Die Musik der Freiheit

Familienbild Ein Streifzug durch neue Jazz-Bücher

Immer zu Weihnachten könnte man den Eindruck haben, die Deutschen seien richtige Jazz-Fans. Das liegt aber vermutlich nur an den schicken CDs mit Weihnachtsmusik, die von den Plattenfirmen der gerade angesagten Jazz- oder Pseudojazz-Größen in den Markt gebombt werden. Dieses Jahr also Till Brönner, garniert mit allerlei Talkshow-Auftritten und anderem PR-Gedöns, als ob´s tatsächlich um Jazz ginge. Aber an den harten Fakten kommen wir nicht vorbei: Jazz ist heutzutage immer noch eine Minderheitenmusik, egal, ob man uns Norah Jones als Jazz verkaufen will, oder Roger Cicero oder eben Till Brönner und egal, was die Roger Willemsen zu dieser Musik zu sagen hat. Allerdings besteht die Minderheit der Jazz-Fans hauptsächlich aus hard core aficionados, die rein quantitativ dennoch einen ausreichenden Markt bilden, der eine mal mehr, mal minder blühende Jazz-Kultur mit Konzerten, Festivals, Plattenlabels, Zeitschriften und Büchern am Leben hält; hartnäckig, immer wieder kreativ, stets auch historisch interessiert. Dafür, Jazz als exemplarische Musik der Freiheit zu mögen, gibt es durchaus genügend Gründe, die über das rein Geschmäcklerische hinausgehen.

Der subjektive Faktor

Jazz-Aficionados, der Autor dieser Zeilen selbst ist seit 35 Jahren einer, neigen zu harten Normen. Die haben vermutlich mit der eigenen Sozialisation zu tun - welche Spielart des Jazz man am Anfang für sich entdeckt hat, welche Musiker, welches Idiom, das alles setzt sich im Unterbewussten fest, und die Gefahr und das Bedürfnis liegen nahe, diese persönliche Norm später mehr oder weniger geschickt argumentativ zu verteidigen. Natürlich sind auch Aficionados lernfähig, neugierig, nicht a priori dogmatisch oder ignorant. Dennoch ist dieser stark subjektive Faktor immer Teil des Räsonnierens über den geliebten Gegenstand, bewusst oder unbewusst.

Das gilt auch für einen Klassiker auf dem Jazzbuch-Markt - für Michael Jacobs´ All that Jazz. Die Geschichte einer Musik, gerade in einer dritten, überarbeiteten und ergänzten Auflage erschienen. Die subjektive Prägung von Jacobs manifestiert sich weniger in allzu deutlich durchscheinenden Geschmacksurteilen und Präferenzen (für Duke Ellington gegenüber Count Basie etwa), sondern eher im gesamten Design des Buches. Die historischen Kapitel sind samt und sonders wacker - von New Orleans bis zu Wynton Marsalis alles korrekt da, alles referiert, alles nachschlagefest. Und alles schon so oft da gewesen, so oft gelesen, so oft repetiert, dass man verzweifelt auf irgend einen originellen, neuen Dreh wartet. Der aber kommt nicht. Und dann schlagen eben doch die Defizite durch, die bei näherer Betrachtung nicht einfach Lücken sind.

Jacobs ignoriert, beziehungsweise marginalisiert zum Beispiel den "latin tinge", das heißt die konstitutive lateinamerikanische Einfärbung des Jazz, seit Jelly Roll Mortons und W.C. Handys Zeiten. Dass relevante Latino-Jazzmusiker aus der Gewichtsklasse von Gonzalo Rubalcaba, Danilo Perez, David Sanchez, Jerry Gonzalez oder Paquito D`Rivera schon gar nicht erwähnt werden, dass kaum auf genuin europäischen Jazz, dass kaum auf die Vernetzung des Jazz mit anderen künstlerischen Formen eingegangen wird, dass zum Beispiel die deutsche Jazz-Zeitschriftenlandschaft nur auf das gute alte Jazz Podium beschränkt ist und auch die verwendete Sekundärliteratur auf eher steinzeitlichem und konventionellen Level stehengeblieben ist, scheint weniger Versäumnis denn Konzept. Bei Jacobs ist die gute, alte westdeutsche Jazzwelt von vor 30 Jahren noch in Ordnung. Das können auch die circa 30 Seiten "Coda" nicht retten, die Robert Fischer noch hinzugefügt hat, um wenigsten pro forma den Anschluss des Buches an das Hier zu sichern. Warum man diesen Anschluss mit einem zweiten Autor gelöst hat, wird leider nirgends erklärt.

Überraschender kommt da schon eine Einführung ins Thema - aus einer völlig ungewöhnlichen Ecke: Jazz für Dummies von Dirk Sutro. Die Reihe des nicht feuilletonnotorischen Wiley-Verlags bedient alle, aber auch wirklich alle Themen des Lebens - von der Bibel über Frettchen, von Weißwein bis Migräne, von Office XP bis Diät, alles vorhanden, alles für Ahnungslose leicht gemacht, in Supermärkten, an Kiosken, an der Tanke in einer grässlichen schockgelben Aufmachung vertrieben. Keine Ahnung, ob der Frettchen-Band etwas taugt. Jazz für Dummies ist für Einsteiger und Neugierige, die vielleicht dereinst Aficionado werden wollen, jedenfalls beinahe ideal. Sutro nimmt in nicht-hermetischer, nicht-jargonhafter Sprache alle wesentlichen Themenfelder durch, die zum Jazz gehören - Geschichte, Instrumente, musikalische Strukturen, Stile, Musikerinnen und Musiker; dazu in erheblichem Maße auch Kontexte: Jazz im Film, Jazz in der Literatur, Jazzfotografie; Jazzfestivals, Jazz Clubs, Websites, Plattenfirmen.

Das Buch gibt Tipps für die Plattensammlung, fürs Equipment, für die Gründung einer Band. Und das alles kurz und knapp. Vor allem aber kompetent und mit einem Blick weit über den Tellerrand des puristisch-elitären Fandoms, mit sinnvollen discographischen Hinweisen gespickt. Sehr kurzweilig präsentiert, ohne Bleiwüste, wenn auch manchmal arg albern mit Piktogrammen aufgemotzt, dann aber wieder durch gute Cartoons aufgelockert, und länderspezifisch bearbeitet. Natürlich unterlaufen auch diesem Band die üblichen Fehler. Manchmal ist man nur verblüfft, wenn zum Beispiel Eric Dolphy für den Einsatz der Bassklarinette im Jazz keine Rolle gespielt haben soll. Aber so etwas findet man in jedem Buch, wenn man sich anstrengt. Alles in allem gibt es wohl keine bessere breitenwirksame Einführung ins Thema, weil keine Schwellenangst vor schwerer Hochkultur aufkommen kann. Wohl gemerkt: Einführung!

Jazz ohne Bleiwüste

Zwei wunderbare Bilderbücher jedoch erfüllen das Herz jazzliebender Menschen mit großer Freude. Die kennen nämlich Tonica von Kenny Dorham, Blues for Nica von Kenny Drew, Nica´s Dream von Horace Silver, Nica´s Tempo von Gigi Gryce und natürlich Pannonica von Thelonious Monk - alles Titel, die der Baronesse Pannonica de Koenigswarter (1913-1988) gewidmet sind. In ihrer Wohnung starb im März 1955 Charlie Parker, während er sich im Fernsehen die Dorsey-Show ansah; sie protegierte zeitlebens den großen Thelonious Monk, der ohne sie vermutlich hilflos gewesen wäre. Sie benutzte ihr beträchtliches Erbe - Nica war eine geborene Rothschild, Londoner Zweig - um in den Jahren von circa 1950 bis zum ihrem Tod die New Yorker Jazzszene zu mäzenieren. Im allerbesten Sinne und keinesfalls mit dem Touch von let´s go slumming, in dem sich eine Generation vorher die reichen, weißen Leute um Carl van Vechten etwa als Förderer des Jazz gefallen hatten.

Pannonica war ganz einfach für ihre Musiker da. Und alle, alle nutzen sie ihre Großzügigkeiten. Alle, alle waren gerne und entspannt zu Gast in ihren verschiedenen Wohnung, manche hausten regelrecht bei ihr - Traditionalisten und Avantgardisten, Stars und Sidemen, Weiße und Schwarze, Männer und Frauen. Wirklich ein Who-is-Who des Jazz: Miles Davis, Ornette Coleman, Duke Ellington, Carmen McRae, Ben Webster, Coleman Hawkings, John Coltrane, Charles Mingus, Sonny Rollins, Bud Powell, Julian Adderley, Melba Liston, Dakota Staton etcetera, etcetera. Pannonica fotografierte, besser: Sie knipste zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Freunde. Essend und schlafend, albern und erschöpft, konzentriert und relaxt. Fotos von großer menschlicher Qualität; keine Hochglanzbilder und keine Stilisierungen, aber respektvolle, würdige Bilder von Künstlerinnen und Künstlern in den verschiedensten Aggregatzuständen. Ein Fotoalbum, für Jazzfreunde fast ein Familienalbum. Ein nettes Surplus ist dem Band nach einem ursprünglichen Konzept der Baronesse beigegeben: Sie hat die Musiker gebeten, ihre drei wichtigsten Wünsche aufzuschreiben - herausgekommen sind sinnige, lustige, durchgeknallte und ironische Antworten; ganze Traktate über Jazz wie von Lionel Hampton etwa und erstaunlich viele spontane Ausrufe nach Geld, Sex und Respekt.

Baronesse und Genie

Das Herzstück des Bandes aber sind die Fotos von Thelonious Monk. So hat man den großen Rätselhaften noch nicht gesehen - in allen möglichen Situationen und von Nica so fotografiert, als wisse sie selbst nicht genau, wer der Pianist in diesem Moment gerade sei. Die Beziehung zwischen Baronesse und Genie hat der Pianist Tommy Flanagan trefflich gewürdigt, mit seiner Komposition Thelonica.

Der zweite herzerwärmende Prachtband ist von Robert Nippoldt gezeichnet. Jazz im New York der Wilden Zwanziger heißt er und bietet ein ästhetisch opulentes Panorama jener Musik, die man auf einer beigelegten CD anhand von historischen Aufnahmen bei der Lektüre hören kann. Nippoldts großformatige, kleinformatige und winzige, vignettenhafte Bilder fangen in schwarz/weiß- beziehungsweise sepiagetönt die Atmosphäre der Zeit ein. Aber nicht nur die konkrete geschichtliche Zeit mit Porträts von Louis Armstrong, Bessie Smith, Bennie Goodman, Josephine Baker und allen anderen einschlägigen Größen. Er fängt den Geist des Jazz ein. Zum Beispiel mit den grandiosen Willie-the-Lion-Smith-Bildern im Buch und auf dem Umschlag, mit dem Blick in Louis Armstrongs Trompete und mit dem leuchtenden Panorama von Manhattan. Das ist allerfeinste Grafik. Nippoldt liebt diese Zeit, er hatte vor Jahren einen Band über Gangster in Chicago (Freitag 39/2005)gemacht. Der war damals inhaltlich schräg geraten. Hier, beim Jazz-Band hat er sich den Jazzpublizisten Hans-Jürgen Schaal als Fachmann für Text und Kontext geholt, dessen kompetente, schöne und präzise Texten den Band zu einem reinen Vergnügen machen. Man kann, wenn man will, sogar noch das eine oder andere lernen. Und als Weihnachtsgeschenk für kluge Leute sind beide Prachtbände ideal.

Michael JacobsAll that Jazz. Die Geschichte einer Musik. 3. erweiterte und aktualisierte Ausgabe. Reclam, Stuttgart 2007, 472 S., 9,90 EUR

Dirk SutroJazz für Dummies. Deutsch von Harriet Gehring. 2. überarbeitete und aktualisierte Ausgabe. Wiley-VHC Verlag, Weinheim: 2007, 355 S., 19,95 EUR

Pannonica de KoenigswarterDie Jazzmusiker und ihre drei Wünsche. Deutsch von Michael Müller. Reclam, Stuttgart 2007, 312 S., 34,90 EUR

Robert Nippoldt/Hans Jürgen-SchaalJazz im New York der wilden Zwanziger. Gerstenberg, Hildesheim 2007, 145 S., 39,90 EUR

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