barone in Nordmexiko heute oder der Ku-Klux-Klan down south, damals.

Die immer noch anhaltende wirtschaftliche und soziale Isolation Kalabriens, das seit tausenden von Jahren eine Eroberungswelle nach der anderen abgesessen und überlebt hat, trägt allerdings zum Nimbus des Geheimnisvollen und Numinosen kräftig bei. Und deswegen können wir uns, wenn wir die Texte kennen, bei dieser Musik trefflich gruseln. Sonst pfeifen wir nur mit.

Il Canto Di Malavita. La Musica della Mafia. CD. PIAS Recordings, Hamburg 2000, 29,99 DM

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