Crime Watch No. 68

Kolumne Kriminalliteratur, so könnte das Fazit für das vergangene Jahr lauten, lässt sich am besten über allerlei "Events" vermarkten. Mord-Dinner, ...

Kriminalliteratur, so könnte das Fazit für das vergangene Jahr lauten, lässt sich am besten über allerlei "Events" vermarkten. Mord-Dinner, kriminelle Flussfahrten, neckische Preisrätsel, tödliche Coiffeur-Sessions und allerlei Scherz Frohsinn mehr sind anscheinend die idealen Marketing-Instrumente für melancholische Nordland-Schmöker, bleischwere deutsche Betroffenheitsschwarten und garantiert ironiefreie Pseudohardboiler jedweder Provenienz. Entweder wabert der Tiefsinn oder es herrscht gnadenlose Witzischkeit - Hauptsache, ein Buch hat noch eine "Story" hinter dem Buch, die am besten eine "home story" ist. Bücher, die sich am widerstandslosesten diesem ganzen würdelosen Fidelwipp ergeben, die keine ästhetische Widerständigkeit haben, versprechen schöne Erfolge auf dem Markt. So ist denn auch der Zustand des Genres im Großen und Ganzen: Fröhlich, schlabbrig, ex-und-hopp.

Ein besonders suspektes Werkzeug des Marketings ist die Kombination von Erfolgsformeln. Wie zum Beispiel Essen Als Rex Stout das dunnemals gemacht hat, war es noch nicht trendy, und auch ein Wurf wie Nan und Ivan Lyons´ Die Schlemmerorgie war 1976 ein Einzelstück. Jetzt gibt es sogar eine ganze Reihe, die sich GourmetCrime nennt. Sechs Bände sind inzwischen erschienen, von denen mir der Verlag drei nicht zukommen lassen wollte.

Das ist natürlich schade, denn auf Grund von zwei Texten - Schnecken mit Kaninchen von Andreu Martín und Die entartete Seezunge von Janwillem van de Wetering - könnte man fast an die List der Vernunft glauben. Denn im Gegensatz zu den oben geschilderten Fatalitäten erlauben hier die gastronomische Klammer und das hübsche Geschenkbändchen-Format Texte um die 80 Seiten. Eine Länge also, die als Roman zu kurz ist und als Short Story unter das eherne Vorurteil fällt, Geschichten seien auf dem Markt "nicht zu machen".

Van de Wetering liefert einen sperrigen Text. Der 11.09.2001 setzt in dem holländischen Bankier Johan Halbertsma Assoziationen frei. Während er den Einschlag der Flugzeuge in die Towers beobachtet, gelüstet es ihn nach gebratener Seezunge. Nur mit Zitronenscheiben und Petersilie der allerersten Qualität. Die Seezunge ist seine Madeleine, die die temps perdus zurückholen kann. Allerdings waren und sind die alten Zeiten nie perdu gewesen, denn Johan hat keine Sekunde vergessen, dass er einst seinen Adoptivbruder Henri umgebracht hat. Oder hatte er doch nur durch unterlassene Hilfeleistung Henris Tod billigend in Kauf genommen? Der 9. September führt zurück zum 10. Mai 1940, als die deutsche Luftwaffe Rotterdam "ausradiert" hatte. Während der deutschen Besatzung wurde die Bankierfamilie dann wirklich reich, Stichwort: Arisierung von Vermögen, Abwicklung von Gold-Transaktionen. Und heute grübelt Johan permanent diesem Sündenfall nach, gegen dessen Ungeheuerlichkeit ein einzelner Mord- oder Todesfall seine historische Dimension bekommt. Soweit van de Weterings bissiger Kommentar zu einer Kriminalliteratur, die nach fast hundert Jahren ihrer Genre-Geschichte das Verbrechen immer noch auf einen "Fall" reduziert.

Auch Andreu Martíns konzentrierte Erzählung strahlt eine gewisse souveräne Kühle ab. Es geht um einen kleinkriminellen Lumpi, dem durch Zufall und dank eines giftigen Ragouts aus Schnecken und Kaninchen ein nettes Bordell zufällt, das er fortan vernünftig bewirtschaften wird. Martín, dessen überragende Bedeutung als katalanischer Autor hierzulande immer noch durch den wesentlich schlichteren Vázquez-Montalbán verdeckt wird, erzählt sehr kunstvoll eine böse kleine Geschichte aus dem Alltag in Barcelona, zu dem gutes Essen einfach dazugehört. Alles Prätentiöse hat keine Chance; weder kulinarisch noch kriminalliterarisch.

Und auch moralisch nicht, denn marketingkompatible Bücher (siehe oben) müssen in der Regel entweder engstirnig mittelständische "Werte" bedienen oder einem Fake-Übermenschenkult huldigen, wie der "Gourmet" Hannibal Lector. Dumm nur, dass der Kannibale von Rotenburg so dumpf dazwischenfunken musste. Andreu Martín hingegen verstört auf der "normalen Ebene". Seine literarische, kulinarische und ästhetische Moral ist wahrhaft pragmatisch und ihren Bedingungen angepasst. So gehen das Fressen die Moral dann doch zusammen. Vor trendigen Nachahmungen aber wird lauthals gewarnt.

Janwillem van de Wetering: Die entartete Seezunge. Deutsch von Klaus Schomburg. 79 S.,


Andreu Martín: Schnecken mit Kaninchen. Deutsch von Angelica Ammar. 78 S.,


Beide Hamburg/Wien: Europa-Verlag 2002, 7,90 EUR

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