Crime Watch Nr. 143

Crime Watch Es ist keinesfalls bemerkenswert, wenn ein Stadtporträt die Kriminalität vor Ort substantiell mitbehandelt. Aktuell und historisch, wie man an vielen ...

Es ist keinesfalls bemerkenswert, wenn ein Stadtporträt die Kriminalität vor Ort substantiell mitbehandelt. Aktuell und historisch, wie man an vielen New-York- oder London-Büchern sehen kann. Umso mehr dürfte man so etwas im Falle Johannesburgs erwarten. Die Megapolis des südlichen Afrika, mit acht Millionen Menschen im Großraum, mit prekärer Apartheids-Geschichte und problematischer Gegenwart, wäre natürlich der ideale Gegenstand für so ein Projekt.

Johannesburg. Insel aus Zufall von Ivan Vladislavic´ ist ein bemerkenswerter Text, weil er genau so nicht tickt. Entstanden in Zyklen für verschiedene architekturtheoretische und künstlerische Diskurse, ist die Sammlung auch formal eine ziemlich interessante Angelegenheit: Vladislavic schließt seine Beobachtungen ständig kurz mit Wahrnehmungsrastern von Genpei Akasegawa, dem japanischen Konzeptkünstler, mit Charles Dickens´ Londoner Skizzen, Benjamins Passagen oder mit Michel de Certeaus Theoremen über Alltagsleben und Alltagsräume. Vladislavics "post-moderne" Auffassung, in der sich Individuen in chronotopischen Gefilden tummeln, will jedoch die Allgegenwart von Gewalt, Verbrechen, Mord und Tod gar nicht überwölben. Sein Johannesburg ist keine Welt mit dazugehöriger Unterwelt oder mit bestimmten Territorien des Verbrechens, sondern ein genuiner Verbrechensraum.

Schon die ersten beiden Sätze zeigen das: "Macht man einem Haus Angst, indem man es mit einer Alarmanlage sichert, dann benimmt es sich ziemlich aggressiv. Mehrmals täglich muss man es scharf schalten." Und so geht es konsequenterweise weiter - Vladislavic besichtigt keine Sehenswürdigkeiten, sondern räsoniert über Alarmanlagen und Sicherheitsdienste, Verhalten bei Straßenschlachten und Stadtwilderern. Die für Südafrika typischen Konflikte zwischen den Ethnien rücken so in ein gewalttätiges Kontinuum, das man dementsprechend literarisch-essayistisch behandeln kann, ohne in Klischees wie "Hölle Johannesburg" oder dergleichen zu verfallen. Natürlich hat Vladislavic auch seine makabre Freude an dieser Methode, er kann kaum einen netten Badesee beschreiben, ohne zu erwähnen, wann man wo welche Leichen herausgefischt hat, die ein paar Serienkiller dort zuvor hingerichtet hatten.

Großthemen wie "soziale Spannungen" werden nicht hysterisiert, skandalisiert oder sonst wie isoliert, weil sie in dieses Kontinuum, in den Fluss des Gesamtdebakels hineingehören - ja, es mit-produzieren. Wenn ein Manager im Monat sechzig mal soviel verdient wie ein einfacher Angestellter oder Arbeiter im Jahr, dann braucht man zur Einschätzung der sozialpsychologischen Lage keinen großen Apparat. Einfache Beobachtungen und Splitter, Mosaikteilchen und Momentaufnahmen sind da präziser. Ein paar rote Fäden genügen für die nötige narrative Konsistenz: Die Story von Max, dem Gorilla aus dem Zoo, der einen flüchtigen Einbrecher erst packt, dann beißt, schließlich in ein Feuergefecht mit der Polizei gerät und verwundet wird; die Systematik des Wortes und des Terminus "Gorilla", gesehen in technologischer, biologischer und rassistischer Hinsicht; die Geschichte von Piet Relief, dem würdevollen Stadtstreicher; der Mordfall Greeff, eine besonders abscheuliche Variante des Auftragsmords an der Ehefrau; und natürlich die Geschichte von Herman Charles Bosman, einem der wichtigsten südafrikanischen Schriftsteller, der seinen Stiefbruder erschoss und zum Tode verurteilt wurde, jedoch wieder freikam und daraufhin bemerkenswerte Einsichten über Johannesburg formulierte.

Vladislavics ästhetische Methode und die Dinge, die er beschreibt - all das macht das Buch so ungewöhnlich. Gewalt und Verbrechen als nicht-sensationalistisches Strukturelement für Alltags- und Stadtgeschichte - das ist klug und wirkungsvoll, weil es keine intellektuellen no-go-areas aufbaut. Nicht nur am Beispiel Johannesburg.

Ivan Vladislavic´ Johannesburg. Insel aus Zufall. (Portrait with Keys: Joburg what-what, 2006) Deutsch von Thomas Brückner. A1, München 2008, 269 S., 19 EUR

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